Warum alte weiße Männer psychisch Kranke für gesund erklären

Zum wiederholten Angriff des Psychiaters Manfred Lütz auf die Arbeit der Psychotherapeuten und der Bundespsychotherapeutenkammer

Dr. Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundespsychotherapeutenkammer

Der Psychiater Manfred Lütz klagt in einem Beitrag für „Spiegel online“ die Bundespsychotherapeutenkammer an, dass sie eine Reform verhindere. Stattdessen, so Lütz, würden immer mehr Psychotherapeuten gefordert. Ein unhaltbarer Vorwurf.

Sophie Passmann hat in ihrem Buch über „Alte weiße Männer“ beschrieben, woran wir sie erkennen:  „Eine Sache, die dem alten weißen Mann immer zugrunde liegt, ist, dass das Gegenüber (…) sich nicht wohlfühlt. Man fühlt sich herabgesetzt, man fühlt sich nicht ernst genommen, man fühlt sich jovial belächelt.“

Selbstzweifel sind alten weißen Männern fremd. Sie sind seriöse Experten. Sie sind völlig frei von berufspolitischen Interessen und Eitelkeiten. Sie setzen andere gerne herab, zum Beispiel die rund 50.000 Psychotherapeuten, die zu drei Viertel Frauen sind. Psychotherapeutinnen begegnen psychisch kranken Menschen nicht altväterlich im weißen Kittel. Sie haben ihren Patienten die Scheu davor genommen, sich bei psychischen Beschwerden genauso Rat und Tat zu holen wie körperlich kranke Menschen, wenn sie Schmerzen plagen. Sie verschreiben ihren Patienten nicht jahrelang Medikamente in viel zu hohen Dosen mit kaum zu ertragenden Nebenwirkungen. Kurz sie waren erfolgreich darin, dass psychisch kranke Menschen Hilfe bekommen, wie sie sie brauchen.

 

Für leidende Patienten unfassbare Verachtung

Das passt weißen alten Männern wie Manfred Lütz nicht, von Beruf Psychiater und vom Typus Ewiggestriger, kann er nicht ertragen, dass die Welt sich dreht. Da ihm aber die Argumente fehlen,  beschimpft er die ganze Welt: Zuerst die Patienten, die eine psychische Krankheit diagnostiziert bekommen haben und sich deshalb behandeln lassen. Seines Wissens nach sind die meist gar nicht krank. Woher er das weiß, ist sein Geheimnis, denn einen Beleg dafür führt er nicht auf und den gibt es auch nicht. Aber er ist sich sicher – was auch sonst – diese Patienten verstopfen die psychotherapeutischen Praxen und verursachen die monatelangen Wartezeiten. Schrecklich, dass leidende Menschen Rat und Hilfe suchen. Kann man eigentlich mehr Verachtung für Patienten entwickeln als Manfred Lütz?

Psychotherapeuten raten jedem, der sich wochenlang mit psychischen Beschwerden herumschlägt und keine eigene Lösung findet, sich professionell beraten zu lassen. Welcher vernünftige Arzt würde seinen Patienten etwas anderes raten. Eine Krankheit rechtzeitig zu behandeln, bevor sie chronisch wird, das gehört zur ärztlichen Sorgfaltspflicht. Auch Psychotherapeutinnen wissen, dass nicht alle psychische Beschwerden behandelt werden müssen, wenn rechtzeitig vorgebeugt wird. Deshalb erhalten auch 40 Prozent der Menschen (laut Abrechnungsdaten), die sich in einer psychotherapeutischen Sprechstunde haben beraten lassen, danach keine Behandlung, sondern andere Hilfestellungen. Aber Patienten, die krank sind, empfehlen Psychotherapeuten eine Behandlung, auf die diese dann fünf Monate warten müssen.

 

Minutenmedizin unterbezahlt

Die aus der Luft gegriffenen Behauptungen des Herrn Lütz sind damit aber noch nicht zu Ende.  Psychiater sind, den Eindruck vermittelt er, ein verfolgter Arzttypus! Von wem? Klar, von den Psychotherapeutinnen! Denn junge Ärztinnen und Ärzte wollen keine Psychiater mehr werden, weil Psychiater so schlecht bezahlt werden. Dabei versorge ein Psychiater doch 1.000 Patienten und eine Psychotherapeutin nur 50 Patienten pro Jahr. Wie kann das bloß sein? Ganz einfach, weil die Gespräche beim Psychiater oftmals nur fünf bis zehn Minuten dauern. Häufig noch kürzer, wenn sie nur ein Folgerezept ausstellen. Psychotherapeutinnen nehmen sich dagegen in der Regel 50 Minuten Zeit, wenn es sein muss, auch mehrmals die Woche. Da sind dann tatsächlich Gespräche möglich, die die Patienten voran bringen. Was für ein elendes Gesundheitssystem, dass die Minutenmedizin eines Psychiaters nur etwas  besser bezahlt als das Sich-Zeit-Nehmen der Psychotherapeutinnen. Das sind Benachteiligungen, die den Chefarzt einer großen psychiatrischen Klinik bewegen.

 

Böse Welt gegen bessere Argumente

Das Problem von Manfred Lütz ist damit aber noch nicht vollständig beschrieben: Denn böser noch als Psychotherapeutinnen, die ihn überholt haben, ist die Bundespsychotherapeutenkammer, sage und schreibe die „mächtigste Lobbyorganisation, die es auf diesem Gebiet gibt“. Selten sind wir so gelobt worden.  Übrigens sind in den Gremien, in denen die Bundespsychotherapeutenkammer vertreten ist, fast immer auch Psychiater. Mehr Einfluss als Psychiater haben Psychotherapeutinnen gar nicht. Es kann aber einfach nicht sein, dass der Erfolg der Psychotherapeutinnen daran liegt, dass sie die besseren Argumente und Belege haben. Nein, natürlich nicht: das liegt an der bösen Welt, die bessere Argumente bevorzugt und über das nicht zu begründende Gerede alter weißer Männer auch schon mal den Kopf schüttelt. Patienten tun das, Politiker aller Parteien und Journalisten auch. Eigentlich alle.

Das Problem, das Manfred Lütz wirklich hat, ist: Psychotherapeutinnen lassen sich von der Attitüde alter weißer Männer nicht beeindrucken. Deren Zeit ist vorbei, denn sie haben den Anschluss an die Wirklichkeit verloren.


© Observer Gesundheit


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