Schlechtere Versorgungsqualität durch Privatisierung von Pflegeheimen

USA-Studienergebnisse: Mit Wechsel in private Trägerschaft werden Pflegefachkräfteanteil reduziert / Verschlechterung der Versorgungsqualität wird in Kauf genommen



Der anhaltende und zunehmende Kostendruck der Pflegeheime treibt den Privatisierungstrend in der Pflege weiter an. Seit 1999 stieg die Anzahl der Pflegeplätze in privater Trägerschaft um 128 %[1]. Immer mehr Pflegeheime in Deutschland entscheiden sich für eine private Trägerschaft[2]. Diese Entwicklungen lassen sich auch in den USA beobachten. Zunehmend wechseln dort Pflegeheime von einer nicht-profitorientierten (d.h. freigemeinnützigen) Trägerschaft in eine profitorientierte (d.h. private) Trägerschaft.

Die Auswirkungen dieser Entwicklungen – vor allem im Hinblick auf die Versorgungsqualität – sind bislang unklar gewesen. Eine Studie[3] untersucht erstmalig anhand von USA-Pflegeheimdaten, welchen Einfluss ein profitorientierter Trägerschaft-Wechsel auf die Versorgungsqualität hat, und mit welchen Maßnahmen gewechselte Pflegeheime ihre wirtschaftliche Situation verbessern.

 

 Abbildung 1: Prozentuale Verteilung von Pflegeheimen in Deutschland nach Trägerschaften in den Jahren 1999 bis 2019

 

Quelle: Eigene Darstellung basierend auf Daten des Statistischen Bundesamtes[2].

 

Die Privatisierung von Pflegeheimen wird in der Öffentlichkeit zunehmend diskutiert. Im Jahr 1999 befanden sich 35 % der deutschen Pflegeheime in privater Trägerschaft. Der Anteil an Pflegeheimen mit privater Trägerschaft ist bis 2019 auf 43 % angestiegen. Gleichzeitig ist von 1999 bis 2019 ein prozentualer Rückgang von Pflegeheimen mit einer freigemeinnützigen oder öffentlichen Trägerschaft zu verzeichnen (siehe Abbildung 1). Auch in den USA gewinnt die Privatisierung von Pflegeheimen eine zunehmende Rolle. Pflegeheime können dort einer nicht-profitorientierten (vergleichbar mit freigemeinnützigen Trägerschaft), einer profitorientierten (vergleichbar mit privaten Trägerschaft) oder einer staatlichen Trägerschaft (vergleichbar mit einer öffentlichen Trägerschaft) angehören. Immer mehr Pflegeheime in den USA wechseln von einer nicht-profitorientierten Trägerschaft in eine profitorientierte Trägerschaft. Die Auswirkungen eines solchen Wechsels auf die Versorgungsqualität in Pflegeheimen waren bislang unklar.

Eine Studie von Lu und Lu (2021)[3] gibt Aufschluss über die Folgen eines profitorientierten Trägerschaft-Wechsels und berücksichtigt neben der Versorgungsqualität auch die von den Pflegeheimen eingeleiteten Maßnahmen (z.B. Lohnkosten- und Personalreduzierung), um ihre wirtschaftliche Situation zu optimieren.

 

Studiendesign

Für die Studie[3] wurden mehrere USA-Pflegeheimdatensätze aus den Jahren 2006 bis 2017 zusammengeführt. Insgesamt wurden 48.351 Beobachtungen in die Studie eingeschlossen. Eine Beobachtung steht für ein nicht-profitorientiertes Pflegeheim in einem bestimmten Jahr. 631 Pflegeheime sind von einer nicht-profitorientierten Trägerschaft in eine profitorientierte Trägerschaft gewechselt. Pflegeheime, die im Rahmen des Beobachtungszeitraums mehrere Trägerschaft-Wechsel vollzogen haben, wurden von der Studie ausgeschlossen.

