Fortgeschrittene elektronische Patientenakten können Leben retten und sparen Kosten

US-amerikanische Studie: Medikationsfehler, Stürze und Komplikationen gehen zurück



Bis 2021 soll jeder Versicherte in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch auf eine elektronische Patientenakte (ePA) haben, so sieht es das geplante Terminservice- und Versorgungsgesetz vor. Dass eine fortgeschrittene ePA Leben retten kann, hat jetzt eine US-amerikanische Studie nachgewiesen. Patientensicherheitsbezogene Ereignisse, wie bspw. Medikationsfehler oder Stürze, gehen um 17,5 Prozent zurück.

Jährlich sterben in US-amerikanischen Krankenhäusern zwischen 44.000 und 98.000 Patienten aufgrund von vermeidbaren medizinischen Fehlern.[1] Weitere 100.000 Patienten erleiden oder riskieren einen Schaden. Insgesamt fließen in den USA jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge in Vorkommnisse, die im Zusammenhang mit der Patientensicherheit stehen.[2] Der Handlungsbedarf ist evident.

Doch wodurch kommt es zu diesen unerwünschten Ereignissen? Insbesondere die Komplexität der modernen Medizin stellt enorme Herausforderungen an die kognitiven Fähigkeiten der Leistungsanbieter und erhöht die Fehleranfälligkeit. In Zahlen ausgedrückt, heißt es für den behandelnden Arzt in den USA, sich im Dschungel aus über 14.000 verschiedenen Diagnosen, 6.000 Arzneimitteln und 4.000 medizinischen und chirurgischen Verfahren zurecht zu finden. EPA könnten helfen, diesen Dschungel zu bezwingen und damit die Patientensicherheit zu erhöhen: Die Kommunikation wird verbessert, Wissenstransfer geleistet, notwendige Informationen einfach zugänglich gemacht und sich bei der Überwachung und Entscheidungsfindung unterstützt. Insbesondere aufgrund fehlender verlässlicher Datenquellen zur Patientensicherheit mangelt es bis dato allerdings an empirischer Evidenz hierzu.

 

Analyse von 2,1 Millionen Patientendaten

Eine neue US-amerikanische Studie[3] liefert in diesem Zusammenhang wertvolle empirische Erkenntnisse zu dem Effekt von ePA. Dabei analysieren die Wissenschaftler einen neuen Datensatz der Pennsylvania Patient Safety Authority (PSA), einer staatlichen Behörde, die Daten zur Patientensicherheit aus Krankenhäusern in Pennsylvania sammelt. Insgesamt werden 2,1 Millionen festgehaltene Ereignisse, die im Zusammenhang mit der Patientensicherheit stehen, von 236 verschiedenen Krankenhäusern[4] im Bundesstaat Pennsylvania aus den Jahren 2005 und 2014 in die Analyse eingeschlossen.

Die Wissenschaftler konzentrieren sich auf die Auswirkungen der Einführung von fortgeschrittenen ePA auf patientensicherheitsbezogene, definitionsgemäß unerwünschte, Ereignisse. In der Analyse werden diejenigen ePA als fortgeschritten bezeichnet, in denen das Computerized Physician Order Entry (CPOE)-System und das ärztliche Dokumentationssystem als Anwendungskomponente integriert ist. Das CPOE-System ermöglicht es Anbietern, zum einen Medikamentenbestellungen sowie Labor- und Radiologie-Aufträge elektronisch hinzuzufügen, zu ändern, zu speichern und abzurufen und zum anderen während dieses Prozesses Entscheidungsunterstützung zu erhalten.

 

Präzise Dokumentation

So sind die Voraussetzungen für die Kommunikation, Koordination und Konsultation zwischen den verschiedenen Anbietern wie (Labor-)Ärzten, Apothekern und Radiologen hergestellt. Die Komponente „ärztliche Dokumentation“ bei ePA verlangt, dass der Arzt die genaue Diagnose, alle Symptome und weitere klinisch relevante Informationen während des Patientenkontaktes aufzeichnet. Durch die präzise Dokumentation werden mitunter Verlaufsaufzeichnungen über verschiedene Krankenhausabteilungen zusammengelegt und die Kommunikation zwischen Leistungsanbietern, z.B. Ärzten und Apothekern, ermöglicht. Während der Nutzung eines ärztlichen Dokumentationssystems können Ärzte zudem Entscheidungshilfen, bspw. bei der Erstellung der Diagnose, erhalten. Zusammengefasst vereinfachen beide Systeme die Kommunikation und Koordination zwischen Pflegeteams sowie verschiedenen Leistungsanbietern und ermöglichen die Nutzung von medizinischen Entscheidungshilfen.

Im Ergebnis kann die Studie zeigen, dass die Einführung der fortgeschrittenen medizinischen ePA zu einem 17,5 prozentigen Rückgang an patientensicherheitsbezogenen Ereignissen führt.

Da die Dokumentation im Rahmen der Pennsylvania Patientensicherheitsdaten verlangt, dass für ein festgehaltenes Ereignis auch der ursächliche, klinische Prozess angegeben werden muss, ist es möglich, den spezifischen Einfluss der ePA auf verschiedene Unterkategorien von klinischen Prozessen zu untersuchen. Ergebnis: Insbesondere die Reduktion von Medikationsfehlern (21,6 %), Stürzen (17,8 %) und Komplikationen bei Verfahren, Behandlung und/ oder Tests (16,6 %) für den allgemeinen Rückgang an Patientensicherheitsereignissen ist ausschlaggebend. Die Abbildung verdeutlicht die Relevanz dieser drei Unterkategorien, die im Beobachtungszeitraum zusammengenommen für mehr als die Hälfte aller festgestellten Patientensicherheitsereignissen in den Krankenhäusern in Pennsylvania ursächlich sind.

