vfa – #Forschung ist die beste Medizin

Der vfa hatte in das Gasometer in Berlin-Schöneberg geladen.
Zeit für ein Selfie oder doch ein Schnappschuss vom Gasometer
Gingen mit ihrer Erkrankung ins Netz – Bloggerinnen Samira Mousa (M.) und Franziska Wetzl
Voller Saal im Gasometer Berlin-Schöneberg
Netz-Profi Vreni Frost (l.) trifft Wissenschaftlerin Margot Bakker (Abbvie)
Marcel Häfele (Influencer) (r.) mit Moderator Dennis Wilms
Bloggerin Franziska Wetzl auf der Bühne und im Bild
Frank Schöning (Bayer) (l.) mit Han Steutel (vfa)
Maria-Theresa Grundler (Biogen) (l.) und Han Steutel (vfa)
Illustre Gäste mit Sympathiefaktor: Zum Abschied gab´s ein analoges Schwarz-Weiss-Portrait.


„FIBROFEE“, fünf Blogger und ein jugendlicher Generalsekretär – der vfa hatte sich ungewohnte Partner auf die Bühne geholt. Der Anlass war eine eher trockene Angelegenheit: Die Kampagne „Forschung ist die beste Medizin“ geht in die zweite Runde. Die erste Runde der Kampagne war seinerzeit im AMNOG gemündet, mit dem ein FDP-Minister den Innovatoren im Pharmamarkt scharfe Einschnitte beschert hatte. Man durfte also gespannt sein, wie ein Re-Start nach dieser spektakulären Bauchlandung gelingen kann. Frei nach dem Motto „Was kümmert uns die Kritik der Anderen“ setzen die Macher weiter auf das positiv besetzte Thema Forschung und holen sich diesmal die Multiplikatoren für morgen ins Boot. Acht meist junge Blogger mit Bezug zum Thema Krankheit oder Forschung reisten „in Kooperation mit dem vfa“ zu Mitgliedsfirmen des Pharmaverbandes, um dort mit Forschern ins Gespräch zu kommen. Daraus entstanden acht lockere Kurzfilme, die auf der Kampagnen-Website zu sehen sind.

Zum Startschuss der Kampagne lud der vfa ins Schöneberger Gasometer, das gerüchteweise bald nach China verschifft werden soll. Nachdem der Verband im vergangenen Jahr ins Kino International, dem Premierenkino im Osten der Stadt, gebeten hatte, schien das spektakuläre Industriedenkmal im Berliner Westens wie eine logische Fortsetzung. Was der Abend bringen sollte, dürfte den meisten Besuchern zunächst nicht so ganz klar gewesen sein; schließlich kann man Live-Publikum schlecht Online-Filme präsentieren. Die Überraschung war dann recht gelungen: Nach kurzem Auftakt mit Han Steutel, dem Chef des Verbandes, gehörte den Bloggern die Bühne. Ein TV-Moderator lieferte die Vorlagen, und die Internetprofis berichteten kurz und unterhaltsam über sich, ihre Motivation und die bleibenden Eindrücke der Unternehmensbesuche.

Samira Mousa machte den Anfang. Die aparte junge Frau ist mit ihrer MS-Erkrankung ins Netz gegangen und steht über ihren Blogg „chronischfabelhaft“ bei Instagram in Kontakt mit über 3.500 Interessenten. In dieser „Community“ hat sie Fragen gesammelt, die sie im Gepäck hatte für ihren Besuch bei Biogen, einem Biotech-Unternehmen, das auch zu MS forscht. Wie alle Blogger ist Mousa erfolgreich, weil sie gut erzählen kann; der offene Umgang mit ihrer Erkrankung verleiht ihr Respekt und Glaubwürdigkeit. Sie hatte das Publikum schnell auf ihrer Seite. Ungeschminkt sprach sie auch über Anfeindungen im Netz: „Bevor Du nicht im Rollstuhl sitzt, brauchst Du hier nicht die Betroffene spielen“ – manch Leidensgenosse scheint ihr die Aufmerksamkeit nicht zu gönnen. Der Besuch bei Biogen hat der Bloggerin sichtlich imponiert; das Wort „spannend“ fällt nicht zum letzten Mal an diesem Abend. Ihr bleibender Eindruck: „Es wird an Heilung geforscht.“

Nicht weniger berührend war der Auftritt von Franziska Wetzl, die mit phänomenalem Kopfschmuck und strenger Brille zuerst beim Schmerz-Spezialanbieter Grünenthal zu Besuch war und dann auf der Bühne des Gasometers u.a. über ihre chronische Schmerzerkrankung berichtete. Als „FIBROFEE“ ist sie sonst im Netz mit einer eigenen Website präsent und stellt dort das Leben mit der Fibromyalgie in den Mittelpunkt. Dort kann man lesen, wie es ist, wenn man mit 24 Jahren eine Diagnose bekommt, mit der anscheinend keiner umgehen kann. Ihre persönliche Reaktion: „Letztlich habe ich den Blogg gegründet, den ich damals so dringend gebraucht hätte.“ Bei Grünenthal erfährt sie Näheres über Forschung und Entwicklung eines Arzneimittels. Überrascht zeigte sich die Bloggerin, dass bei einem industriellen Hersteller auch die gesellschaftlichen Fragen rund um die Erkrankungen eine so große Rolle spielen.

