Unser Wasser darf kein Chemikaliencocktail werden!

Dr. Bettina Hoffmann MdB, Sprecherin für Umweltpolitik und für Umweltgesundheit, Obfrau im Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung Bündnis 90/Die Grünen

Wasser ist unser Lebenselixier und wichtigstes Lebensmittel. In Deutschland scheint es selbstverständlich, dass sauberes Trinkwasser aus der Leitung kommt. Das ist es aber nicht.

  • Reste von Pestiziden, Düngemitteln und Tiermedikamenten aus der industriellen Landwirtschaft versickern von Ackerflächen ins Grundwasser.
  • Über Abflüsse und Toiletten gelangen immer mehr Chemikalien in die Kanalisation, darunter zum Beispiel Reste von Shampoos, Haushaltsreinigern und Medikamente.
  • Ohne jeden Filter gelangen zum Beispiel Chemikalien aus Baumaterialien und Fassadenfarben, Partikel aus Abgasen oder Mikroplastik aus dem Abrieb von Autoreifen in die Umwelt. Sie werden mit Regenwasser direkt in Straßengullis, Flüsse und Seen gespült.

All das geht nicht spurlos an unserem Wasser vorbei. Alle Oberflächengewässer in Deutschland sind in einem chemisch schlechten Zustand. Das gleiche gilt für rund 34 Prozent der Grundwasserkörper in Deutschland.

 

Keine Filterung von Diclofenac im Abwasser

Arzneimittelrückstände gehören dabei zu den Schadstoffen, die zwar nur in Spuren nachweisbar sind, aber die Gewässerökosysteme trotzdem empfindlich stören können. Ihr Verbrauch in Deutschland steigt kontinuierlich. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht, die Wasserwirtschaft erwartet sogar eine weitere Zunahme um 70 Prozent bis 2045. Medikamente und ihre Rückstände gelangen über Ausscheidungen ins Abwasser, oder wenn sie fälschlicherweise über die Toilette entsorgt werden, anstatt sie ordnungsgemäß in den Restmüll zu geben.

Wasserversorger warnen schon lange, dass beispielsweise das Schmerzmittel Diclofenac, das in einigen Sport- und Schmerzgels oder Kopfschmerzmitteln eingesetzt wird, in den Kläranlagen nicht aus dem Abwasser gefiltert werden kann und sich so in der Umwelt anreichert – mit teils dramatischen Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt in den Gewässern. Auf Zebramuscheln wirkt Diclofenac tödlich, bei Forellen kann der Wirkstoff zu Nierenschäden führen.

 

27 verschiedene Arzneimittelrückstände in hohen Konzentrationen vorhanden

An fast 90 Prozent der überprüften Messstellen überschritten die Diclofenac-Konzentrationen den von der EU empfohlenen Wert, bis zu dem keine Wirkung auf Menschen und Umwelt angenommen wird. Daneben werden auch künstliche Hormone aus der Anti-Baby-Pille in hohen Konzentrationen in den Oberflächengewässern nachgewiesen. Diese Hormone können bei Fischen die Fortpflanzung verändern und letztlich die Populationen schwächen. Insgesamt hat das Umweltbundesamt 27 verschiedene Arzneimittelwirkstoffe in einer Konzentration von über 0,1 µg/Liter in Oberflächengewässern nachgewiesen.

Der Handlungsdruck ist riesig, um zu verhindern, dass unser Wasser zu einem giftigen Chemikalien-Cocktail mit immer mehr Zutaten wird. Doch die Bundesregierung verschleppt konkrete Maßnahmen. Ein mehrjähriger Spurenstoffdialog, in dem das Bundesumweltministerium zusammen mit Wasserversorgern, Umweltverbänden und Pharmaindustrie Lösungsansätze diskutiert hat, endete in diesem Jahr ohne konkrete Ergebnisse und Handlungsempfehlungen. Die Bundesregierung will die Beteiligten nun weiterdiskutieren lassen. Neue Gesprächskreise allein lösen aber keine Probleme.

 

Forderung: Vorsorgeprinzip stärken

Dabei haben Umweltverbände und Wasserversorger und auch wir Grüne im Bundestag genug Vorschläge gemacht, die nun umgesetzt werden könnten. Das Grundprinzip dabei lautet: Statt auf teure End-of-Pipe-Lösungen zu setzen, muss die Bundesregierung das Vorsorgeprinzip stärken. Die Bundesregierung sollte also zum Beispiel eine verbindliche Liste von schwer in der Umwelt abbaubaren Stoffen vorlegen, die zum Schutz von Mensch und Umwelt nicht mehr in Produkten verwendet werden dürfen. Auch die Zulassungsverfahren für Arzneimittel und andere Chemikalien müssen so verbessert werden, dass auch die langfristigen Auswirkungen von Wirkstoffen auf Umwelt und Gewässer umfassend geprüft werden. Begleitend ist weitere Forschung für umweltverträgliche Wirkstoffe erforderlich.

Im Sinne des Verursacherprinzips sollten die darüber hinaus die Kosten für die Abwasserreinigung neu aufgeteilt werden. Über einen Verursacher-Fonds sollten zum Beispiel die industrielle Agrarwirtschaft, und die Pharma- und Chemieindustrie einzahlen. Sie produzieren und emittieren den Großteil der Schadstoffe, die später unser Wasser verunreinigen. So schaffen wir eine faire und sozialverträgliche Kostenverteilung.

Eine generelle Aufrüstung von Kläranlagen mit einer zusätzlichen vierten Reinigungsstufe ist hingegen nicht zielführend. Es gibt nicht die eine vierte Reinigungsstufe, vielmehr kommen unterschiedliche Verfahren wie Ozonierung, Nanofiltration oder Umkehrosmose in Betracht. Keines dieser Verfahren reicht alleine aus, um alle Schadstoffe aus dem Wasser zu filtern. Darüber hinaus sind zusätzliche Reinigungsstufen extrem teuer. Wasserversorger rechnen mit Zusatzkosten von bis zu 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. Über die Wassergebühren werden diese Kosten an die Haushalte weitergereicht. Das macht deutlich: Zusätzliche Reinigungsstufen können an einigen Hotspots wie Krankenhäusern sinnvoll sein, eine flächendeckende Lösung sind sie aber nicht.


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