Prävention zwischen Werkstor und Politik – 20 Jahre BKV

Ein Blick in die Hessische Landesvertretung auf die Gäste des parlamentarischen Abends
Toralf Speckhardt, Vorstandsvorsitzender des BKV e.V., erinnert an die frühen Jahre des Vereins.
Anne Janssen MdB (CDU) weist auf ein Fachgespräch im Gesundheitsausschuss des Bundestages zum Thema Prävention hin.
Carl Fahr (Mercedes-Benz BKK) fordert Zugang zur ePA auch für Werksärzte.
Lina Seitzl MdB (SPD) kann sich eine Zuckersteuer vorstellen.
Für Thomas Bittelmeyer (BKK MTU) zahlt sich Prävention im Betrieb aus.
Anne-Kathrin Klemm (BKK DV) (2.v.r.) im Gespräch mit Lina Seitzl MdB (SPD), Lars Grein (BKV e.V.), Thomas Bittelmeyer (BKK MTU), Justus Geschonneck (BKV e.V.) (v.l.n.r.)
Angelika Glöckner MdB (SPD) mit Toralf Speckhardt (l.) und Lars Greiner (beide BKV e.V.)
Peter Kaetsch (BIG direkt) im Gespräch
Lars Grein, Vizevorstand des BKV e.V., kündigt ein regionales Datenprojekt an.
Bestreiten den ersten Teil des Abends: Toralf Speckhardt (BKV e.V.), Anne Janssen MdB (SPD), Carl Fahr (Mercedes-Benz BKK), Justus Geschonneck (BKV e.V.), Linda Seitzl MdB (SPD), Lars Grein (BKV e.V.), Thomas Bittelmeyer (BKK MTU) (v.l.n.r.)
Peter Weiß, Bundeswahlbeauftragter für die Sozialversicherungswahlen (2.v.l.), spricht mit Toralf Speckhardt (r.) und Lars Grein (2.v.r.) (beide BKV e.V.).
Michael Arndt MdB (Linke) (M.) mit Toralf Speckhardt (l.) und Justus Geschonneck (beide BKV e.V.)
Wilfried Biallas (r.) im Gespräch mit Mario Heußner (beide BKK B. Braun Aesculap)
Helmut Heller (BKK Freudenberg)
Gerhard Reiner (BKK Voralb)
20 Jahre BKV e.V. mit den Gastgebern Lars Grein, Justus Geschonneck und Toralf Speckhardt beim parlamentarischen Abend (vl.n.r.)


Die politische Rede liebt die Prävention – doch sobald es ums Geld geht, rutscht sie weit nach hinten. Seit 20 Jahren setzt sich der Betriebliche Krankenversicherung e. V. dafür ein, dass betriebliche Gesundheitsförderung dort ernst genommen wird, wo Gesundheit entsteht – im Betrieb. Diese Praxis bringt der BKV heute stärker denn je in die Hauptstadt. Das wird gefeiert bei einem parlamentarischen Abend in der Hessischen Landesvertretung in Berlin.

Toralf Speckhardt, Vorstandsvorsitzender des BKV e. V. und Vorstand der Mercedes-Benz BKK, blickt auf das Jahr 2005: leichte wirtschaftliche Erholung, solide Rücklagen bei den Krankenkassen und eine politische Debatte über die richtige Balance zwischen Wettbewerb und Solidarität. „Wie viele Kassen braucht das Land?“ – damals eine ernst gemeinte Leitfrage und heute bei so manchem Gesundheitspolitiker wieder im Blickfeld.

In diesem Umfeld entstand der Verein „Betriebskrankenkassen im Unternehmen“, Keimzelle des heutigen BKV e.V. Ihr Ansatz: Wettbewerb – ja. Vielfalt – gewünscht. Aber mit Verantwortung im GKV-System. Unternehmensnahe Krankenkassen kennen ihre Versicherten und Betriebe; hier würden Wirtschaft und Gesundheit zusammengedacht. Prävention sei deshalb zentral, im Morbi-RSA aber weiterhin unterrepräsentiert. Schon beim Wettbewerbsstärkungsgesetz habe sich der junge Verein engagiert – mit der Haltung: Kassenvielfalt ist Stärke, nicht Problem. Prävention im Unternehmen, die betriebliche Gesundheitsförderung, ist bis heute das Hauptanliegen des Vereins. Sie bringe dreifachen Nutzen – für Versicherte, das System und die Lebensqualität. Politik müsse hier langfristig denken, nicht nur in Wahlperioden.

