Patientensicherheit – wie agieren deutsche Kliniken?

Der Landschaftsverband Rheinland geht unterschiedliche Wege

Prof. Dr. Roman Mennicken, Gesundheitsökonomie und -management an der Fachhochschule für Oekonomie und Management, Stabsstellenleitung „Strategische Steuerungsunterstützung“ im LVR-Klinikverbund

Unerwünschte Ereignisse verhindern oder zumindest minimieren, Sicherheitsverhalten fördern und Risiken beherrschen. All das verbirgt sich hinter dem Begriff Patientensicherheit. Eine große Aufgabe, der sich die Krankenhäuser in Deutschland verschrieben haben. Aus gutem Grund: Es geht um das Wohl der Patienten und um die Reduzierung von Kosten. 90 bis 95 Prozent aller stationären Behandlungen verlaufen ohne Zwischenfälle, so der vdek. Dennoch kann die Zahl deutlich verringert werden. Gesetzliche Regelungen, wie im Patientenrechtegesetz oder Infektionsschutzgesetz verankert, schaffen die Grundlage. Gefragt sind aber auch zusätzliche Initiativen der Kliniken bzw. ihrer Träger, wie die des Landschaftsverbandes Rheinland. Für die USA wurde in einer Studie gezeigt, dass sich mehr Patientensicherheit für Krankenhäuser auch finanziell lohnen kann (Beauvais et al. 2019). Der folgende Beitrag legt den Schluss nahe, dass dieses Forschungsergebnis auch auf deutsche Verhältnisse übertragbar ist.

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) ist Träger von neun psychiatrischen Kliniken und einer Klinik für Orthopädie. Die zehn Fachkliniken haben sich im Jahr 2009 zum LVR-Klinikverbund zusammengeschlossen, der zentral von der LVR-Verbundzentrale in Köln gesteuert wird. Ziele der Qualitätspolitik des LVR-Klinikverbundes sind die Sicherung einer exzellenten Qualität der Behandlungs- und Versorgungsleistungen sowie eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Leistungsqualität und die Umsetzung von Innovationen (Mennicken und Kahl 2019).

Die oben genannte Studie aus den USA untersucht, wie sich die Effekte von Patientensicherheitsmaßnahmen finanziell auf ein Krankenhaus auswirken. Patientensicherheitsmaßnahmen können sehr vielfältig sein – angefangen bei der Sicherstellung einer adäquaten Dokumentation in der Patientenakte bis hin zu einem gut strukturierten Entlassungsmanagement. Die Patientensicherheitsleistung ist eine Form der Beurteilung zur Patientensicherheit. Nachweisen lässt sich eine hohe Patientensicherheitsleistung beispielweise durch eine niedrige Behandlungsfehlerquote. Die Studie unterstreicht die Relevanz des Risikomanagements für somatische und psychiatrische Kliniken.

Das klinische Risikomanagementsystem (kRM) unterstützt die LVR-Kliniken bei der Sicherstellung eines innovativen und umfassenden Behandlungsangebots mit dem Ziel einer qualitativ hochwertigen Versorgung psychisch erkrankter Menschen. Während beim wirtschaftlichen Risikomanagement die Sicherung der Unternehmensziele und damit die Frage „Was gefährdet den Unternehmenserfolg?“ im Mittelpunkt steht, geht es beim klinischen Risikomanagement um die Sicherheit von Patienten, Mitarbeitenden und Kunden und damit um die Frage: „Was schafft Sicherheit“? Das klinische Risikomanagement befasst sich mit Risiken aus den Bereichen Prävention, Diagnostik, Therapie und Pflege sowie für den forensischen Bereich zusätzlich mit spezieller Deliktrückfallprophylaxe.

 

Integratives Risikomanagement im Vordergrund

Mit klinischen Risiken sind dabei konkret Gefährdungen der Patientensicherheit gemeint, die sich während und/oder aus der medizinisch-pflegerisch-therapeutischen Behandlung im Krankenhaus ergeben. Dazu gehören auch Übergriffe von Patienten gegen Besucher und Mitarbeitende der Kliniken sowie gegenüber Dritten im Rahmen von Lockerungsmaßnahmen oder Entweichungen im MRV. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (2016) präzisiert: Risiko im Kontext des klinischen Risikomanagements ist eine Unsicherheit in der Versorgung von Patienten, die mit einer geschätzten Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkung Patienten, die an der Versorgung Beteiligten und/oder die Organisation schädigt.

In den Kliniken des Landschaftsverbandes Rheinland wird dabei ein integratives Risikomanagement angewandt, welches bereits vorhandene Managementsysteme (speziell aus Controlling und Qualitätsmanagement) um Aspekte der Sicherheit für Patienten und Mitarbeitende sowie für den Klinikbestand ergänzt. Dabei stehen vor allem die Prävention und die Vermeidung der Risiken im Vordergrund, was mit Hilfe eines systematischen Vorgehens, bestehend aus Identifikation, Analyse, Bewertung, Quantifizierung, Überwachung und Kommunikation, erreicht werden soll. So trägt ein Risikomanagementsystem dazu bei, die Erreichung (auch von wirtschaftlichen) Unternehmenszielen und den Grad der Zielerreichung aktiv zu steuern und zu beeinflussen.

