Gesundheitspolitik 2019: Meditatives Bogenschießen ersetzt Ordnungspolitik

Dr. Kevin Schulte, außerordentliches Vorstandsmitglied beim Berufsverband Deutscher Internisten, Gründungsmitglied des Bündnisses „Junge Ärzte“

Kurse zur Stärkung der ärztlichen Resilienz haben Konjunktur. Von meditativem Bogenschießen bis zu angeleiteter Meditation zu Orgelmusik – vieles wird geboten. Das Ziel des Ganzen? Ärztinnen und Ärzte sollen Strategien an die Hand bekommen, um ihr emotionales und körperliches Erschöpfungsgefühl zu bewältigen. Genauer: Sie sollen lernen, genau das meint nämlich Resilienz, Krisen und Rückschläge als Anlass für eine eigene Weiterentwicklung zu nutzen. Betrachtet man das Ergebnis einer aktuellen Studie zu dem Thema[i], so scheint Bedarf vorhanden: 70 Prozent der Krankenhausbelegschaft –- Ärzte, wie Pflegekräfte – zeigen Zeichen eines Burnouts. In dieser Lesart also liegt das Problem bei uns selbst begründet. Wir sind einfach nicht weit genug entwickelt, um in unserem ausgefeilten Gesundheitssystem zu bestehen. Die Lösung ist einfach: Wir müssen mehr an uns arbeiten!

Aber mal ehrlich, wenn mehr als zwei Drittel der Belegschaft in deutschen Krankenhäusern betroffen sind, so liegt es doch auf der Hand, dass das Problem nicht beim Individuum liegt, sondern durch das bestehende System begründet ist. Entsprechend muss auch die Antwort auf diesen Befund eine politische sein. Sich noch besser an das bestehende Regelwerk anzupassen, kann nicht der richtige Weg sein. Diese Perspektive vertritt auch eine interessante amerikanische Initiative, die vorschlägt, das Überlastungssyndrom „Moral Injury“ und nicht „Burnout“ zu nennen.

 

Zusammenhang zwischen ärztlichem Wohlbefinden und Qualität der Patientenversorgung

Die Idee: Der Erschöpfungszustand ist die Folge einer Verletzung der Wertevorstellung der Ärztin oder des Arztes. Diese Verletzung entsteht dadurch, dass das System sie zu einer Versorgung veranlasst, die ihren Vorstellungen einer angemessenen und menschlichen Patientenversorgung widerspricht. Durch den wiederholten Versuch, sich den systembedingten Missständen durch eigenes (Über-) Engagement entgegen zu stellen, entsteht hieraus der körperliche und psychische Erschöpfungszustand. Wir sind also nicht maladaptiert, sondern patientenorientiert! Entsprechend wird deutlich, und das bestätigt auch oben erwähnte Studie, dass ein Zusammenhang zwischen dem ärztlichen Wohlbefinden und der Qualität der Patientenversorgung besteht.

 

Die Strategie der Länder: Verantwortung nicht wahrnehmen, Zuständigkeit abstreiten

Zeit für ein Gedankenexperiment: Sindelfingen, Porschewerk. 70 Prozent der Produktionsmannschaft zeigen Schäden an ihrem Bewegungsapparat aufgrund ihrer Arbeitsbelastung. Was würde passieren? Die Berufsgenossenschaft und die Aufsichtsbehörden würden Porsche zu Leibe rücken und fragen, warum die Gesundheitsgefährdung nicht in den gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsanalysen aufgefallen sei – zu Recht, im wahrsten Sinne des Wortes! Was passiert im Gesundheitswesen? Der Berufsverband Deutscher Internisten richtet sich mit einem Brief an alle Aufsichtsbehörden in Deutschland[ii], schildert das Ergebnis oben erwähnter Studie und erkundigt sich, inwiefern man seiner Aufsichtspflicht in den vergangenen Jahren nachgekommen sei. Die Reaktion der Länder: keine. Der NDR greift die Thematik in seiner Reportagesendung Panorama 3[iii] auf und fragt erneut nach. Die Reaktion der Länder: Die Situation sei in der Tat schwierig, hierfür aber trügen die Kliniken die Verantwortung und nicht die Länder.

