Zeitenwende beim parlamentarischen Abend des BPI

Bei der digitalen Anmeldung im Humboldt-Carré
Der BPI-Vorsitzende Hans-Georg Feldmeier bei seiner Begrüßung
Außenminister und Vizekanzler a.D. Joschka Fischer ist der Festredner beim parlamentarischen Abend des BPI.
Aufmerksame Zuhörer
Zufriedener Gastgeber: BPI-Hauptgeschäftsführer Kai Joachimsen
Babette Reiken (G. Pohl-Boskamp) fragt nach.
Intensiver Applaus für den Festredner
Ein Blick auf das Publikum im Humboldt-Carré
Volker Bahr (medac)
Norbert Gerbsch (IGES) mit Boris Thurisch (BPI) und Mette Stoedter (Dr. Notghi Contract Research) (v.l.n.r.)
Sabine Skwara (GSK) im Gespräch mit Stephan Pilsinger MdB (CDU/CSU)
Die Band „Stand Arts“ sorgt für Kurzweiligkeit.


Auch beim BPI herrscht Zeitenwende. Für den ersten parlamentarischen Abend nach der Pandemie im Humboldt-Carré verzichtete der Herstellerverband auf die früher übliche Podiumsdiskussion von Abgeordneten und legte stattdessen den Blick auf das Große und Ganze: Deutschland in Zeiten der Krise – aus Sicht von Joschka Fischer, Außenminister und Vizekanzler a.D. Gespannt auf das grüne Urgestein und froh über das gesellschaftliche Miteinander mischte sich die Berliner Gesundheitsszene mit den Vertretern der pharmazeutischen Industrie aus der ganzen Republik.

Als Redner war Joschka Fischer allerdings nicht ohne Risiko, gibt der Grandseigneur der deutschen Außenpolitik seine Sicht der Dinge doch oftmals zerknirscht und eher schlecht gelaunt zum Besten. Nicht so beim BPI. Sein Einstand bei Pharma begann entspannt und freundlich, gepaart mit persönlicher Wertschätzung: Die Segnungen der pharmazeutischen Industrie nehme er jeden Morgen in wachsender Zahl zu sich; daher gehe es ihm gut. Seine Einschätzung zur Ukraine-Krise erfolgte dann wortgewaltig und klug. Mit 74 Jahren und recht wechselhafter Lebenserfahrung gelang es Fischer unverändert, den Saal in seinen Bann zu ziehen.

Die Botschaft war eindeutig: Putin dürfe diesen Krieg nicht gewinnen. Ein Europa unter ständiger Bedrohung eines siegreichen Russland möchte er sich nicht vorstellen. Der europäische Nachbar Ukraine brauche Solidarität und jede Unterstützung mit Waffen. Für seine Parteifreunde Annalena und Robert war Joschka voll des Lobes. Gute Ratschläge aus dem Off will er nicht erteilen. Auch den Kanzler sieht er auf dem richtigen Weg. Dessen Rede im Bundestag zur Zeitenwende habe in zehn Minuten alle Befindlichkeiten des linken Randes von SPD und Grünen beiseite geräumt. Auch wenn es im Anschluss etwas mehr erklärende Führung für die Bevölkerung gebraucht habe, sage er jedem: „Unterschätzen Sie Olaf Scholz nicht“.

Aus der Pandemie sieht Fischer durchaus neue Chancen für die Industrie erwachsen, auch in der politischen Debatte. Das wollten die Vertreter zweier Mittelständlern (Pohl Boskamp und medac) dann doch genauer wissen und fragten nach. In seiner Antwort gab Fischer unumwunden zu, seine gesundheitspolitische Expertise sei recht überschaubar. Aus seiner Zeit im Kabinett sei ihm noch gut in Erinnerung: „Den Job des Gesundheitsministers hätte ich nie machen wollen. Da geht es ständig um die Existenz.“ Er finde aber, mit den Verdiensten in der Pandemie im Rücken könne man nun selbstbewusst an die Spitze der Regierung herantreten. Hans-Georg Feldmeier, Vorsitzender des BPI, murmelte spontan in sein Mikrophon: „Wir arbeiten daran.“ Dessen Firma Dermapharm hatte die Impfstoff-Produktion von Biontech mit Lipiden aus eigener Herstellung unterstützt. Das wollte Feldmeier hier offensichtlich nicht plakativ ins Feld führen. Fischers Aufforderung kann er trotzdem persönlich nehmen. Ansonsten machte der grüne Ehrengast der Industrie aber keine Illusionen. Die Vergütung werde sie immer ausstreiten müsse – solange mit Arzneimitteln Geld verdient werde.

Auch nachdem Gastgeber Kai Joachimsen die Anwesenden ans Buffet gerufen hatte, deutete sich an, dass sich die Zeiten ändern. Vor nicht allzu langer Zeit wirkten die Empfänge des Verbandes wie eine Art Familientreffen für den inhabergeführten Mittelstand in Deutschland. Die starke Regulierung des Marktes hat aber auch bei mittelständischen  Unternehmen dazu geführt, dass Ressourcen in Sachen Gesundheitspolitik aufgebaut wurden. Für diese neu berufene Schar an Interessenvertretern ist ein Empfang des Verbandes natürlich ein Pflichttermin. Wenn die Professionalisierung in den Betrieben steigt, wandelt sich auch das Publikum der Verbände. Die Zeiten ändern sich auch personell.

Bleibt zum Schluss noch die Frage: Hat sich das Experiment Fischer gelohnt? Der Vortrag zur Krise war fesselnd, und der Ehrengast fühlte sich sichtlich wohl. Nach konzeptionell eher wirren Zeiten war es wohltuend zu wissen: Was Fischer sagt, das gilt auch noch am Tag danach. Diese Gewissheit verströmen schließlich nicht alle Spitzenpolitiker. Die Stimmung war bestens. Manchmal braucht es halt ein Urgestein.

 

Sebastian Hofmann


© Observer Gesundheit


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