Strukturen schaffen – Herausforderungen meistern – Gesundheit gestalten

Herausforderungen in der Corona-Pandemie für das Gesundheitswesen mit Fokus auf die Reha-Branche

Dr. York Dhein, Chief Executive Officer der Johannesbad Gruppe

Selten stand die Gesundheitsbranche in ihrer Gesamtheit so im Fokus wie 2020. Selten waren alle Teile für die Gemeinschaft so gefordert wie in diesem Jahr. Das erste Fazit: Wir haben diese Krise gemeistert – gemeinsam. Aber klar ist auch: Die Pandemie ist noch nicht vorbei – und: Unser Gesundheitssystem ist durch Corona nicht besser geworden, die wichtigen Strukturthemen bleiben.

 

Die Rehabilitation – neu entdeckt

Im Februar und März haben wir die Bilder aus Italien, Frankreich und anderen Ländern gesehen, spätestens dann war klar, dass wir vor einer großen Herausforderung stehen. Der erste Reflex der politisch Verantwortlichen, Ersatzkrankenhäuser in umgebauten Messehallen, Hotels oder Zelten aufzubauen, war falsch. Eine wichtige Säule des deutschen Gesundheitswesens hatte man schlicht vergessen: die über 1.000 Reha-Kliniken mit rund 167.000 Betten und 120.000 qualifizierten Mitarbeitern. Eine Reserve für die Akutmedizin, über die kein anderes Land verfügt. Und die Rehabilitation hat geholfen, als man sie einbezogen hat: Zahlreiche Kliniken wurden in die Pandemie-Bewältigung eingebunden und haben Covid-19-Patienten aufgenommen. Auch die Johannesbad Fachklinik in Bad Füssing hat in enger Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen im Landkreis Passau eine Covid-Station geschaffen, auch wenn die Kapazitäten nie ausgeschöpft wurden.

Und wieder vergessen: In den ersten Entwürfen für die Rettungsschirme im Gesundheitswesen waren die Rehabilitationskliniken nicht berücksichtigt. Nachgebessert wurde erst in mehreren Schritten, zunächst für die Rehabilitationskliniken, dann für die Eltern-Kind-Kliniken.

Und jetzt zwischen den Wellen: Die Rehabilitationskliniken können immer noch nicht voll ausgelastet werden, Hygiene- und Abstandsregeln erfordern mehr Personal und Raum. Die Rentenversicherungen haben das grundsätzlich verstanden und zahlen einen Corona-Zuschlag – der ist zwar deutlich zu gering und wirtschaftlich nicht auskömmlich, aber zumindest ein Anfang. Die gesetzlichen Krankenkassen stehlen sich aktuell noch aus der Verantwortung, diese wichtigen Strukturen der Nachsorge zu erhalten. Der Herbst wird zeigen, wie schlimm die Lage wirklich ist: Viele Reha-Einrichtungen fahren schon jetzt am Rande der wirtschaftlichen Belastbarkeit. Dabei geht es nicht um das Überleben der Unternehmen allein, sondern gerade um deren Zukunftsfähigkeit. Denn nur mit wirtschaftlicher Sicherheit können die Einrichtungen weiter in Mitarbeiter, innovative Konzepte, Hardware etc. investieren. Das wird der eigentliche Schaden sein.

 

Lernen für die zweite Welle

Wann und in welchem Ausmaß ein Impfstoff verfügbar sein wird, ist derzeit ungewiss. Unklar bleibt auch, wann eine vollständige Rückkehr in die Normalität der Zeiten vor Corona möglich sein wird.

In der Rückschau hat unsere Politik klug und konsequent gehandelt, wir alle haben uns in einem seltenen Gefühl der Gemeinsamkeit vernünftig verhalten – zumindest in den ersten Monaten. Umso wichtiger sind die lessons learned, die wir aus der Zeit mitnehmen. Eine vollständige Liste aufzuführen, wäre lang, zwei Punkte möchte ich herausgreifen:

  1. Flexible Vorhaltequoten für die Akut- und Rehabilitationskliniken: Das Infektionsgeschehen ist volatil; wir wissen jetzt, ab welchen Infektionszahlen die Kliniken der verschiedenen Versorgungsstufen benötigt werden. Wir als Reha-Einrichtungen können innerhalb von 48 Stunden reagieren und Kapazitäten zur Verfügung stellen. Also brauchen wir eine flexible Steuerung, um unnötigen strukturellen und wirtschaftlichen Schaden zu vermeiden.
  2. Flexible Hygienekonzepte: In der Johannesbad Gruppe haben wir eine konzernweite Hygienekommission aufgesetzt und entscheiden flexibel, wie intensiv wir die Test- und Hygieneregime fahren. Wenn die Zahlen hoch sind, machen wir die Schotten dicht und testen alle neu aufgenommenen Patienten. Das ist pragmatisch und sinnvoll; bietet gleichzeitig die notwendige Sicherheit.

