Was die KV-45-Statistik (noch) nicht verrät

Führt COVID-19 zu einem Wettbewerbsimpuls?

Dr. Dennis Häckl, Geschäftsführer WIG2 Institut

Die Katze ist aus dem Sack: Seit dem Spitzengespräch zwischen Gesundheitsminister Jens Spahn und Vorständen der gesetzlichen Krankenkassen und ihrer Verbände am 11.05.2020 erhärten sich die Konturen der COVID-19-Auswirkung. Es ist die Rede von einem 14 Milliarden Euro Defizit für die GKV, das sich im ersten Quartal mit knapp 1,3 Milliarden Euro erst andeutet. Das Drängen auf Bundeszuschüsse zur Vermeidung von Beitragserhöhungen hat zumindest eine schnelle politische Reaktivierung der 40prozentigen Grenze für die Sozialabgaben – gelabelt als Sozialgarantie 2021 – und einen zusätzlichen Bundeszuschuss zum Gesundheitsfonds in Höhe von 3,5 Milliarden Euro gebracht.

 

Kein Ausgabenschock – eine nicht unrealistische Möglichkeit

Die kolportierten Prognosen beruhen auf einer Vielzahl von Annahmen, deren reale Entwicklung momentan nur in Ansätzen zu beobachten ist. Auf den ersten Blick fallen die pauschalen Schutzmaßnahmen ins Auge. Allein die Ausgleiche von Einnahmeausfällen bei Heilmittelerbringern oder Vorsorge- und Rehaeinrichtungen, die Finanzierung der ausgeweiteten Intensivkapazitäten oder die Kostentragung für Corona-Tests auch bei symptomfreien Versicherten sind jeweils Ausgabenposten jenseits der Milliarden-Euro-Grenze. Sofern die Maßnahmen bereits wirken, sind damit (Vor-)Finanzierungen aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds verbunden. Soweit die Regelungen erst in der Zukunft voll zum Tragen kommen (Tests), sind die Prognosen aufgrund der nicht bekannten Infektionsentwicklung und des schwer einschätzbaren Verhaltens der Beteiligten (Bevölkerung, Gesundheitsämter, Ärzte usw.) mit erheblichen Spannbreiten versehen.

 

Der Einnahmenschock – eine sichere Prognose

Mit einem zweiten Blick bekommt man ein etwas klareres Bild über den Rückgang der beitragspflichtigen Einnahmen. Die stark angestiegene Kurzarbeit, erhöhte Arbeitslosigkeit und Vorboten geringerer Gehalts- und Tarifsteigerungen sind bereits real vorhanden. Die zahlreichen Anträge auf Beitragsstundungen sind nicht nur die Bestätigung dieser Lage, sondern unmittelbarer Liquiditätsverlust für die GKV. Nach internen Schätzungen des WIG2 Instituts steht hier bis zum Jahresende die Summe von mehr als sechs Milliarden Euro zu erwarten. Das heißt nichts anderes, als dass von den (Haushalts-)Planungen mit prall gefülltem Gesundheitsfonds schon in diesem Jahr nicht viel übrigbleibt. Der Puffer aus Zuweisungsgarantie und Liquiditätsreserve des Fonds verschleiert die Entwicklung nur ein wenig.

 

Ein Wettbewerbsschock – die heftige Nebenwirkung der Pandemie

Bis zu diesem Punkt beobachten wir einen gewissen Konsens in den Einschätzungen und Bewertungen. Nun wissen wir aber, dass hochaggregierte Aussagen über die GKV häufig eine Art Fassade vor dem Gerüst der Einzelkassen sind. Von daher hat uns interessiert, was wir aus aktuellen Daten unter Nutzung unserer Simulations- und Bewertungsmodelle über die krankenkassenindividuelle Wirkung der Corona-Pandemie erfahren können.

