Neujahrsempfang von Deutschem Hospiz- und PalliativVerband mit Stiftung

DHPV-Vorsitzende Susanne Kränzle heißt die Gäste zum Neujahrsempfang willkommen.
Winfried Hardinghaus (Deutscher Ethikrat) (l.) mit Ulrich Kreutzberg (Hospiz- und Palliativverband Niedersachsen)
Miriam Pokora (l.) und Tharchin (beide Sukhavati Bad Saarow)
Susanne Fleckinger (Jade Hochschule, DHPV) hält die Laudatio für den Ehrenpreis Wissenschaft.
Martina Keller (Wissenschaftsjournalistin und Autorin) (r.) bei der Dankesrede für ihren Ehrenpreis in der Kategorie Medien und Öffentlichkeit mit Cora Schulze (DHPV)
Franz Müntefering erhält den DHPV-Ehrenpreis in der Kategorie Strukturen und Rahmenbedingungen für sein Engagement für eine menschenwürdige Begleitung am Lebensende.
Franz Müntefering, Herta Däubler-Gmelin (DHPV), Susanne Kummer (IMABE), Susanne Kränzle (DHPV) (v.l.n.r.)
Annemarie Schurzmann (l.) und Ilona Schneider, Preisträgerinnen in der Kategorie Ehrenamt, mit Laudator Paul Herrlein (DHPV)
Susanne Kummer (IMABE) bei ihrem Vortrag zu ethischen Perspektiven am Lebensende
DHPV-Schirmherrin Herta Däubler-Gmelin hält das Grußwort.
Das Trio Muzet Royal unterhält die Gäste.
Silvia Hartwig (BMBFSFJ), Winfried Hardinghaus (Deutscher Ethikrat), Herta Däubler-Gmelin (DHPV) (v.l.n.r.)
DHPV-Schirmherrin Herta Däubler-Gmelin, Birgit Weihrauch, DHPV-Ehrenvorsitzende, DHPV-Ehrenpreisträger 2026 Franz Müntefering, DHPV-Vorsitzende Susanne Kränzle (v.l.nr.)
Franz Müntefering mit Birgit Weihrauch (DHPV)
Preisträger und Laudatoren beim Neujahrsempfang des DHPV: Paul Herrlein, Annemarie Schurzmann, Franz Müntefering, Susanne Kränzle, Stephanie Winter-Below, Susanne Fleckinger, Dr. Sabine H. Krauss, Ilona Schneider, Cora Schulze (v.l.n.r.)


Ob Tipi am Kanzleramt, Spreespeicher oder Hamburger Bahnhof – Orte für einen Empfang transportieren nebem dem Programm und den Geladenen, was den Veranstaltern wichtig ist. Der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) hat gemeinsam mit der Deutschen Hospiz und Palliativ Stiftung zum Neujahrsempfang in die Katholische Akademie in Berlin-Mitte eingeladen. Ein Veranstaltungsort für Themen mit Tiefe.

Bei Sekt und Saft vor dem Reden- und Ehrungsteil lebhafte Begrüßungen, intensiver Austausch und Lob einer Eingeladenen: „Was für ein nettes Klassentreffen.“ Susanne Kränzle, seit kurzem Vorsitzende des DHPV, begrüßt heiter und stellt zahlreiche wichtige Weggefährten vor sowie das Frauentrio Muzet Royal (Violine, Akkordeon, Kontrabass), das den musikalischen Rahmen setzt mit einem Repertoire aus Tango, Musette, Csárdás und Filmmusikzitaten. Doch sie wird schnell ernst: Die Hospiz- und Palliativbewegung habe einen langen Weg zurückgelegt vom Sterben in den Badezimmern von Krankenhäusern bis heute, da Palliativmedizin etabliert sei. Aber unsere Gesellschaft sei in Unruhe, auf der Suche nach Stabilität. Es sei wichtig, nicht zu vergessen, dass Menschen „auf ein tragendes Miteinander“ angewiesen seien. Kränzle spricht die Bedeutung von Caring Communities an: „Die Sorge füreinander ist keine Aufgabe weniger Fachkräfte, sondern eine Verantwortung von uns allen.“

Der DHPV, 1992 gegründet, ist die bundesweite Interessensvertretung der Hospizbewegung sowie der zahlreichen Hospiz -und Palliativeinrichtungen. Er fungiert als Dachverband der Landesverbände in den 16 Bundesländern sowie weiterer überregionaler Organisationen der Hospiz- und Palliativarbeit und ist Ansprechpartner für Akteure aus dem Gesundheitswesen und der Politik. Von dieser fordert die DHPV-Vorsitzende die gesetzliche Verankerung, Stärkung und Strukturierung der Suizidprävention ein, die Weiterentwicklung des Hospiz- und Palliativgesetzes, den Ausbau einer verlässlichen Trauerbegleitung. Außerdem wolle man sich dafür einsetzen, „dass Suizidassistenz nicht zur Normalität oder gar zu einer als Pflicht empfundenen Option wird“.