Nun ist nachvollziehbar, dass die Chefetagen der Krankenhäuser zurückhaltend motiviert sind, proaktiv nach einer überkritischen Arbeitsbelastung ihrer Belegschaft zu fahnden. Was sollten sie auch tun, wenn auffällige Untersuchungsbefunde sie zu konkreten Verbesserungsmaßnahmen zwingen? Die meisten Krankenhäuser haben schließlich schon jetzt damit zu kämpfen, ihre Investitionsmittel basierend auf einer Ist-Kosten-Erstattung ihrer Betriebskosten zu erwirtschaften. Die hierfür im Rahmen der dualen Krankenhausfinanzierung eigentlich verantwortlichen Länder kommen ihren Verpflichtungen bekanntermaßen seit Jahren nur ungenügend nach. Aufgrund dessen würde man eigentlich meinen, dass die Aufsichtsbehörden proaktiv im Sinne des Gesetzes handeln (vgl. §1 ArbSchG), um zu garantieren, dass trotz dieser schweren Lage die Sicherheit und der Gesundheitsschutz der Beschäftigten gesichert wird. Warum tun sie das nicht? Sind die Aufsichtsbehörden einfach nur verschlafen oder gibt es einen Grund für dieses passive Agieren? Ist es vielleicht so, dass die Länder gar kein Interesse haben, diese Missstände aufzudecken, da sie selbst hierfür verantwortlich sind? Undenkbar! Denn das würde ja bedeuten, dass der Staat seine eigenen Vorgaben auf Kosten seiner Bürger und sogar seiner Angestellten missachtet oder zumindest großzügiger auslegt, wenn sie ihn selber und nicht ein privates Unternehmen betreffen.

 

Verschärfung der Situation durch Ausgliederung der Pflegepersonalkosten

Es ist zu befürchten, dass die Ausgliederung der Pflegepersonalkosten aus den DRG Fallpauschalen die Situation für den ärztlichen Bereich noch verschärfen wird. Wie auch sonst, als durch eine Absenkung der ärztlichen Personalkosten, soll es zukünftig gelingen, Überschüsse aus den Fallpauschalen zu erwirtschaften? Bei den anderen Kostenarten wird es kein großes Sparpotenzial mehr geben, denn ohne Licht und Operationsbesteck geht eben im Krankenhaus gar nichts. Die betriebswirtschaftlich logische Folge: Weniger Ärzte bei bitte gleicher Fallzahl und gleichem Case-Mix-Index. Und dann – meditatives Bogenschießen für alle!

 

Mut zur Wahrheit und vernünftigen Entscheidungen

In der Logik des aktuellen Systems bleibend ist klar, was zu fordern ist: Eine Ausgliederung der Arztpersonalkosten aus dem DRG-System und eine Einführung von Arztpersonaluntergrenzen. Das wäre die Rettung der Ärzte vor angeleiteter Orgelmusik, was alleine schon ein guter Grund für eine Gesetzesnovelle wäre, würde aber die Gesamtproblematik auf lange Sicht nicht lösen. Der Investitionsstau in den Krankenhäusern würde sich weiter zuspitzen, und es gäbe noch häufiger die Situation, dass notwendige Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann, da die Personalmindestvorgaben nicht erfüllt werden können. Anstatt also ein unüberschaubar kompliziertes und dysfunktionales System weiter zu verkomplizieren, ist es an der Zeit, vernünftig und mutig zu sein. Wir haben zu viele Krankenhäuser und wir haben keine bedarfsgerechte Krankenhausplanung. Also, liebe Landesminister, macht Euren Job! Entscheidet, welche Krankenhäuser notwendig sind, bündelt die Investitionsmittel und schafft eine Grundlage, auf der wir Patienten versorgen können, ohne dabei unsere eigene Gesundheit zu gefährden.

 

[i] Raspe, M., Koch, P., Zilezinski, M. et al. Bundesgesundheitsbl (2019)

[ii] Brief des BDI an die Gesundheitsminister

[iii] Panorama3: Burn-out-Gefahr: Assistenzärzte am Limit


© Observer Gesundheit


Alle Kommentare ansehen