Zukunft der Arzneimittelpreise: Es geht nicht ohne Transparenz

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK)

Wir alle erinnern uns noch an die „1.000 Dollar-Pille“ gegen Hepatitis C, die 2014 Schlagzeilen machte und eine heftige Preisdiskussion auslöste. Längst haben wir uns an ganz andere Preise für neue Arzneimittel gewöhnt, die sicher nicht wenige noch vor einigen Jahren für unmöglich gehalten haben. Das zeigt auch wieder der aktuelle Innovationsreport, den Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen jährlich gemeinsam mit der TK herausgibt. So ist der jährliche Packungspreis für neue Medikamente in der Auswertung um 140 Prozent gestiegen. Nach oben scheinen die Preisgrenzen mit Blick auf Antikörper, CAR-T-Zellen, Gen- und Kombinationstherapien offen. Neue Arzneimittel stehen schon in den Startlöchern, um das aktuell teuerste Medikament – die „Zwei-Millionen-Dollar-Spritze“ – abzulösen.

Klar ist: Wir brauchen nachhaltige Lösungen, damit wir uns die guten, wirklich innovativen, neuen Arzneimittel für jeden, der sie benötigt, weiter leisten können. Mit Blick auf die extremen Ausgabensteigerungen in der gesetzlichen Krankenversicherung ist die Frage der Finanzierbarkeit des Systems drängender denn je. Im kommenden Jahr drohen der GKV starke Einbrüche bei den Einnahmen, die Corona-Pandemie hat der schon schwächelnden Konjunktur einen deutlich größeren, als den ohnehin zu erwartenden, Dämpfer verpasst. Natürlich zeigt das nur die Dringlichkeit für das System auf, die Diskussion hätte schon viel früher geführt werden müssen. Doch vor dem Hintergrund sprudelnder Einnahmen war es für die Politik allzu leicht, die Warnungen zu überhören.

 

Preisgestaltung in anderen Branchen unvorstellbar

Jetzt müssen wir das Problem dringend angehen. Denn was sind beim Blick auf Millionenbeträge für neue Arzneimittel die Alternativen? Ein einfaches Umlegen auf die Beiträge würde diese zukünftig in für niemanden akzeptable Höhen treiben. Eine Rationierung von Arzneimitteln nach Priorisierungskriterien kann ebenso niemand wollen. Es bleibt also nur die Möglichkeit, Wege zu finden, wie neue Medikamente bezahlbar bleiben. Das können die Kassen nicht allein, es braucht hier eine politisch initiierte Regulierung.

Der erste Schritt zur Lösung ist dabei, sich anzuschauen, wie dieses Preisdilemma überhaupt entstanden ist. In der Preisgestaltung haben sich Mechanismen etabliert und werden von der Industrie forciert, die in anderen Branchen unvorstellbar wären. Ein Beispiel ist die Preisbildung über die Vergleichstherapie; der Preis für ein neues Medikament wird also daran bemessen, was eine bisherige Behandlung – teils über Jahre – kostet. Dabei sehen wir auch, dass bekannte Wirkstoffe für neue Indikationen auf den Markt kommen zu einem dann vielfach höheren Preis. 40-mal so hoch war der Preis zum Beispiel für den Wirkstoff Alemtuzumab, als er für die Indikation Multiple Sklerose neu auf den Markt kam. Zuvor wurde er zur Behandlung von Leukämie eingesetzt. Warum sollte eine Gesellschaft 40-mal so viel für ein und denselben Wirkstoff bezahlen?

Natürlich könnte man an dieser Stelle argumentieren, dass es schließlich um Menschenleben geht. Doch auch der Faktor Leid darf den Preis eines Arzneimittels nicht bestimmen. Zahlreiche neue, kostenintensive Arzneimittel dienen der Behandlung schwerer Erkrankungen, die die Betroffenen stark einschränken oder sogar lebensbedrohlich für sie sind. Selbstverständlich erscheint vor dem Hintergrund dieses Leids kein Preis zu hoch. Es darf jedoch nicht sein, dass die Zahlungsbereitschaft bei großem Leid zum moralischen Druckmittel wird, um von Seiten der Industrie einen möglichst hohen Preis zu erzielen. Denn was müsste vor dem Hintergrund dieser „Logik“ beim Blick auf die gesundheitlichen Folgen ein Antibiotikum wie Penicillin kosten?

Immer wieder ist in der Diskussion von Mond- und Fantasiepreisen die Rede. Keineswegs übertrieben. Es läuft etwas schief im System – ein System im Übrigen, in dem Konkurrenz oftmals nicht dafür sorgt, dass Preise sich entscheidend anpassen, das sich also nicht selbst reguliert. Dabei steht außer Frage, dass die Hersteller mit neuen, innovativen Arzneimitteln Geld verdienen müssen und sollen. Aber beim Blick auf die gigantischen Gewinne, die innerhalb kürzester Zeit erzielt werden – dafür reicht ein Blick in die Geschäftsberichte der Unternehmen oder auf deren Aktienkurse – muss die Frage gestellt werden dürfen: Was ist ein fairer, ein sozial akzeptabler Gewinn, den ein Hersteller aus einem öffentlichen System ziehen kann? Und: Wie kann sich die Gesellschaft gegen Fantasiepreise wehren?

 

AMNOG allein nicht mehr ausreichend

Ich bin vom AMNOG überzeugt: Aber genauso bin ich davon überzeugt, dass es allein nicht mehr ausreicht, um die Finanzierbarkeit von Medikamenten in der Zukunft zu sichern und die Preisspirale zu durchbrechen. Aktuell haben wir der Pharma-Industrie als Verhandlungspartner im Sinne unserer Mitglieder nichts entgegenzustellen. Das muss sich ändern. Neben der wissenschaftlich begründeten Zulassung braucht es für die Preisbildung objektivierbare Kriterien. Ein solches Kriterium könnte europäische Forschung sein, wir also Aufpreise für Forschung in Europa zahlen. Weitere Kriterien könnten in der Versorgungssicherheit, der Bereitstellung von Daten zu Forschungszwecken und natürlich in der Evidenz liegen.

Die Grundlage dafür ist Transparenz: Wie hoch sind die tatsächlichen Forschungskosten und wie hoch die Gewinnmargen? Darauf kann und muss der Dialog um fairere und gesellschaftlich akzeptierbare Preise aufbauen – und die unvermeidbaren politischen Entscheidungen, um sicherzustellen, dass auch innovative Arzneimittel für unsere Gesellschaft weiter finanzierbar bleiben.


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