Der zusammengeführte Datensatz umfasst Kennzahlen, die die Entwicklung der wirtschaftlichen Situation und Versorgungsqualität abbilden.

Für die Kennzahlen zur wirtschaftlichen Situation wurden beispielsweise die Betriebskosten, die Lohnkosten, der Personalbestand und die Nettoumsätze betrachtet. Außerdem wurde auch die jährliche betriebsbezogene Umsatzrendite berechnet (Formel: (Betriebsbezogene Nettoumsätze-Betriebskosten) / Betriebsbezogene Nettoumsätze). Bei den betriebsbezogenen Nettoumsätzen wurden betriebsfremde Erträge nicht berücksichtigt (z.B. private Spenden). Die betriebsbezogene Umsatzrendite zeigt die Effizienz eines Unternehmens. Beträgt die betriebsbezogene Umsatzrendite eines Pflegeheimes beispielsweise 3 %, bleibt dem Pflegeheim von den betriebsbezogenen Nettoumsätzen 3 % als Gewinn übrig. Basierend auf der Gesamtumsatzrendite aus dem Jahr 2006 (d.h. einschließlich betriebsfremder Transaktionen) wurde jedes Pflegeheim vor einem Trägerschaft-Wechsel in die Kategorie „hohe“ oder „keine hohe“ finanzielle Notlage eingestuft. Pflegeheime mit einer Gesamtumsatzrendite von unter 0.5 % befanden sich in einer finanziellen hohen Notlage. Bei einer Gesamtumsatzrendite von über 0.5% befand sich ein Pflegeheim in keiner hohen finanziellen Notlage.

Die Ergebnisse zur Versorgungsqualität stammen aus Qualitätskontrollen in Pflegeheimen, die vom CMS [Centers for Medicare and Medicaid Services] durchgeführt werden. Hierbei wurde die Versorgungsqualität anhand ausgewählter Qualitätskennzahlen gemessen (z.B. regelmäßige Lagerung von bettlägerigen Bewohnern, Medikamentenüberwachung oder Qualifikation des Pflegepersonals). Pflegeheime mit wenig Qualitätsmängeln haben eine höhere Versorgungsqualität als Pflegeheime mit vielen Qualitätsmängeln. Zeigt ein Pflegeheim starke Qualitätsmängel auf und ist nicht gewillt, diese in der vorgegebenen Zeit zu beheben, können entsprechende Sanktionen eingeleitet werden (z.B. eingeschränkte Zahlung von Versicherungen).

Lu und Lu (2021)[3] haben nicht-profitorientierte Pflegeheime mit und ohne profitorientierten Trägerschaft-Wechsel basierend auf den obigen Kennzahlen miteinander verglichen. Durch diese Gegenüberstellung konnten die Auswirkungen eines Trägerschaft-Wechsels genauer analysiert werden.

 

Studienergebnisse

Im Rahmen von der Studie[3] wurden unterschiedliche Hypothesen zu den wirtschaftlichen und qualitätsbezogenen Auswirkungen nach einem Wechsel in eine profitorientierte Trägerschaft analysiert (siehe Abbildung 2). Die Ergebnisse der Hypothesenüberprüfung werden im Folgenden vorgestellt.

 

Abbildung 2: Hypothesen und Studienergebnisse zu den Auswirkungen nach einem Wechsel in eine profitorientierte Trägerschaft

 

 

Quelle: In Anlehnung an Lu und Lu (2021)[3].

 

Ergebnis 1: Pflegeheime in einer finanziellen Notlage entscheiden sich eher für einen profitorientierten Trägerschaft-Wechsel.

Nicht-profitorientierte Pflegeheime, die sich in finanziellen Notlagen befinden, entscheiden sich eher für einen Wechsel in eine profitorientierte Trägerschaft. Weitere Faktoren, die einen Wechsel in eine profitorientierte Trägerschaft begünstigen, sind nach Lu und Lu (2021)[3] beispielsweise ein niedriger Pflegepersonalbestand, ein geringes Bettenangebot oder die Bewohnereigenschaften (d.h. jung und vorrangig weiblich).