Ein funktionierendes Risikomanagementsystem erfährt bei zunehmender Komplexität der Bedingungen, unter denen Kliniken ihre Behandlungs- und Betreuungsleistungen anbieten, eine immer größere Bedeutung. Auch in Hinblick auf den Gesetzgeber sowie auf Versicherungsunternehmen und Haftungsfragen ist es wichtig, eine Sicherheitskultur zu etablieren, zu leben und diese ständig zu hinterfragen. Die Studie von Beauvais et al. liefert wissenschaftliche Hinweise dafür, dass sich Investitionen in Patientensicherheitsmaßnahmen auch positiv auf die Wirtschaftlichkeit eines Krankenhauses auswirken können.

 

Transparente Darstellung zwischen den Kliniken

Die Studie liefert die wissenschaftliche Evidenz für die Strategie des LVR, die Qualität der Versorgung in den LVR-Kliniken transparent darzustellen, zwischen den LVR-Kliniken zu vergleichen und somit Anreize für qualitätssichernde Maßnahmen zu schaffen. Dazu wurden im Klinikverbund eigene Qualitätsindikatoren entwickelt, die Aspekte von Patientensicherheit aufgreifen. Die Qualitätsindikatoren erfassen Aspekte der

  • Strukturqualität (z.B. Fachärztinnen- und Facharzt-Rate, Rate der Gesundheits- und Krankenpfleger),
  • Prozessqualität (z.B. Wiederaufnahmerate, zeitnahe körperliche Untersuchung nach stationärer Aufnahme) und
  • Ergebnisqualität (z.B. Rückgang der Symptomausprägungen, Mortalitätsgründe).

In diesem Sinne sind die LVR-Indikatoren mit den „Safety Score Measures“ aus der Studie von Beauvais et al. durchaus zu vergleichen.

 

Praktischer Nutzen entscheidend

Die Nutzung solcher Kennzahlen sollte allerdings mit Augenmaß erfolgen: Indikatoren sind bekanntermaßen kein direktes Maß für Qualität und damit geht nicht automatisch mit für Patienten erlebbarer Qualitätsverbesserung der Leistungen einher. Vielmehr ist es notwendig, dass die Erhebung von Statistiken und Indikatoren für den Behandlungsalltag sinnhaften und praktischen Nutzen entfaltet. Kennzahlen müssen hierzu zum einen mit inhaltlichen Bewertungen, Einschätzungen und fachlichem Austausch verknüpft werden, um Eingang in die Versorgungspraxis halten zu können. Erst unter Hinzunahme solcher Bewertungen können z.B. regionale Besonderheiten der LVR-Kliniken, personenbezogene Netzwerke von Akteuren der Kliniken oder aber auch die jeweils unterschiedlichen ökonomischen wie organisatorischen Rahmenbedingungen der Kliniken hinreichend berücksichtigt werden. Zum anderen ist in der Auswahl von zu erhebenden Kennzahlen die Patientenperspektive umfassend einzubeziehen, welche beispielsweise aus Patientenzufriedenheitsbefragungen generiert werden kann (Kahl und Mennicken 2020).

Die Strategie scheint aufzugehen: So stiegen die Umsatzerlöse des LVR-Klinikverbunds 2017 im Vergleich zum Vorjahr von 709,8 Mio. Euro auf 744,0 Mio. Euro an. Dies entspricht einer Steigerung von 34,2 Mio. Euro (+ 4,8%). Wesentlicher Treiber für diesen Anstieg sind gestiegene Fallzahlen im Bereich der Bundespflegesatzverordnung. Auch die anderen Bereiche konnten leichte Umsatzzuwächse verzeichnen (LVR 2018).

 

Literatur

Aktionsbündnis Patientensicherheit (2016). Handlungsempfehlung. Anforderungen an klinische Risikomanagementsysteme im Krankenhaus. Online verfügbar unter https://www.aps-ev.de/wp-content/uploads/2016/08/HE_Risikomanagement-1.pdf, zuletzt geprüft am 08.07.2019.

Beauvais, B., Richter, J.P., and Kim, F.S., Doing well by doing good: Evaluating the influence of patient safety performance on hospital financial outcomes. Health Care Manage Rev, 2019. 44(1): p. 2-9.

Kahl, Y. und R. Mennicken (2020): Anforderungen an die Umsetzung von Qualitätsmanagement in einem Klinik-verbund – Wie kann gemeinsame Weiterentwicklung gelingen? in: KU Gesundheitsmanagement (im Erscheinen).

LVR (2018), LVR-Psychiatrie-Report 2018 – Raum für Zukunft. Landschaftsverband Rheinland.

Mennicken, R. und Y. Kahl (2019): Neustrukturierung des Qualitäts- und Risikomanagements, in: KU Gesundheitsmanagement, Nr. 7, S. 25-28.


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