In deutlichem Kontrast zu den beiden selbst betroffenen Frauen stand anschließend Roman Malessa als Generalsekretär von Jugend gegen AIDS auf der Bühne. Der attraktive junge Mann, Marke blonder Wunschschwiegersohn, sicherte sich einen langen, warmen Applaus mit einem spontanen Bericht über die Entstehung des Vereins. Noch in der Schule machten ein paar engagierte Teenager krasse Erfahrungen zu Stigma und Unwissen zum Thema AIDS, engagierten sich, wurden gefördert und sind mittlerweile gut etabliert in der Aufklärung von jungen Leuten. Mit Michael Stich als erstem Förderer gelang die Skalierung, Jens Spahn und Frank-Walter Steinmeier im Beirat sichern inzwischen den gesellschaftlichen Rückhalt des Vereins. Eine Geschichte von Null auf Hundert erzählt von einem Bühnentalent par excellence; spätestens jetzt hatten die Gastgeber die Mehrheit der Gäste auf ihrer Seite. Fast ins Hintertreffen geriet da schon der Anlass des Auftritts: Anna Konopka, aktives Mitglied bei Jugend gegen AIDS, besuchte Abbvie zum Thema Hepatitis C. Dicht gefolgt von Sascha Feldmann, der den Blogg „farbenhaut.de“ für Psoriasis-Patienten betreibt, und bei Novartis zu Gast war.

Neben „Influenzern in eigener Sache“ und engagierten Jugendlichen hat der vfa auch drei namhafte Medienprofis aus der digitalen Szene für sein Botschafter-Team gewonnen. „Die Klugscheißerin“, alias Lisa Ruhfus, die 2017 ein Gespräch zwischen Angela Merkel und vier Influencern moderierte, ist genauso dabei wie Christoph Krachten, ein Journalist, der als deutsches YouTube-Urgestein gilt. Krachten, der Älteste in der sonst eher jungen Runde von Botschaftern, berichtete über seine Besuche bei gleich vier Firmen, wo er einen breiten Einblick in die Welt der Pharma bekam – von der Epilepsie-Forschung bis hin zur Robotik in der Herstellung. Auf der Bühne ließ der umtriebige Medienprofi dann ganz nebenbei die Bemerkung fallen, dass sein Post zur Kampagne bereits über 10.000 Mal gesehen worden sei; zu dem Zeitpunkt lief die Veranstaltung gerade mal ein gutes Stündchen. Auch Vreni Frost, Kämpferin für Frauenrechte mit großer Gefolgschaft im Netz, darf getrost als Profi gelten. Kurz vor ihrer Abreise in den Urlaub auf Bali berichtete sie bestens gelaunt über Frauen in der Forschung; ein Thema, zu dem Takeda und Abbvie scheinbar nur Gutes zu berichten hatten.

Im Laufe des Abends erschließt sich dem Betrachter dann auch das Kommunikationskonzept des Pharmaverbandes: Über einen Mix an Meinungsbildnern hat sich der vfa Zugang zu unterschiedlichen Communities im Netz verschafft. Die neu ernannten Botschafter in Sachen Pharma-Forschung wissen genau, wie sie Inhalte in ihren Netzwerken kommunizieren müssen, um auf Interesse zu stoßen. Die Kurzfilme passen sicher nicht überall ins Konzept. Marcel Häfele beispielsweise betreibt auf YouTube den Kanal „techtastisch“, in dem er mit lustigen Experimenten die Chemie als eine Art interessanter Gaudi präsentiert – für 403.000 Abonnenten. Häfele, der auf der Bühne auch über sein persönliches ADHS-Problem sprach, war bei Pfizer zu Gast und wird über Berufsbilder in der Forschung berichten. Das wird sicher interessant und unterhaltsam – als Wissenschafts-Gaudi eignet sich das aber wohl nur eingeschränkt. Nicht alle der angesprochenen Communities werden sich zur viralen Verbreitung von Inhalten nutzen lassen. Die Chancen, dass sich der vfa-Slogan „Forschung ist die beste Medizin“ über die neuen Botschafter im Netz verbreitet, stehen aber trotzdem gut.

Für den Start der Kampagne im Gasometer hatte der vfa keine Mühen gescheut: drei Kameraleute, eine Live-Band für musikalische Übergänge und eine perfekte Organisation. Das Setting erinnerte an große Eurovisions-Events. Der Clou waren aber zweifellos die reichlich unkonventionellen Botschafter auf der Bühne. Die Influencer aus der digitalen Welt zauberten dem analogen Publikum das ein oder andere Lächeln ins Gesicht. Das passiert nicht oft in Berlin-Schöneberg. Kompliment.

 

Redaktion / Sebastian Hofmann


© Observer Gesundheit


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