„Größtmöglicher Konsens der politischen Kräfte ist der einzig gangbare Weg“

Dr. Georg Kippels MdB, CDU/CSU, Obmann im Gesundheitsausschuss und im Unterausschuss Globale Gesundheit

„Mehr Fortschritt wagen“ haben sich die Ampel-Partner im Koalitionsvertrag vorgenommen. Knapp 180 Seiten voller Aufbruchsstimmung. Ein „vorsorgendes, krisenfestes und modernes Gesundheitssystem“ definieren SPD, Grüne und FDP als eines der zentralen Zukunftsfelder. Doch, welche Aufgaben sehen die Gesundheitspolitiker des Bundestages für sich federführend? Was wollen sie politisch verändern, an welchen Stellschrauben drehen für ein verlässliches Gesundheitssystem? Dr. Georg Kippels MdB, CDU/CSU, Obmann im Gesundheitsausschuss und im Unterausschuss Globale Gesundheit, zu seinen gesundheits- und sozialpolitischen Zielen.

 

Die Erkenntnisse, die schon vor der Corona Pandemie für die personelle Fortentwicklung des Gesundheitssystems gewonnen worden waren, sind in der Zwischenzeit nur noch einmal ausdrücklich verstärkt worden. Obwohl sowohl in der letzten Legislaturperiode als auch jetzt die Absicht besteht, die Personalausstattung durch eine zusätzliche Finanzierung der Stellen zu verbessern, zeigt der Blick auf den demografischen Wandel, dass eine beliebige quantitative Ausweitung mit Sicherheit Schwierigkeiten bereiten wird oder sogar an Grenzen stößt. Für das Gesundheitssystem stehen daher grundlegende Reformprozesse auf der Agenda, bei denen eine Kombination zwischen dem unverzichtbaren persönlichen Einsatz von Pflegekräften und Ärztinnen und Ärzten und einer massiven Technologisierung der Hilfsmittel stattfinden muss. Alles, was den direkten Kontakt zwischen Behandlern und Patienten ablenkt oder behindert, muss durch technische Hilfsmittel minimiert werden.

Darüber hinaus ist feststellbar, dass das berufliche Selbstverständnis der im System Tätigen eine gesellschaftspolitische Veränderung erfahren hat, der wir uns verantwortungsvoll stellen müssen. Gerade im ärztlichen Bereich bedarf es eines breiten Angebots an Formaten der Zusammenarbeit und der Aufgabenteilung.

 

Optionen in der Opposition

Meine Option in der Opposition ist es, mit kritisch konstruktiver Einstellung den politischen Diskussionsprozess aktiv zu gestalten, d.h. substantielle Anregungen und Konzepte vorzulegen und in alle Diskussionen selbstbewusst einzugreifen. Gerade im Moment wird deutlich, dass das Meinungsspektrum in der Ampelkoalition so breit ist und vehement um Geschlossenheit gerungen werden muss, so dass die begründete Aussicht besteht, die Entscheidungsprozesse auch im Sinne von Positionen der Opposition beeinflussen zu können. Für mich ist es ein persönliches Anliegen, bei der Koalition auf die Aufgabe des Grundreflexes hinzuarbeiten, dass alles das, was von der Regierung kommt, per se richtig ist und Oppositionsinitiativen per se abgelehnt werden müssten. Wie verheerend und sinnlos eine solche Herangehensweise ist, hat sich in der von Regierungsseite vollkommen fehlgesteuerten Impfpflichtdebatte gezeigt. Moderne Regierungs- und Oppositionsarbeit kann auf eine konstruktive Debatte und einen offenen Dialog nicht verzichten. In Ansehung der immensen Herausforderungen für das deutsche Versorgungssystem durch nationale und internationale Einflüsse ist ein größtmöglicher Konsens der politischen Kräfte der einzig gangbare Weg, um alle Akteure einschließlich der Patientinnen und Patienten von der Notwendigkeit und Wirksamkeit der Veränderungen zu überzeugen.