 

Mit dem Aufräumen beginnen

Es ist viel liegen geblieben. Gerade Patienten mit chronischen Erkrankungen wurden nicht konsequent behandelt, notwendige Operationen verschoben – das gilt es jetzt aufzuarbeiten.

Dazu sind neue Herausforderungen gekommen: Lockdown, Homeoffice und Homeschooling stellten und stellen gerade für Familien und besonders für Alleinerziehende außergewöhnliche Belastungen dar. Hier können Eltern-Kind-Kliniken helfen, aber gerade diese Einrichtungen waren beispielsweise in Bayern noch bis Ende Juli per Anordnung geschlossen. Auch nach dem Restart kann wegen der Hygiene- und Abstandsregelungen keine Vollauslastung erreicht werden. Und das, obwohl diese professionelle Therapie gerade jetzt dringend gebraucht wird. Die geringe Auslastung bei gleichzeitig höheren Kosten für Personal und Hygiene belastet viele Einrichtungen wirtschaftlich extrem, einige stehen vor dem Aus.

Auch andere Indikationen werden stärker gefordert sein: Psychosomatische Reha- und Sucht-Kliniken fangen derzeit Menschen auf, die intensive Betreuung brauchen. Depressionen, Burn-out, Angststörungen, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit – Indikationen, die sich durch die außergewöhnliche Situation in der Corona-Pandemie verstärken. Um den Betroffenen wieder auf die Beine zu helfen, sind zusätzliche Kapazitäten erforderlich. Diese fehlen aber schon jetzt; die Wartezeiten steigen auf mehrere Monate an.

 

Strukturthemen bleiben

Es gibt mittlerweile einen geflügelten Spruch: Wer treibt wirklich die Digitalisierung in einem Unternehmen voran? Der CEO, der CDO oder Covid-19? Die Antwort ist klar. Die Corona-Krise hat uns in allen Bereichen unsere Defizite vor Augen geführt: Bei der Digitalisierung sind wir meilenweit abgeschlagen. Auch wenn sich einiges bewegt hat, was vorher jahrelang stillstand. Ein Beispiel: Jetzt endlich hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass man auch mit Videosprechstunden Patienten kompetent behandeln kann; und diese sind auch noch abrechenbar. Vor Corona wäre das noch undenkbar gewesen.

Wir als Johannesbad Gruppe haben ebenfalls unsere Schwachstellen in der Digitalisierung erkennen müssen. Jetzt arbeiten wir mit Hochdruck an der Digitalisierung unserer therapeutischen Leistungsangebote, um bei einer neuen Corona-Welle mit lokalen Einschränkungen virtuell weiterbehandeln zu können. So sind wir weniger anfällig, das kommt letztlich unseren Patientinnen und Patienten zugute.

Außerdem müssen wir noch stärker den Fokus auf das Personal im Gesundheitswesen legen. Es hat viel zu lange gedauert, bis die Ausbildung kostenfrei geworden ist, von einer Ausbildungsvergütung gar nicht zu reden. Wer Zimmermann lernen will, zahlt nichts und bekommt Lehrgeld – anders bei vielen Gesundheitsberufen. Darüber hinaus müssen wir die Rollenbilder zwischen Arzt, Pflege und Therapie neu definieren, um die Berufe attraktiver zu machen. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung, Beschäftigte in neuen Berufsbildern wie Pflegetechnische Assistenten (PA), Operationstechnische Assistenten (OTA) etc. sind bereits im Einsatz. Entscheidend ist: Wir müssen die Gesundheitsberufe besser bezahlen. Gut gemeinter Applaus abends auf Balkonen, kleine Boni und nette Plakate mit „Vielen Dank!“ werden langfristig nicht helfen.

Also, Jens Spahn – übernehmen Sie! Gestalten Sie als Gesundheitsminister wieder die Zukunft einer gesunden Gesellschaft!

 

Die Johannesbad Gruppe (Johannesbad Holding SE & Co. KG) vereint unter einem Dach: neun Fach- und Rehabilitationskliniken, eine Adaptionseinrichtung, sieben Hotels, die Johannesbad Therme in Bad Füssing und vier medizinische Fachschulen für Physio- und Ergotherapeuten, Masseure und medizinische Bademeister. Das Unternehmen mit rund 2.000 Mitarbeitern und einem Gesamtumsatz von 130 Millionen Euro gehört zu den Top-10 der Rehabilitationsanbieter in Deutschland.


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