Ein Blick auf die Entwicklung der Arzneimittelverordnungen zeigt beispielsweise, dass eben diese im Zeitraum zwischen der ersten Sitzung des Krisenstabs am 27.02.2020 bis zum ersten Tag des Lock-down am 23.03.2020 um etwa ein Viertel gestiegen und in der Folge täglich bis in den April hinein immer weiter eingebrochen sind. Soweit die Fassade. Der Blick dahinter verrät aber auch, dass die Betriebskrankenkassen von dieser durchaus sinnvollen Reaktion der Versicherten und Ärzte auf die immer größer werdende Unsicherheit deutlich stärker betroffen waren als beispielsweise die Versicherten der Ersatzkassen. Versicherte in Nordrhein-Westfalen scheinen ebenso stärker betroffen zu sein als Versicherte in Sachsen. Versicherte mit Diabetes stärker als Versicherte mit Augenerkrankungen; jüngere Versicherte stärker als Rentner. Anzeichen für eine ähnlich große Heterogenität liefern die täglich besser verfügbaren Daten für die anderen Leistungsbereiche.

Wir sehen also COVID-19 Auswirkungen, die sich in Bezug auf die Region, hinsichtlich der Kassenzugehörigkeit, in Abhängigkeit vom Alter oder im Kontext der Vorerkrankungen der Versicherten deutlich unterscheiden können. Je nach der Zusammensetzung dieser Komponenten resultiert daraus für die Einzelkasse eine ganz individuelle Betroffenheit – nicht nur auf monetärer Ebene, sondern z. B. auch in Form der zu versorgenden und der dokumentierten Morbidität.

Hieraus entwächst nun ein „Post-COVID-Dilemma“. Betrachtet man die GKV als Ganzes, so stehen 14 Milliarden Euro Defizit im Raum. Die GKV als Ganzes wäre mit ihren Finanzreserven in Höhe von 18,3 Milliarden Euro Ende März 2020 sogar in der Lage, dies zu schultern. Die ca. 100 Körperschaften können diese Frage für sich alleine betrachtet allerdings längst nicht durchgehend positiv beantworten.

Betrachtet man die Situation der Einzelkassen mit den unterschiedlichen Beitragssätzen und Reserven vor COVID-19 zusammen mit den unterschiedlichen Betroffenheiten durch die Corona- Pandemie, ist davon auszugehen, dass sich die Ungleichheit innerhalb der GKV verstärken wird. Nun wissen wir, dass Unterschiede gern als Missverhältnis charakterisiert werden und den Ruf nach politischen Korrekturen nach sich ziehen. In der aktuellen Situation ist aber davon auszugehen, dass die politischen Absichtserklärungen – Kassensturz im August, Sozialgarantie 2021 – gerade keine Lösung auf Ebene der Einzelkassen liefern.

Aus Sicht der einzelnen Krankenkasse verlangt eine Bewertung der aktuellen Situation also einen differenzierten Blick auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die kassenindividuellen Beitragsrisiken. Neben einer Reihe von interessanten und planungsrelevanten Einzelparametern (Mehr-/Minderleistungen, Regional-/Alters-/Morbiditätsprofile, Verordnerverhalten usw.) steht am Ende die Frage, wie die Ereignisse des Jahres 2020 die eigene Wettbewerbsposition und Wettbewerbsfähigkeit verändern werden.

Nach allem, was wir heute schon analysieren und simulieren können, gehen wir von einer deutlichen Zunahme des Wettbewerbsdrucks aus. Aufgrund der verschiedenen Aspekte (s.o.), die diesen Wettbewerbsdruck treiben, ergibt sich für die einzelne Kasse auch eine Zunahme der wettbewerblichen Reaktionsmöglichkeiten. Ob es in der GKV jetzt allerdings eine mehrheitlich aktive Beschäftigung mit dieser Perspektive gibt, können wir nicht voraussagen. Noch bleibt aber die Zeit, sich auf die Monate nach COVID-19 und das Haushaltsjahr 2021 vorzubereiten und damit Schocksituationen zu verhindern. Mit einem latenten Wettbewerbsimpuls hat die Pandemie die GKV aber längst infiziert.


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