 

Zahlreiche Ideen für eine bessere Versorgung der Patienten und bei nachhaltiger Finanzierung

Die medizinische Versorgung im deutschen Selbstverwaltungssystem definiert sich leider immer noch über eine relativ starre Sektorentrennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Gleichzeitig wächst die Herausforderung für eine flächendeckende Versorgung im ländlichen Raum und eine sinnvolle Verteilung in Ballungszentren zur Vermeidung von lokalen Überangeboten. Seit weit über einem Jahrzehnt ist die Digitalisierung des Gesundheitssystems ein ständiger Arbeitstitel, ohne dass es wirklich zu einer durchgreifenden Umsetzung gekommen wäre. Jüngste Entwicklungen, die maßgeblich durch die Notwendigkeiten der Corona Pandemie ausgelöst worden sind, geben Hoffnung.

Die letzten Monate haben zunächst einmal gezeigt, dass vieles, was undenkbar oder jedenfalls als benutzerunfreundlich galt, funktioniert hat und man dem Patienten im positiven Sinne durchaus mehr Veränderung zumuten darf, als dies in der Vergangenheit angenommen wurde. Die Patientinnen und Patienten sind grundsätzlich innovationsbereit, wenn ihnen in ausreichendem Maße deutlich gemacht wird, dass die Veränderung eine massive Qualitätsverbesserung zur Folge hat. Ein wesentlicher Bestandteil der Qualität ist das Thema der Geschwindigkeit des Zugangs zum System auf der einen Seite und des Erhalts eines Bewertungsergebnisses auf der anderen Seite. Eine besondere Herausforderung besteht darin, das digitale Hilfsmittel nicht als seelenlose medizinische Versorgung zu brandmarken, sondern als Medium zu beschreiben, das Arzt und Patient schneller, konzentrierter und stärker fachlich vernetzt zusammenbringt. Die privaten Folgen der Digitalisierung im Gesundheitsbereich, nämlich die Möglichkeit sich teilweise aus nicht seriösen Quellen Gesundheitsinformationen zu beschaffen ist geradezu Anlass dafür, das digitale Versorgungssystem exponentiell auszubauen und als echte und qualitätsgestützte Versorgung anzubieten.

Dies wirkt sich letztlich auch auf eine nachhaltige Finanzierung des Systems aus, weil nicht dauerhaft parallele Strukturen vorgehalten werden müssen und sich der Versorgungsaufwand für den Patienten durch die Vermeidung von inhaltsgleichen Mehrfachanwendungen deutlich reduzieren lässt. Die Herausforderung besteht deshalb in einer Leistungsoptimierung und nicht in einer Leistungsreduktion. Mit einem geringeren Behandlungsaufwand eine höhere Behandlungsqualität zu erzielen, ist im Interesse aller Beteiligten am Versorgungssystem, führt zu Zufriedenheit und hat darüber hinaus einen volkswirtschaftlichen Nutzen, weil die Produktivität unseres Wirtschaftssystems stabilisiert werden kann. Neben den inhaltlichen Herausforderungen bedarf es dazu allerdings auch einer überzeugenden Kommunikation, die ebenso modern umgesetzt werden muss, wie die Lösungsansätze selbst.

 

Lesen Sie in dieser Reihe auch im Observer Gesundheit:

Nicole Westig: „Den Qualifikationsmix in der Pflege in den Mittelpunkt stellen“ – 20. Mai 2022

Linda Heitmann: „Lage ukrainischer Geflüchteter zeigt: Sprachmittlung im Gesundheitswesen dringend notwendig“ – 18. Mai 2022

Erich Irlstorfer: „Rückkehr zur Normalität als gesundheitspolitische Chance“ – 16. Mai 2022

Kathrin Vogler: „Intensiver Einsatz für eine solidarische Gesundheitsversicherung“ – 12. Mai 2022

Nezahat Baradari: „Unseren Jüngsten gebe ich eine Stimme“ – 7. Mai 2022

Maria Klein-Schmeink: „Wir steuern auf einen Kollaps zu, wenn wir jetzt nicht handeln“ – 3. Mai 2022

Erwin Rüddel: „Digitale Gesundheit muss von Anfang an intersektoral ausgerichtet werden“ – 30. April 2022

Kristine Lütke: „Gesundheitspolitik 2.0: Stigmatisierung beenden! – 28. April 2022

Armin Grau: „Gesundheit muss wieder im Mittelpunkt der Menschen stehen“ – 25. April 2022

Kordula Schulz-Asche: „Pflege stärken – Arbeitsbedingungen verbessern“ – 21. April 2022

Stephan Pilsinger: „Gesundheitspolitik ist mehr als Corona-Management“ – 14. April 2022


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