IT / Digitalisierung: ein Werkzeug, kein Allheilmittel

Martin Große-Kracht, Vorstand ATEGRIS-Unternehmensgruppe, Mitglied der Geschäftsführung des Evangelischen Krankenhauses Oberhausen und der gewerblichen Servicegesellschaften

2021 werden die elektronischen Patientenakten eingeführt. Dies wurde im Rahmen des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) beschlossen. Der bevorstehende digitale Wandel in der Datenerfassung konfrontiert vor allem Krankenhäuser mit großen Herausforderungen. IT- Prozesse und Strategien müssen angepasst werden, um einen möglichst flächendeckenden Nutzen aus den elektronischen Patientenakten zu generieren.

Bei der ATEGRIS ist die Digitalisierung seit 15 Jahren fest verankert, das zeigen insbesondere die beiden Kliniken der ATEGRIS, die in ihrer speziellen Komplexität der Datenverarbeitung digitale Vorreiter ihrer Branche sind. Dies bestätigt auch Focus Money und kürte dieses Jahr das Evangelische Krankenhaus Mülheim und das Evangelische Krankenhaus Oberhausen auf Platz 1 der deutschen Krankenhäuser mit dem Titel „Digital-Champion – Unternehmen mit Zukunft“. Die ATEGRIS verfolgt dabei ein langfristiges Digitalisierungskonzept. Dass die gewählte Strategie die richtige ist, zeigt auch die Zertifizierung der ATEGRIS mit dem HIMSS Level 6 ready. Der Fokus der beiden höchsten HIMSS Levels 6 und 7 liegt nicht mehr nur auf einer anspruchsvollen IT-Ausstattung. Vielmehr geht es im Level 6 um anspruchsvolle IT-Prozesse und die konsequente Verfolgung einer strukturierten IT- Strategie.

Die Studie von Lin, Lin u. Chen (2019)1 aus den USA unterstreicht deutlich unsere Erfahrungen mit der Digitalisierung in den vergangenen 15-20 Jahren. Die ursprünglich gestartete Digitalisierungsoffensive unter dem Slogan „papierloses Krankenhaus“ erfolgte eher ungerichtet und vorwiegend getrieben von technischen Lösungen und Funktionen. Die anfängliche Begeisterung über die technischen Möglichkeiten wich der Erkenntnis, dass nur mit flankierenden Maßnahmen wie bspw. einem strukturierten Change Management und systematischer Prozessoptimierungen eine sinnvolle digitale Nutzung (wie Lin es nennt „Meaningful use“) auch entsprechend umgesetzt werden kann. Das bedeutet, der potenzielle Mehrwert, der durch die Digitalisierung generiert werden kann, braucht eine zielgenaue Umsetzung notwendiger Maßnahmen und Prozesse für eine nachhaltige Versorgungsqualität. Gerade bei dem Thema Change Management war insbesondere die Abstimmung im medizinischen und pflegerischen Umfeld von großer Bedeutung. Lin beschreibt in der Studie gar, welche hohe Bedeutung es hat, aktiv auf Ressentiments der medizinischen und pflegerischen Mitarbeiter gegen die Digitalisierung einzugehen. Nur durch klare Ziele, Zuhören und Kommunikation kann langfristig ein Umdenken – weg vom Papier hin zur Digitalisierung – erreicht werden.

 

Konsequente Verfolgung einer strukturierten IT-Strategie entscheidend

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die flächendeckende Nutzung der vorhandenen IT-Werkzeuge. Nicht die Verfügbarkeit von Funktionen entscheidet darüber, ob die positiven Effekte auch wirklich erreicht werden, sondern entscheidend ist die tägliche Nutzung der vorhandenen IT-Werkzeuge. Das HITECH-Gesetz (Health Information Technology for Economic and Clinical Health) ist dafür ein interessantes Vorbild, welches die Nutzung und die Durchdringung eben dieser Werkzeuge über ein entsprechendes Regelwerk prüft.

Auch nach unseren Erfahrungen ist es nicht sinnvoll, prozesssteuernde Funktionen lediglich in Teilen der Organisation zu etablieren. Denn eine Bettenplanung für nur 60 % der Betten oder eine OP- Planung für nur zwei von fünf schneidenden Fachabteilungen erzielen nicht den gewünschten Effekt. Mehrwerte und Synergien entstehen nur bei einer konsequenten flächendeckenden Etablierung von Prozessen in allen Bereichen der Organisation. Dies gilt unabhängig von der Frage, ob die Prozesse durch IT-Werkzeuge unterstützt werden oder nicht.

 

Potenziale von elektronischen Patientenakten richtig einsetzen

Alle Digitalisierungsbemühungen der letzten 15 Jahre, im Besonderen die digitale Patientenakte kommen dem Patienten und seiner Versorgungsqualität nicht unmittelbar zugute. Häufig entsteht der Effekt „nur“ mittelbar, indem der Dokumentationsprozess in der gesundheitlichen Versorgung standardisiert und strukturiert wird. Vor dem Hintergrund von knappen Personalressourcen müssen die Strukturen den Regelbetrieb bestmöglich unterstützen, sodass die Ressourcen für komplexe Fälle verfügbar sind und weniger Zeitressource für die Administration investiert werden muss. Somit kann der Fokus stärker auf die Versorgungsqualität ausgerichtet werden.

Darüber hinaus sollen die klinischen Systeme mittelfristig eine deutlich höhere Unterstützung, in unmittelbaren medizinischen Prozessen am Patienten schaffen. Hier sollen vor allem Entscheidungsunterstützungssysteme (decision support system) im Zentrum stehen, die sowohl diagnostisch als auch therapeutisch den Mediziner begleiten.

Voraussetzung ist aber auch hier eine stark standardisierte medizinische Dokumentation. Denn Entscheidungsunterstützungssysteme können nur mit entsprechend strukturierten Daten funktionieren.

 

Fazit

Die Studie von Lin in den USA zeigt eindrucksvoll, dass solche Entwicklungen auch in vergleichsweise kurzen Zeiträumen von drei bis fünf Jahren real eingeführt werden können. Dazu benötigt es u. a., wie auch im HITECH-Gesetz beschrieben, eine gesundheitspolitische Regelung, die bestimmte Rahmenbedingungen sowie die richtigen Anreize setzt. Eine vergleichbare Ausrichtung und entsprechende Investitionsmittel für Krankenhäuser und ambulante Leistungserbringer würden auch in Deutschland die Digitalisierung im Gesundheitswesen signifikant beschleunigen.

 

Dieser Trendbeitrag nimmt Bezug auf den Wissenschaftsbeitrag „Mehr IT = Mehr Qualität für alle?“.

Lin, Y.K., Lin, M.F., and Chen, H.C., Do Electronic Health Records Quality of Care? Evidence from the HITECH Act. Information Systems Research, 2019.


© Observer Gesundheit


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