IN EIGENER SACHE
Observer Gesundheit – 1.000 Beiträge: ohne Werbung, ohne Bezahlschranke, aber mit Expertise
Der Observer Gesundheit hat heute seinen 1.000. Beitrag veröffentlicht. Ein Meilenstein für uns, der nicht nur eine Zahl markiert, sondern das gewachsene Gewicht einer Plattform, die sich fest in der gesundheitspolitischen Landschaft etabliert hat.
Seit dem Start im Jahr 2018 ist viel passiert: Damals zählten wir knapp 12.500 Zugriffe pro Monat – heute sind es rund 70.000. Diese Entwicklung zeigt, dass fundierte, meinungsstarke Beiträge zur Gesundheitspolitik mehr denn je gefragt sind – auch und gerade auf einer Plattform, die bewusst mittlerweile kosten- und schon immer werbefrei ist.
Ein großer Dank gebührt unseren Autorinnen und Autoren. Sie kommen aus Wissenschaft, Politik, Verbänden, Kassen, Unternehmen, Versorgung und Praxis – und bringen ihre Sicht auf zentrale gesundheitspolitische Fragen ein. Ihre Texte …
POLITISCHE ANALYSE
„Versicherungsfremde Leistungen“ als Kampfbegriff?
Dr. Robert Paquet
Die versicherungsfremden Leistungen sind zur Zeit das Hoffnungsthema der Krankenkassen. Wenn sie sachgerecht erstattet würden, wäre man erst einmal für ein zwei Jahre aus dem Schneider. Allerdings wird recht Unterschiedliches zu diesen Leistungen gezählt.
Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat daher in dankenswerter Weise das IGES-Institut mit einer Begriffsklärung beauftragt.[1] Die stellt jedoch die bekannten Argumentationsfiguren insbesondere zu den Bürgergeldbeziehern und zum Familienlastenausgleich fundamental in Frage. Das IMK kündigt die IGES-Studie gleichwohl als Bestätigung der traditionellen GKV-Positionen an.
Am 4. Dezember veröffentlichte das IMK diese Studie mit dem folgenden Text: „Das Gesundheitssystem müsste deutlich mehr Mittel aus dem Bundeshaushalt erhalten. 22 Mrd. Euro geben die Krankenkassen jährlich für Leistungen aus, die eindeutig versicherungsfremd sind und aus Steuern statt über Beiträge zu finanzieren wären. Für weitere 36 Mrd. Euro gilt das zum Teil. Eine Steuerfinanzierung würde Beitragssatzsenkungen erlauben.“[2] So eindeutig ist das aber keineswegs. Das IMK vereinnahmt den vorsichtigen Sortierungsvorschlag des IGES für seine politischen Interessen. Wenn man genauer liest, wird dort jedoch gezeigt, dass die Einstufung als „versicherungsfremd“ mehrdeutig ist, von …
MANAGEMENT/Wissenschaft
Finanzielle Flexibilität rettet Leben in Pflegeheimen
Bedeutet eine hohe finanzielle Verschuldung eines Pflegeheimes in Krisenzeiten, dass Sterbefälle durch schlechter werdende Pflegequalität ansteigen? Eine neue Studie von Morris et al. [1] zeigt, dass sich diese Frage nicht so einfach bejahen lässt. Die Studie analysiert mit neuen Perspektiven auf Unternehmensstruktur und Leasingverträgen, welche Auswirkungen eine finanzielle Verschuldung von Pflegeheimen tatsächlich auf die Entwicklung von Sterbefällen in Krisensituationen hat und kommt dadurch zu neuen Erkenntnissen.
Dass (finanzielle) Krisensituationen eine schlechtere Versorgungsqualität verursachen, wurde bereits in unterschiedlichen Settings wissenschaftlich untersucht [z.B. 2, 3]. Während der COVID-19-Pandemie waren Pflegeheime der Corona-Hotspot. Zu Beginn der Pandemie waren in Deutschland 50 bis 60 Prozent der mit COVID-19 Verstorbenen stationär Pflegebedürftige. Aber nicht nur die Entwicklung der Sterbefälle war von Bedeutung. Pflegeheime wurden vor enorme finanzielle und teilweise existenzbedrohende Herausforderungen gestellt, bedingt durch Mehrausgaben für Sachmittel und Personal sowie durch unbesetzte Heimplätze. …
MANAGEMENT/Trends
Pflege ist systemrelevant: Jetzt ist ein System notwendig, das trägt
Monika Nirschl
Die Debatte um die Zukunft der stationären Pflege wird heute oft in dramatischen Schlagzeilen geführt: Insolvenzen, Fachkräftemangel, Pflegenotstand. Dass diese Lage ernst ist, steht außer Frage. Doch sie lässt sich nicht mit Symbolpolitik oder kurzfristigen Entlastungspaketen lösen. Wer in der Pflege tatsächlich etwas bewegen will – politisch oder unternehmerisch –, muss sich mit den operativen Realitäten vor Ort befassen.
Als einer der größten privaten Betreiber stationärer Pflegeeinrichtungen in Deutschland waren auch wir gezwungen, unsere Geschäftsgrundlagen zu hinterfragen und neu zu justieren. Der wirtschaftliche Druck, dem die gesamte Branche unterliegt, ist immens – dennoch stehen wir heute wieder in der Gewinnzone. Die Rahmenbedingungen in der Branche bleiben weiter schwierig. Daher haben wir die Steuerbarkeit unserer Strukturen – also das, was man als Betreiber selbst in der Hand hat – konsequent in den Mittelpunkt gerückt.
Pflegeheime …
Unser Konzept

KOMMENTAR
Digital vor ambulant vor stationär
Dr. Dominik von Stillfried
Die „Patient Journey“ startet immer häufiger auf der heimischen Couch, mit dem Smartphone in der Hand. Krankenkassen und Gesundheitspolitik wollen das fördern. Sie knüpfen daran hohe Erwartungen für eine bessere Steuerung der Inanspruchnahme.
Unter anderem sollen Patienten auf digitalem Wege schneller Termine bekommen, insbesondere in Facharztpraxen. Haus- und Facharztpraxen sollen mehr Zeit für wichtige Versorgungsaufgaben haben. Laut Koalitionsvertrag sollen die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) verpflichtet werden, Facharzttermine mit Termingarantie zu vermitteln, wenn Bedarf und Dringlichkeit durch primärärztliche Überweisung oder (telefonische) Ersteinschätzung einer Terminservicestelle (116117) geprüft wurden. Zudem sollen gesetzlich Versicherte nach digitaler Selbsteinschätzung rund um die Uhr Zugang zu telemedizinischer Versorgung erhalten. Zudem sollen die Notaufnahmen von Patienten entlastet werden, die in Praxen behandelt werden können.
Anforderungen an eine Lösung
Oftmals wird insbesondere von Kassenseite unter dem Motto „digital vor ambulant vor stationär” die Vorschaltung einer telefonischen/digitalen Ersteinschätzung vor jedem Arztkontakt gefordert. Das erscheint zunächst einfach, ist aber komplex. Denn dieses Procedere könnte gravierend in bestehende Behandlungsprozesse eingreifen und zu Frustration auf Seiten von Patienten wie auch Praxen führen. Zudem wäre dies medizinisch selten effizient, weil Ersteinschätzungsverfahren vordiagnostische Zuordnungen treffen und daher generell weniger spezifisch sind als medizinische Entscheidungen auf Basis diagnostischer Daten und …