Zu Beginn der Diskussion setzt Justus Geschonneck, Geschäftsführer des BKV, einen klaren Akzent. Prävention und betriebliche Gesundheitsförderung stünden in politischen Reden zwar ganz oben, sagt er, „in Sonntagsreden ganz vorn – sobald es ums Geld geht, weit hinten.“ Dabei sei Prävention wirtschaftlich wie gesellschaftlich eine Investition. CDU-Politikerin Anne Janssen, Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages, zuständig für die Themen Pflegeberufe und -ausbildung, Prävention, Medizinische Versorgungszentren/DMPs sowie Gesundheitskompetenz, kann zu einem neuen Präventionsgesetz nichts Konkretes mitteilen. So vage der Koalitionsvertrag zu einem neuen Präventionsgesetz, so vage sei ihre Aussage dazu, sagt sie. Dennoch ist der politische Austausch nicht auf Stillstand. Nur einen Tag später sei ein Fachgespräch im Gesundheitsausschuss zum Thema Prävention vorgesehen, um „auch Ideen einzusammeln“. Mit dem Präventionsgesetz von 2015 habe sich eine Nationale Präventionskonferenz etabliert, wie auch der jährliche Präventionsbericht. „Gute Impulse, wo man aufsetzen kann.“

Thomas Bittelmeyer, Betriebsratsvorsitzender bei Rolls-Royce Power Systems und Verwaltungsratsmitglied der BKK MTU, beschreibt, wie sich Prävention im Betrieb konkret zeigt: persönliche Ansprechpartner, medizinische und auch soziale Beratung während der Arbeitszeit, kurze Wege. Ein etwas höherer Beitragssatz werde akzeptiert, wenn die Leistungen direkt spürbar seien. In seinem Unternehmen führt der Weg zur Kantine durch einen begehbaren Darm – eine anschauliche Form von Gesundheitsbildung. Das enge Miteinander von Werksärzten, Unternehmen und Beschäftigten zeige Wirkung: weniger Krankheitstage, höhere Produktivität, stärkere Bindung an Betrieb und Kasse. „Eigentlich müsste das Interesse der Politik extrem hoch sein.“

Linda Seitzl MdB, SPD-Bundestagsgesundheitspolitikerin aus Konstanz, Mitglied im Gesundheitsausschuss und im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung kommt ein wenig später. Ursache: eine Vorbereitungssitzung für die kommende Enquete-Kommission Corona, wo sie Obfrau ist. Vorsorge hinsichtlich einer möglichen Pandemie – das habe auch mit dieser Diskussion zu tun. Deutschland gebe sehr viel Geld für Gesundheit aus, erreiche aber keine entsprechend besseren Ergebnisse. Für sie ein „Systemparadox“.

Hausärzte und Betriebsärzte sähen die Menschen regelmäßig – ein Potenzial, das stärker genutzt werden müsse. Corona habe gezeigt, dass Prävention im Betrieb funktioniere. Mit dem geplanten Primärarztsystem wolle man Versorgung besser steuern. Sie habe seit diesem Abend auch die Betriebsärzte auf dem Schirm. Zudem müssten Gesundheitsdaten sinnvoll nutzbar sein – für Versorgung wie Forschung. Das Medizinforschungsdatengesetz sei ein Schritt

Dr. Carl Fahr, bis vor kurzem leitender Betriebsarzt bei Daimler Truck, Verwaltungsratsmitglied der Mercedes-Benz BKK, zeigt sich irritiert, wie wenig Arbeitsmedizin politisch berücksichtigt wird. Während der Pandemie hätten Betriebsärzte Infektionsketten unterbrochen, Betriebe stabilisiert und sozial beraten. Heute jedoch hätten sie keinen Zugang zur elektronischen Patientenakte. Komme jemand mit Brustschmerzen, wisse er oft weder Medikamente noch Vorerkrankungen – „Meine Frau richtet die Tabletten“, heißt es häufig.

Mit seiner BKK habe er eine psychosomatische Frühintervention entwickelt: acht Sitzungen, um psychische Erkrankungen frühzeitig zu verhindern – wirtschaftlich hochwirksam. Doch fehlende Vernetzung führe zu Doppeluntersuchungen, Unsicherheit und vermeidbaren Kosten.

Wie könne Prävention erfolgreich sein, wird zum Schluss gefragt. Prävention müsse früh ansetzen – in Kitas und Schulen, ist Anne Janssen überzeugt. Verhaltensänderungen bräuchten Zeit; Nähe im Alltag sei entscheidend, wisse die Mutter von drei Kindern aus eigener Erfahrung. Fahr plädiert für „Quartärprävention“: angemessene Versorgung, keine Überdiagnostik. MRT-Reihenuntersuchungen für Führungskräfte etwa könnten mehr Schaden als Nutzen bringen.

Lina Seitzl hat eine klare Antwort: eine Zuckersteuer. Sie koste den Staat nichts und setze wirksame Anreize. Justus Geschonneck verweist prompt auf die Südzucker BKK, Mitglied im BKV – ein herzhaftes Lachen im Saal. Seitzl bleibt gelassen: Süßwaren dürften selbstverständlich weiterverkauft werden; es gehe um Lenkung, nicht um Verbote.

Zum Abschluss richtet Lars Grein, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des BKV e. V. und Vorstand der BKK PwC, den Blick nach vorn. Ein regionales Datenanalyseprojekt nach § 25b SGB V sei startklar; Verwaltungsräte hätten zugestimmt, Aufsichten seien informiert. Ziel sei es, Versicherte gezielter in Versorgung zu bringen. „Jetzt geht es los,“ sagt Grein und kündigt an, bald zu berichten.

Viel Gesprächsstoff sorgen für einen langen Abend – bei hervorragendem Essen der Hessischen Landesvertretung und wohlschmeckenden Getränken.

 

Prof. Dr. Andreas Lehr


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