Warum so unentspannt?

PsychotherapeutInnen kritisieren die Rückkehr ins standespolitische Mittelalter beim Deutschen Ärztetag

Sabine Maur, Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz

Die dringend notwendige Reform der Psychotherapeuten-Ausbildung steht an. Vom Berufsstand nachdrücklich begrüßt, hören sich die ärztlichen Wortmeldungen aus den letzten Monaten dazu folgendermaßen an: „völlig verkorkste Reform“, „Schrumpf-Ausbildung, „darf niemals auf Patienten losgelassen werden“, „Rückkehr zu Bader-Chirurgen oder Dentisten in der mittelalterlichen Ständegesellschaft“, „Barfußärzte für die Seele“ „Etikettenschwindel“.

Oder ganz aktuell Bundesärztekammerpräsident Montgomery auf dem Deutschen Ärztetag in Münster: „Ein Beispiel der Deprofessionalisierung ist das völlig überflüssige Gesetz zur Installierung einer eigenen, grundständigen Psychotherapeutenausbildung.“

Spricht hier die BILD-Zeitung? Nein, hier sprechen Ärztefunktionäre über einen seit 20 Jahren eigenständigen verkammerten Heilberuf, der maßgeblich die ambulante psychotherapeutische Versorgung psychisch kranker Menschen in Deutschland leistet. Abwertend, herablassend, diskriminierend, faktenverzerrend – das muss diese „schuldige Achtung“ KollegInnen gegenüber sein, die im Gelöbnis der Berufsordnung der ÄrztInnen erwähnt wird. Eine Rückkehr ins standespolitische Mittelalter.

 

Standespolitischer Rückfall

Warum so unentspannt? Weil PsychotherapeutInnen dafür sorgen, dass psychisch kranke Menschen leitliniengerecht psychotherapeutisch behandelt werden. Psychologische PsychotherapeutInnen und Kinder- und Jugendlichen-PsychotherapeutInnen leisten in meinem Bundesland über 80 % der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland, im Kinder- und Jugendlichen-Bereich über 95 %. Im stationären Bereich wird die Versorgung zur Hälfte von ÄrztInnen und zu anderen Hälfte von PsychotherapeutInnen, PsychologInnen und PsychotherapeutInnen in Ausbildung (PiA) geleistet. Dass Psychotherapie „etwas zutiefst Ärztliches“ ist, wie Montgomery meint, davon merkt man in der Gesundheitsversorgung jedenfalls wenig, zumindest dann, wenn sie auf höchstem Niveau ausgeübt wird.

Das scheint für manche altgediente Ärztefunktionäre wie den scheidenden Ärztekammerpräsidenten Montgomery Anlass für einen solchen standespolitischen Rückfall zu sein, insbesondere auch vor dem bekannten Nachwuchsproblem in der Ärzteschaft. Man kommt auf die Idee, dass für manche dieser Ärztefunktionäre der Erhalt des eigenen Machtstatus dann wohl wichtiger ist als eine gute Versorgung psychisch kranker Menschen. Erstaunlich und befremdlich, zumal in der ambulanten und stationären Versorgung vor Ort die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen hervorragend ist und als gegenseitige Bereicherung gesehen wird.

 

Psychotherapeuten ohne Nachwuchsprobleme – trotz Ausbeutung

Jetzt wagen es also diese PsychotherapeutInnen, eine Reform ihrer Ausbildung zu fordern, und begrüßen den Gesetzentwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium. Was sind die Gründe für diese so dringend notwendige Reform?

Der wichtigste Grund dafür ist, dass die PsychotherapeutInnen in Ausbildung seit nunmehr 20 Jahren in ihrer Klinikzeit in Psychiatrien und Psychosomatiken bedenkenlos ausgebeutet werden. Menschen mit einem akademischen Abschluss bekommen für ihre Vollzeittätigkeit mit psychisch kranken Menschen durchschnittlich 640 Euro im Monat. Außerdem müssen sie ihre Ausbildung selber zahlen. Erstaunlicherweise hat unser Berufsstand trotzdem keinerlei Nachwuchsprobleme.

Der Gesetzgeber und der Berufsstand möchten eine Angleichung der Ausbildungssystematik an die anderen Heilberufe: Psychotherapie-Studium, Approbation, fünfjährige Weiterbildung zur Fachpsychotherapeutin. Die Inhalte werden noch einmal intensiviert, die rechtliche und finanzielle Situation der WeiterbildungsteilnehmerInnen bessergestellt – von einem neuen Berufsstand kann also keine Rede sein, zumal die neue Weiterbildung auch in Zukunft natürlich von den Landespsychotherapeutenkammern verantwortet wird. Die Versorgung psychisch kranker Menschen wird durch diese Reform noch weiter verbessert. Unser Beruf gewinnt unübersehbar weiter an Format.

 

Ärztliche Attitüde ist von vorgestern

Diese Neuerungen berühren die Berufsausübung der ÄrztInnen in keiner Weise. Einem anderen Heilberuf die Legaldefinition vorschreiben zu wollen, darauf muss man erst mal kommen. Um darauf zu kommen, ist es hilfreich, sich für die einzig wahren Experten des gesamten Gesundheitswesens zu halten, an denen kein Weg vorbeiführen darf. Nur dann kann man auf die Idee kommen, allen anderen Heil- und Gesundheitsberufen vorzuschreiben, wie es bei ihnen zu laufen hat. Das ist eine ärztliche Attitüde von vorgestern. Diese Attitüde spiegelt sich auch darin wider, dass der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie von PsychotherapeutInnen und ÄrztInnen gleichermaßen besetzt wird, seine Ergebnisse aber nur für uns psychologische PsychotherapeutInnen gelten sollen.

Was ist mit den Vorwürfen der mangelnden Wissenschaftlichkeit und der fehlenden Praxisanteile? Da muss man leider fast lachen. Im Medizin-Studium sind Statistik und Methodik nur in homöopathischen Dosen enthalten (apropos Homöopathie: Teil der ärztlichen Weiterbildungsordnung trotz bestens belegtem Humbug). Das führt dazu, dass in allen medizinischen Forschungseinrichtungen PsychologInnen arbeiten.

Und die angeblich fehlenden Praxisanteile? Zukünftig werden wir fünf Jahre Psychotherapie studieren inklusive zahlreicher Praxisanteile. Im Medizinstudium sind Praxisanteile in Psychiatrie und Psychotherapie noch nicht einmal Pflicht. Ein Arzt kann die Approbation erhalten, ohne jemals auch nur gesehen zu haben, wie ein psychisch kranker Mensch behandelt wurde.  Selbst bei absoluten Basics wie der ärztlichen Gesprächsführung ist noch erhebliche Luft nach oben im Medizinstudium. „Sprechende Medizin“ will eben gut gelernt sein.

 

Kollegialität und Wertschätzung gefordert

Die letzten Tage des Ärzte-Patriarchats sind angebrochen. Höchste Zeit für jüngere Menschen in der Berufspolitik, für mehr Frauen und für Männer, die kollegial, kooperativ und wertschätzend mit anderen umgehen können. Wer die zahlreichen Äußerungen von jungen ÄrztInnen in den sozialen Medien verfolgt, wie zum Beispiel unter dem Hashtag #Twankenhaus, der weiß, dass auch sie sich dringend einen anderen Umgang miteinander wünschen – innerhalb des Berufsstands und zwischen den Professionen. Es dient auch einer besseren Versorgung unserer gemeinsamen PatientInnen. Wir PsychotherapeutInnen sind dazu sehr gerne bereit.


© Observer Gesundheit


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