Kinder, Jugendliche und Corona – ein heißes Eisen

Ariadne Sartorius, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Vorstandsmitglied im Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp)

Inzwischen ist klar, was absehbar war: Mit dem zweiten, dieses Mal viel längeren Lockdown zeigen sich zunehmend die Belastungen von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie. War es im ersten Lockdown vielleicht für den einen oder anderen noch etwas Neues und zu Entdeckendes, Freunde nunmehr über „Housepartys“ zu treffen, morgens auszuschlafen und auszuprobieren, wie weit selbstorganisatorische Fähigkeiten ausgeprägt sind – und sollten sie das nicht sein, dadurch nicht mit schlechteren Noten bedacht zu werden –, ist die Situation in diesem zweiten Lockdown erheblich problematischer.

Alle haben erkannt, dass das Thema Corona nicht so schnell vom Tisch ist und dass die Einschränkungen und Folgen langfristig sein werden. Wirtschaftliche Not kommt in vielen Familien an. Kinder und Jugendliche vermissen ihre Freunde, sie vermissen – wer hätte das vor einem Jahr bei so manchem gedacht – die Schule! Vielleicht nicht unbedingt den Unterricht, aber doch das Strukturierende durch die Lehrerinnen und Lehrer, die Rückmeldungen und vor allem all das, was sonst noch so nebenbei passiert: das Pausengespräch, das Kicken auf dem Schulhof, das Liebeskummerteilen mit der besten Freundin und die Flüstergespräche im manchmal nicht so spannend gestalteten Unterricht.

Sie vermissen auch ihre Nachmittage, die Erfolgserlebnisse in der Ausübung ihrer Hobbies, das Jubeln beim Torschuss und das Schulterklopfen vom Kumpel, während er „gut gemacht“ murmelt.

 

Kinder und Jugendliche vor allem belastet

Mittlerweile liegen auch Studien vor, wie belastet die Kinder und Jugendlichen sind. Die Generation, die vermutlich am längsten – wenn es gut geht, noch 70 oder 80 Jahre – die Langzeitfolgen der Pandemie tragen müssen. Überdeutlich wird, dass Corona wie durch ein Brennglas zeigt, wo schon vorher der Schuh drückte und wo es ungelöste gesellschaftliche Probleme gibt.

Wen wundert es da, dass die Stimmen nach einer Lockerung der Kontaktbeschränkungen lauter werden, dass die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen immer häufiger in den Fokus rücken. Unsere Familienministerin machte ein Hearing mit ausgewählten Jugendlichen, um abzufragen, was denn nun ihre Wünsche und Bedürfnisse sind. Neue Projekte sind dabei aber nicht in Sicht. Im Gegenteil: Derweil werden von den bereitgestellten Mitteln Millionen von Euro in der Jugendhilfe, in der sozialen Arbeit oder für Vereine nicht abgerufen.

Für die Politik ist es ein heißes Eisen, das Leid der Kinder und Jugendlichen. Und nicht nur wegen all des Geldes, das unberührt – weil nicht genutzt – in den Schubladen der Städte und Gemeinden und des Bundes liegt. Man möchte auch nicht das ganze Chaos in der Diskussion darüber offenbaren, ob die Schulen denn nun offen sein oder bleiben sollen oder nicht und, wenn ja wie und unter welchen Bedingungen.

Ein Bündnis von 28 Verbänden aus Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzten und Kinder- und Jugendlichenpsychiaterinnen und -psychiatern wollte die verantwortlichen Ministerinnen und Minister an einen Tisch holen, mit ihnen auf einem digitalen Podium über die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen diskutieren und sie fragen, was sie nun zu tun gedenken. Gekommen ist niemand, auch Stellvertreter aus den Ministerien wurden nicht geschickt. Man bedauere, aber man sei leider zeitlich ….

 

Entscheidungshoheit nicht klar geregelt

Wer also soll sich jetzt der Verantwortung stellen und Entscheidungen darüber treffen, wie die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in Zeiten von Pandemie und AHA-Regeln einerseits gesehen, vor allem aber unter den gebotenen Bedingungen umgesetzt werden können? Wie will man Projekte, am besten bundesweite, planen, wenn die Entscheidungshoheiten und Verantwortlichkeiten mal hier und mal da liegen?

Man kann nur falsche Entscheidungen treffen: entweder für die Ermöglichung von sozialen Kontakten oder dagegen, für eine Aufweichung von social distancing oder dagegen. Ein echter Doublebind, der nicht aufzulösen ist. Ist er nicht? Ich glaube doch. Es braucht jetzt (Wo-)Manpower, Zeit und Geld – und davon ist gerade genug da für die Jugendhilfe –, um sich zusammenzusetzen und Konzepte zu entwickeln, wie den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen einerseits Rechnung getragen werden kann, andererseits die notwendigen Hygienemaßnahmen nicht außer Acht gelassen werden.

 

Sofort neue Angebote schaffen

Wie zum Beispiel könnte man organisieren, dass offene Begegnungs- und Spielangebote in Parks und auf Schulhöfen angeboten werden – analog zu den Vorgaben, die einen Außensport erlauben? Wie kann organisiert werden, wo, wann, welches Angebot gemacht, veröffentlicht, mit Hygienekonzept durchgeführt wird und die betroffenen Kinder und Jugendlichen hiervon auch Kenntnis haben? Ich meine damit: Jetzt. Sofort. In diesem Lockdown. Und gegebenenfalls einem späteren 3. oder 4. Lockdown. Und in der Zeit dazwischen. Ohne Risiken, aber immerhin mit dem, was möglich ist.

Wir brauchen Politikerinnen und Politiker, die den Mut haben, Entscheidungen zu treffen. Wir brauchen Konzepte und eine Koordinierungsstelle, die diese Aufgaben übernimmt. Wir brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen: für unsere Zukunft; für die Kinder und Jugendlichen.


© Observer Gesundheit


Alle Kommentare ansehen