Das Pflegemanagement und die Herausforderungen der Zukunft

Vera Lux, Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied der Uniklinik Köln

Die Pflege wird zunehmend mehr zu einer bedeutenden Ressource in der Gesundheitsversorgung. Der rasante medizinische und technische Fortschritt, die zunehmende Komplexität der Therapien, die demografische Entwicklung und auch gesellschaftliche Veränderungen tragen dazu bei, dass der Bedarf an Pflege steigt. Gleichzeitig sind die finanziellen Mittel begrenzt. In diesem Spannungsfeld gilt es die Qualität der pflegerischen Versorgung sicherzustellen und die Patientensicherheit auch in Zukunft zu gewährleisten.

Doch dies wir immer schwieriger. Der Fachkräftemangel ist sektorenübergreifend spürbar und für manche Unternehmen hat er bereits ein existenzbedrohendes Ausmaß erreicht. Das Pflegemanagement versucht, dem Fachkräftemangel mit unterschiedlichen Strategien und Maßnahmen entgegenzuwirken, z.B. durch den Aufbau eines differenzierten Personal- und Ausbildungsmarketings. Ziel ist es, ausreichend qualifizierte Pflegefachkräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt, und mittlerweile sogar weltweit, zu rekrutieren. Gelingt uns dies, ist es die Aufgabe des Pflegemanagements die neuen Beschäftigten gut zu integrieren und langfristig an das Unternehmen zu binden. Der Arbeitsmarkt um Pflegefachkräfte ist aufgrund der momentanen Situation hart umkämpft. Verschiedene Akteure (ambulante Pflege, Stationäre Pflege, Reha-Einrichtungen, Krankenhäuser der Akutversorgung) sind auf dem Arbeitsmarkt unterwegs und sie konkurrieren um die wenigen noch auf dem Markt verfügbaren Pflegefachkräfte. Dabei wird mit attraktiven finanziellen Anreizen und übertariflichen Gehältern geworben, wie z.B. die Zahlung von höheren Einstiegsgehältern, Prämien und Zulagen oder auch die Bereitstellung eines Dienstwagens für Pflegefachkräfte. Auch die Garantie von festen Arbeitszeiten, die Zusage für bestimmte regionale-überregionale Einsatzorte oder Fachbereiche, keine Übernahme von Nachtdiensten u.v.a.m. gehört zu den attraktiven Angeboten.

Durch die hohe Nachfrage nach Pflegefachkräften sprießen die Zeitarbeitsfirmen und Vermittlungsagenturen wie Pilze aus dem Boden. Sie rekrutieren Pflegefachpersonal aus den Kliniken und Pflegeeinrichtungen, um es dann denselben, allerdings für den zwei- bis dreifachen höheren als der tarifvertraglich vorgesehene Stundensatz, wieder anzubieten. Diese Entwicklung ist äußert kritisch zu sehen, da hier die Tarifbindung ausgehebelt wird und die Zeitarbeitnehmer bei besseren Arbeitsbedingungen und weniger Verpflichtungen auch noch mehr Geld verdienen. Sie sind frei in der Wahl ihrer Dienstzeiten und dazu nicht in die Organisation der Institution eingebunden. Waren vor Jahren nur vereinzelt Einsätze von Zeitarbeitskräften in der Pflege erforderlich, so ist dies heute bereits fester Bestandteil der Personaleinsatzplanung, ohne die eine reguläre Personalbesetzung und damit die Aufrechterhaltung der Patientenversorgung oft gar nicht mehr möglich wäre.