 

Abbildung: Anteil der verschiedenen Prozesskategorien an den insgesamt festgestellten Patientensicherheitsereignissen in Krankenhäusern in Pennsylvania von 2005 bis 2014

 

 

 

Analyse nach Schweregrad

Innerhalb dieser Unterkategorien zeigt sich ferner, dass sich die Effekte insbesondere auf die Ereignisse, die direkte Auswirkungen auf den Patienten und somit einen höheren Schweregrad aufweisen, konzentrieren. Sie werden in drei Kategorien eingeteilt:

(1) Unerwünschte Ereignisse, die zu Patientenschäden führen (im extremsten Fall bis hin zum Tod) und dabei menschliche Schäden als auch Kosten verursachen, haben den höchsten Schwergrad;

(2) An Patienten herankommende Ereignisse, die sich zwar ankündigen, allerdings keine Schäden hervorrufen, dennoch bspw. durch höhere Überwachungen oder vermehrte medizinische Behandlungen sowohl menschliche als ökonomische Kosten verursachen, haben den mittleren Schweregrad, und

(3) Beinah-Ereignisse, die den Patienten entweder durch Glück oder durch aktiven Genesungsaufwand durch das Pflegepersonal nicht tangieren und so „nur“ ökonomische Kosten darstellen, haben den niedrigsten Schweregrad.

Die Analyse nach Schweregrad zeigt, dass die Einführung fortgeschrittener ePA eine Reduzierung der Ereignisse mittleren Schweregrads um 22,5 % und eine Reduktion der Ereignisse hohen Schweregrads um 16,2 % für die drei für den allgemeinen Rückgang hauptsächlich ausschlaggebenden Ereignisse (Medikationsfehler, Stürze, Komplikationen) herbeiführt. Das Ausmaß auf die schwerwiegenderen Ereignisse zeigt, dass durch die Einführung fortgeschrittener ePA große Skaleneffekte generiert werden können.

 

Wirtschaftliches Einsparpotenzial

Investitionen in Milliardenhöhe, die in der Vergangenheit in ePA geflossen sind, begründen die Frage nach der Wirtschaftlichkeit. Basierend auf den Ergebnissen ihrer Untersuchung führen die Wissenschaftler für verschiedene Unterkategorien eine Überschlagsrechnung durch, um so erste Indizien für die ökonomische Bedeutung der ePA zu liefern. In einem ersten Schritt rechnen sie so den in Pennsylvania zu beobachteten 21,6 prozentigen Rückgang an Medikationsfehlern auf die gesamte USA hoch. Durchschnittlich entstehen in den USA jährlich insgesamt Ausgaben von rund 16 Milliarden Dollar aufgrund von Medikationsfehlern; über den zehnjährigen Beobachtungszeitraum somit Ausgaben in Höhe von 160 Milliarden Dollar. Setzt man nun in einem weiteren Schritt den prozentualen Rückgang von 21,7 % in Relation zu den Gesamtkosten, kann gemäß der Rechnung ein maximales Einsparpotenzial von 34,6 Milliarden Dollar durch den Rückgang an Medikationsfehlern identifiziert werden. Bei einer 16,2 prozentigen Reduktion von Stürzen läge, so die Rechnung, das nationalweite maximale Einsparpotenzial schätzungsweise bei 680,4 Millionen Dollar über einen Zeitraum von zehn Jahren.

 

Fazit

Die Studie liefert empirische Beweise für die Annahme, dass sich fortgeschrittene ePA positiv auf die Patientensicherheit auswirken. Untersucht man den Rückgang von 17,5 % an Ereignissen, die die Patientensicherheit betreffen, weiter, zeigen sich insbesondere bei Medikationsfehlern, Stürzen und Komplikationen die größten Auswirkungen. Krankenhäuser ohne fortgeschrittene ePA gefährden somit die Sicherheit Ihrer Patienten.

Allerdings werden an die fortgeschrittenen ePA hohe Anforderungen gestellt: präzise Dokumentation und weitere klinisch relevante Informationen aller Leistungserbringer, die mit dem Patienten in Kontakt traten. Das Wie ist also ausschlaggebend für den Erfolg des Einsatzes einer ePA: Es reicht nicht, wie in Deutschland geplant, lediglich eine ePA einzuführen. Klar geregelt sein muss, welche Anforderungen die ePA und die Leistungserbringer im Umgang mit ihr zu erfüllen haben. Nur dann profitieren der Patient und letztlich auch das Gesundheitssystem mit sinkenden Ausgaben.

 

[1] Kohn, Linda T., Corrigan, Janet M. and Molla S. Donaldson (2000): “To Err Is Human: Building a Safer Health System”, National Academies Press.

[2] Van Den Bos, Jay, Rustagi, Karan, Gray, Travis, Halford, Michael, Ziemkiewicz, Eva und Jonathan Shreve (2011): “The 17.1 billion USD problem: The annual cost of measurable medical errors”, Health Affairs.

[3] Hydari, Muhammad Zia, Telang, Rahul und William M. Marellac (2018): “Saving Patient Ryan—Can Advanced Electronic Medical Records Make Patient Care Safer?”, Management Science.

[4] Die Anzahl an Krankenhäusern variiert pro Jahr.

 

Redaktion / Mona Groß


© Observer Gesundheit


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