Dass es Anlass dazu gibt, verdeutlicht Susanne Kummer, Direktorin des Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik in Wien, mit ihrem Vortrag „Wie geht Europa mit dem Lebensende um?“ Der Diskurs habe sich verändert in der Frage, was gutes Sterben bedeute. 300 Mio. Bürger in der Europäischen Union (von 450 Mio. in den EU-27-Staaten) lebten mittlerweile in Ländern, in denen assistierter Suizid erlaubt sei. Gebrechlichkeit sei ein Thema, das die Gesellschaft aus Angst verdränge. „Die Vorstellung, pflegebedürftig zu werden, ist mit Scham, Ohnmacht, Kontrollverlust verbunden. Als Gesunde sagen wir schnell: So will ich nicht leben.“ Man verdränge auch das Sterben und den Tod. In der Hochleistungsmedizin sei er ein Betriebsunfall. Es herrsche „Kampfdiktion“, beispielsweise wenn die Rede davon sei, jemand habe den Kampf gegen den Krebs verloren: „Hat man verloren, wenn man stirbt? Und ist ein würdiger Tod nur noch ein assistierter Suizid?“

Es beginnt nach Kummers Beobachtung leise, mit Umdeutungen von Begriffen. Dann ändert sich etwas in der Versorgung. Eine Befragung unter Mitarbeitenden in deutschen Hospizen habe 2025 ergeben, dass viele große Sorge hätten, dass Beihilfe zum Suizid zu schnell als zu einfacher Ausweg gesehen werde und palliative Möglichkeiten nicht ausgeschöpft. Und wie sollen Menschen in der Prävention dafür arbeiten, Suizide zu verhindern, wenn gleichzeitig erlaubt ist, sie zu planen und zu ermöglichen, fragt Kummer. Sie referiert nicht nur steigende Zahlen an assisierten Suiziden in europäischen Nachbarländern, in der Schweiz beispielsweise im letzten Jahr 1.700 von insgesamt 2.700. Was hochgerechnet 17.000 assistierten Suiziden in Deutschland entsprechen würde. Sondern auch geschlechtsspezifische Unterschiede: Während 80 Prozent der betroffenen Schweizer Männer „traditionelle“ Suizidformen wählten, wählten 60 Prozent der betroffenen Schweizer Frauen den assistierten Suizid. Kummer ist überzeugt, dass diese Option Hemmschwellen senke und gerade für Frauen zur Scheinlösung werde bei dem Gefühl: Ich falle nur zur Last.

Zudem findet das, was vermeintlich eine individuelle Entscheidung ist, in Wahrheit ja nicht in einem neutralen Umfeld statt, sondern wird mitbestimmt von politischen und psychosozialen Faktoren, wie Kummer ebenfalls darlegt. Die höchste Suizidrate habe man bei Menschen über 65 Jahre. Ältere Menschen sollten aktiv bleiben und niemandem zur Last fallen. Die Zustimmung zum assistierten Suizid für jene in höherem Alter sei größer als für Jüngere. In Belgien würden 26 Prozent aller Euthanasiefälle unter der Indikation „geriatrisches Syndrom“ erfasst. In Österreich habe man nach den Gründen für den Wunsch nach assistiertem Suizid gefragt. Es kämen mitnichten zuerst Schmerzen, sondern Angst vor Autonomie- und Würdeverlust, dazu Unsicherheit. Dass Menschen sich keine Vorschriften machen lassen wollten fürs Sterben, sei nachvollziehbar. Aber Menschen in existentiellen Krisen lebten nicht auf einer Insel der Autonomie, sondern brauchten einen Rahmen, Beziehung, Gemeinschaft, um selbstbestimmt zu leben. In der Medizin- und Pflegeethik spreche man deshalb von relationaler Autonomie.

Doch der Zeitgeist scheint ein anderer zu sein bzw. zu werden, in Gesellschaften in starkem demografischen Wandel auch aus ökonomischen Gründen. In Belgien habe der Vorsitzende der christlichen Krankenkassen, Luc Van Gorp, geäußert, jedem, der im Alter „lebenssatt“ sei, solle man Zugang zu assistierter Sterbehilfe gewähren, so Kummer. Googelt man, findet man u.a. ein Interview mit ihm im Belgischen Rundfunk (BRF) vom 8.4.2024, in dem er mit Forderungen nach einer gelockerten Euthanasiegesetzgebung so zitiert wird: „Und wenn man das Ganze unter einem haushaltstechnischen Aspekt betrachte, dann sei es auch so, dass diese Menschen den Staat nur Geld kosteten. Es könne doch nicht gewünscht sein, die verfügbaren gesellschaftlichen Mittel auf diese Weise einzusetzen.“

Geehrt werden für ehrenamtliches Engagement Annemarie Schurzmann (Sukhavati Hospiz Bad Saarow) und Ilona Schneider (Hospizdienst Malteser Bad Kissingen) sowie der ehemalige Vizekanzler Franz Müntefering für sein langjähriges Engagement zugunsten einer menschenwürdigen Begleitung am Lebensende. Der Preis „Medien und Öffentlichkeit“ geht an die Medizinhistorikerin und Autorin Martina Keller, der Wissenschaftspreis an Dr. Stephanie Winter-Below (Pädagogisches Verständnis kindlicher Ausdrucksweisen von Trauer im Angesicht des Todes) und Dr. Sabine H. Krauss (Dienstleistungsarbeit in der Palliative Care – eine soziologische Analyse am Beispiel der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung, SPV).

Was hält Kummer für richtig und zukunftsweisend? U.a. „palliatives Mainstreaming und eine lebendige Kultur des Sterbens“. Die vielfältigen Hospiz- und Palliativangebote spielten hier eine wichtige Schlüsselrolle: „Sorgekultur besteht darin, dass wir an den Grenzen des Lebens zueinander stehen.“ Der offizielle Teil schließt mit der Verleihung von Ehrenpreisen. Dabei wird deutlich, wie viele Facetten Hospiz- und Palliativarbeit hat.

 

Sabine Rieser


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