Ergebnis 2: Nach einem Wechsel in eine profitorientierte Trägerschaft reduzieren Pflegeheime die Personalkosten.

Nach einem Wechsel in eine profitorientierte Trägerschaft erhöht sich die betriebsbezogene Umsatzrendite der Pflegeheime (vgl. Hypothese 1). Dies ist jedoch nicht auf eine Steigerung der betriebsbezogenen Nettoumsätze zurückzuführen (vgl. Hypothese 2a), sondern auf eine Reduzierung der Betriebskosten nach dem Trägerschaft-Wechsel (vgl. Hypothese 2b). Im Durschnitt sanken die Betriebskosten nach einem profitorientierten Trägerschaft-Wechsel um 6,1 %. Ca. 44.1 % der Betriebskosten von den betrachteten Pflegeheimen waren auf Lohnkosten zurückzuführen. Die Studie konnte zeigen, das sich nach einem Wechsel in eine profitorientierte Trägerschaft die Gesamtlohnkosten von den gewechselten Pflegeheimen um ca. 8,7 % reduzierten (siehe Hypothese 3a). Dabei wurden ca. 7,7 % der Lohnkosten für Pflegepersonal (z.B. Pflegefachkräfte oder Pflegehelfer*innen, vgl. Hypothese 3b) und ca. 11,9 % der Lohnkosten für Nicht-Pflegepersonal (z.B. Verwaltungsmitarbeiter*innen, vgl. Hypothese 3c) reduziert.

Ergebnis 3: Nach einem Wechsel in eine profitorientierte Trägerschaft entlassen vor allem Pflegeheime in hohen finanziellen Notlagen gut ausgebildete Pflegefachkräfte, was zu einer Verschlechterung der Versorgungsqualität führt.

Die Studie konnte zeigen, dass sich die Versorgungsqualität von Pflegeheimen nach einem Wechsel in eine profitorientierte Trägerschaft verschlechtern kann (vgl. Hypothese 5). Ein Grund hierfür besteht darin, dass einige Pflegeheime nach einem profitorientierten Trägerschaft-Wechsel die Pflegepersonalstruktur verändern. Die Anzahl an eingestelltem Pflegepersonal bleibt jedoch nahezu unverändert (vgl. Hypothese 4a). Jedoch sinkt der Anteil an gut ausgebildeten Pflegefachkräften (vgl. Hypothese 4b), was die Versorgungsqualität negativ beeinflusst. Mit einer Zusatzanalyse konnten die Autoren zeigen, dass Pflegeheime in hohen finanziellen Notlagen vorrangig den Anteil an gut ausgebildeten Pflegefachkräften nach einem profitorientierten Trägerschaft-Wechsel reduzieren und dafür geringer qualifiziertes Pflegepersonal einstellen. Pflegeheime, die sich in keiner hohen finanziellen Notlage befanden, haben den Anteil an gut ausgebildeten Pflegefachkräften beibehalten (vgl. Hypothese 4b) und damit auch die Versorgungsqualität (vgl. Hypothese 5).

Mit dem zusammengeführte Datensatz war es nicht möglich, eine Aussage über die Entwicklung des Nicht-Pflegepersonalbestandes zu treffen. Lu und Lu (2021)[3] gehen durch den Rückgang der Lohnkosten für das Nicht-Pflegepersonal davon aus, dass auch hier eine Personalbestandsreduzierung nach einem profitorientierten Trägerschaft-Wechsel stattgefunden hat. Die Reduzierung der Nicht-Pflegepersonallohnkosten hat jedoch keinen nachweisbaren Effekt auf die Versorgungsqualität.