Seit der Einführung der Diagnosebezogenen Fallgruppen (DRG) im Jahr 2003 hat die Gesundheitspolitik verschiedene Steuerungsmechanismen implementiert, die eine Regulierung der Mengenentwicklung bei gleichzeitiger Sicherung der Versorgungsqualität zum Ziel hat. Der Gesundheitsmarkt soll z.B. über verschiedene Mechanismen wie Krankenhausplanung, Mindestmengenregelung, quantitative und qualitative Personalvorgaben, Bildung von Schwerpunktzentren oder aufgrund von Zertifizierungsanforderungen und S3 Leitlinien gesteuert werden. Immer häufiger wird die Pflege dabei zum limitierenden Faktor. Zum Beispiel bei den G-BA Richtlinien für die Neonatologie, wo über 80 Prozent diese Vorgaben aufgrund von Fachkräftemangel nicht bzw. nicht in der vorgegebenen Frist erfüllen. Die Gewinnung und Bindung von Fachkräften ist daher eine der größten Herausforderungen in der Zukunft und für die Zukunftssicherung der Uniklinik Köln und anderer Kliniken von höchster Bedeutung. Aus diesem Grund investieren wir sowohl viel Zeit und Geld in die Stärkung der Pflege, der Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie der beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven. Neben den Marketingmaßnahmen, der Ausweitung von Ausbildungsplätzen in der Gesundheits- und Krankenpflege (von derzeit 250 auf 375 Plätze bis 2023), der Rekrutierung von ausländischem Pflegefachpersonal, der Implementierung eines Mitarbeiterempfehlungsprogramms, Präsenz auf Messen und Kongressen, Personalentwicklungsmaßnahmen (Trainee-Programm in der Pflege) ist als Highlight der neue duale Studiengang Klinische Pflege zu nennen.

Der erste Studiengang Klinische Pflege ist 2017 an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln gestartet ist. 17 Studierende absolvieren ein duales Pflegestudium, welches sie nach vier Jahren mit dem B.Sc. abschließen. Mit Verortung des Studiengangs Pflege an einer Medizinischen Fakultät sind wir unter den Universitätskliniken in NRW Vorreiter und Pioniere. Mit dem Studiengang wollen wir Abiturienten und Abiturienten gewinnen, die einerseits an einer akademischen Entwicklung im Pflegeberuf interessiert sind und andererseits in der direkten Patientenversorgung tätig sein wollen. Parallel dazu entwickeln wir neue erweiterte Aufgabenprofile für die akademisch ausgebildeten Pflegefachkräfte, um die Attraktivität des Pflegeberufs und die Berufszufriedenheit zu steigern. Das Pflegemanagement strebt für die Uniklinik Köln eine Akademisierungsquote von 20 Prozent an und folgt damit den Empfehlungen des Wissenschaftsrates (WR 2012), wonach eine Akademisierungsquote in den Gesundheitsfachberufen von zehn bis 20 Prozent empfohlen wird. Mit der neuen W3 Professur Pflegewissenschaft soll im zweiten Schritt die Pflegeforschung im Bereich der Akutversorgung als eigenständiger Fachbereich auf- und ausgebaut werden.

Eine weitere Herausforderung in der Zukunft ist das neue Pflegeberufegesetz, welches am 01.01.2020 in Kraft tritt. Die bisher jeweils eigenständigen Ausbildungsberufe Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Altenpflege sollen über eine generalistische Ausbildung zu einem neuen Pflegeberuf zusammengefasst werden. Die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung steht kurz vor der Genehmigung durch den Bundesrat. Wir bereiten derzeit die Umstellung der neuen generalistischen Ausbildung vor. Mit dem neuen Pflegeberufegesetz und der generalistischen Ausbildung nähern wir uns in Deutschland den Europäischen Bildungsstandards an.

Mit der Pflege 4.0 beschäftigen wir uns im Rahmen der Digitalisierung und Innovationen. Der Einsatz von Robotik in der Pflege als Unterstützung, die Einführung von neuen digitalen Lernmethoden/Settings, der Implementierung einer elektronischen Patientenakte/Pflegedokumentation benötigt eine intensive reflektierte Auseinandersetzung. Wir stehen vor einem fundamentalen Wandel der Arbeitswelt und wollen die Beschäftigten auf diesen Wandel vorbereiten, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Hier sind wir heute und in Zukunft gefordert, hier stehen grundlegende Systemveränderungen in der Gesundheitsversorgung bevor. Diese im Sinne einer guten Patientenversorgung mitzugestalten ist Auftrag und Leidenschaft zugleich.

Vera Lux, Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied der Uniklinik Köln

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