Was ist in der nächsten Legislaturperiode pflegepolitisch zu tun?

Kordula Schulz-Asche MdB, Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik, Bündnis 90/Die Grünen

Seit Jahren steigt durch den demografischen Wandel und den Babyboom der 1950er und 1960er Jahre die Zahl älterer Menschen und in dieser Folge auch die Zahl Pflegebedürftiger stetig an. Gleichzeitig gehen viele Pflegefachkräfte in den nächsten Jahren in Rente oder verlassen bereits in jungen Jahren den Beruf, da sich die Arbeitsbedingungen zunehmend verschärfen. Der bereits bestehende Wettbewerb aller Branchen der deutschen Wirtschaft um Fachkräfte wird sich in den nächsten Jahren immer weiter zuspitzen.

Die Corona-Krise führt uns bloß einmal mehr vor Augen, wie bedrohlich die Personalnot in der Pflege bereits heute ist.  Menschen, die sich im Gesundheitswesen engagieren, befinden sich seit dem letzten Jahr im Grunde im Dauerstress. Deshalb hängt das Damoklesschwert des Pflexit stärker denn je über uns. Wenn 30 Prozent der Pflegekräfte über einen Berufsausstieg nachdenken, ist das zu viel. Um das zu verhindern, müssen wir den Pflegeberuf stärken – und zwar jetzt!

 

Nachhaltige Maßnahmen erforderlich

Um nachhaltige Verbesserungen in der professionellen Pflege zu erreichen, brauchen wir vielfältige Maßnahmen: eine faire und angemessene Bezahlung, neue Arbeitszeitmodelle, die die familiäre Sorgeverantwortung von Frauen und Männern berücksichtigen und ein wissenschaftlich basiertes Personalbemessungsinstrument, das sich am tatsächlichen Pflegebedarf orientiert.

Neben dem wichtigen bereits geschaffenen Baustein der Akademisierung ist es endlich an der Zeit, auch eine Qualifizierungssystematik zu schaffen, die an das europäische Niveau angepasst ist und Pflegekräften erlaubt, Karrieremöglichkeiten auszuschöpfen. Junge Menschen wünschen sich höhere Standards in der Pflegeausbildung und wollen sich weiterentwickeln. Wir müssen ihnen endlich den Weg frei machen und sowohl attraktive Rahmenbedingungen für die Entwicklung beruflicher Rollen hochschulisch qualifizierter Pflegefachkräfte als auch attraktive Einsatzgebiete im Case Management, in der Quartiergesundheitspflege oder Schulgesundheitspflege schaffen.

Darauf aufbauend ist es elementar, dass die Ausbildung entsprechend der jeweiligen Qualifikation dazu befähigt, eigenverantwortlich zu arbeiten und zum Beispiel heilkundliche Tätigkeiten und damit auch mehr Verantwortung zu übernehmen. Es ist doch ein Unding, dass sich eine Pflegefachkraft in der ambulanten Versorgung regelmäßig von Hausärztinnen und Hausärzte Verbandsmaterialien für eine zu versorgende Wunde verschreiben lassen muss, die der Arzt oder die Ärztin nur aus der Beschreibung der Pflegefachkraft kennt. Eine qualitativ hochwertige Versorgung pflegebedürftiger Menschen ist in Zukunft nur möglich, wenn Ärzteschaft, Pflege und andere Gesundheitsberufe in der stationären und ambulanten Versorgung auf Augenhöhe und eigenverantwortlich zusammenarbeiten.

 

Pflege muss sich organisieren

Wir stehen also vor einer riesigen Herausforderung – einer Herausforderung, die wir ohne die Pflegekräfte nicht bewältigen können. Das deutsche Gesundheitswesen lebt vom Prinzip der Selbstverwaltung. Daher ist es fundamental, dass sich die Pflege organisiert und sich einen Platz am Tisch der großen Akteure sichert, insbesondere wenn es um das eigene Aufgabenfeld geht. Eine Bundespflegekammer kann diese Aufgabe übernehmen und ist, auch wenn sie kein Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel darstellt, die Grundvoraussetzung für die moderne Weiterentwicklung des Pflegeberufs. Es macht mich daher stolz, dass wir Grüne die Bundespflegekammer als einzige Bundestagsfraktion in Anträgen und als einzige Partei im Wahlprogramm stehen haben und damit ein Signal an die Pflegekräfte senden.

Am Ende dürfen wir bei all den Maßnahmen die Pflegebedürftigen selbst und ihre pflegenden An- und Zugehörigen nicht vergessen. Auch sie leiden massiv unter dem aktuellen Pflegenotstand und sind häufig die Leidtragenden, sei es, weil wichtige Pflegehilfsangebote aufgrund des Personalmangels wegbrechen oder sie immensen finanziellen Herausforderungen in Form von Pflegeeigenanteilen gegenüberstehen. Es ist unsere gesellschaftliche Aufgabe, die Pflegeversorgung so zu organisieren, dass alle Menschen sich auf eine gute und bezahlbare Pflege verlassen können. Dabei ist für uns Grüne der Leitsatz „ambulant vor stationär“ zentral, um dem Wunsch vieler pflegebedürftiger Menschen zu entsprechen, in der gewohnten Umgebung wohnen bleiben zu können. Um das zu erreichen, brauchen wir eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Pflegeversicherung. Mit unserer doppelten Pflegegarantie wollen wir die explodierenden Eigenanteile sofort senken und dauerhaft deckeln. Damit gestalten wir die Pflegeversicherung verlässlich und solidarisch. Mit einer Pflege-Bürgerversicherung wollen wir die Pflegeversicherung nachhaltig, einkommens- und generationengerecht finanzieren.

 

Nachbarschaft einbeziehen

Wir brauchen bei unseren Vorhaben das Engagement vieler Akteure und setzen daher auf ein koordiniertes Miteinander von privater und professioneller Pflege, das die Nachbarschaft einbezieht: Freiwilligenarbeit, Unterstützungsangebote der Wohnungsbaugenossenschaften, Tagespflegeangebote von Wohlfahrtsverbänden und Pflegeeinrichtungen und Seniorinnen- und Seniorentreffs, die ein offener Ort für alle werden. Das Zusammenleben der Generationen und der Dialog zwischen Jung und Alt ist uns ein wichtiges Anliegen und bekommt angesichts des demografischen Wandels und der älter werdenden Bevölkerung eine immer größere Bedeutung. Die Kommunen spielen dabei eine Schlüsselrolle, denn sie verantworten zentrale Felder der Daseinsvorsorge. Wir wollen ihnen im ländlichen Raum mehr Möglichkeiten geben, die Gesundheit im Lebensumfeld der Menschen zu fördern. Es gilt, neue Versorgungstrukturen in Stadt und Land zu schaffen, die sich mehr an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Auf diese Weise machen wir das Leben im Quartier für alle Generationen lebenswert.


© Observer Gesundheit


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