Lu and Lu (2021)[3] konnten zeigen, dass mit der Senkung der Lohnkosten für das Nicht-Pflegepersonal die höchste Verbesserung der betriebsbezogenen Umsatzrendite erzielt wurde. Durch die Reduzierung des Personalbestandes an gut ausbildeten Pflegefachkräften wurde im Vergleich eine sehr geringe Optimierung in der betriebsbezogenen Umsatzrendite nach einem profitorientierten Trägerschaft-Wechsel festgestellt.

 

Was bedeuten die Studienergebnisse für die Praxis?

Lu und Lu (2021)[3] leiten aus den Studienergebnissen zwei entscheidende Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis ab:

  • Aufsichtsbehörden sollten Pflegeheime mit einem Wechsel von einer nicht-profitorientierten zu einer profitorientierten Trägerschaft verstärkt überwachen. Dies gilt vor allem für Pflegeheime, die sich vor einem Trägerschaf-Wechsel in einer hohen finanziellen Notlage befinden. Nachweislich führt ein profitorientierter Trägerschaft-Wechsel bei solchen Pflegeheimen zu einer schlechteren Versorgungsqualität.
  • Pflegeheime, die sich für einen Wechsel in eine profitorientierte Trägerschaft entscheiden, sollten den Personalabbau von gut ausgebildeten Pflegefachkräften vermeiden, um die Versorgungsqualität zu erhalten. Um Betriebskosten zu reduzieren, sollte man Prozessabläufe des Nicht-Pflegepersonals (z.B. Verwaltung) effizienter gestalten, da hierdurch keine Verschlechterung der Versorgungsqualität zu erwarten ist.

Wechselt ein Pflegeheim von einer nicht-profitorientierten in eine profitorientierte Trägerschaft, kann dies zu einer Verschlechterung der Versorgungsqualität führen. Gleichzeitig verbessert sich nach einem profitorientierten Trägerschaft-Wechsel die Umsatzrendite der Pflegeheime. Diese Pflegeheime reduzieren die Betriebskosten bei gleichbleibenden betriebsbezogenen Nettoumsätzen. Entscheidungsträger in der Politik und Praxis sollten profitorientierte Trägerschaft-Wechsel bei Pflegeheimen aufmerksam beobachten. Dies gilt vor allem für Pflegeheime, die sich vor einem Trägerschaft-Wechsel in einer hohen finanziellen Notlage befunden haben.   

 

  1. Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Pflegeheim Rating Report 2022: Wirtschaftliche Lage deutscher Pflegeheime ist angespannt, jedes fünfte im „roten Bereich“ (Pressemitteilung vom 29.11.2021). 2021 [cited 2022 28. Januar]; Available from: https://www.rwi-essen.de/presse/mitteilung/462/.
  2. Statistisches Bundesamt. Pflegestatistik / Deutschlandergebnisse : Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Wiesbaden [cited 2022 28. Januar]; Available from: https://www.statistischebibliothek.de/mir/receive/DESerie_mods_00000940.
  3. Lu LX, Lu SF. Does Nonprofit Ownership Matter for Firm Performance? Financial Distress and Ownership Conversion of Nursing Homes. Manage Sci 2021;Published online:17. Nov. 2021.doi:https://doi.org/10.1287/mnsc.2021.4159

 

Redaktion / Ines Niehaus

 

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  • Ein niedriger Wettbewerb unter Pflegeheimen führt nicht zwangsläufig zu mehr Qualitätsdefiziten.
  • Um Verbesserungsmaßnahmen für die Versorgungsqualität in Pflegeheimen festzulegen, sollten Entscheidungsträger die regionale Wettbewerbsdichte und die Zahlungsart der Bewohner berücksichtigen.
  • Ein Fokus für Qualitätskontrollen sollte auf solchen Pflegheimen angesetzt werden, die einem mittleren-regionalen Wettbewerb ausgesetzt sind.

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