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Festakt zur Eröffnung des Deutschen Zahnärztetages

Understatement kann sehr elegant wirken. Daran wurden die Gäste des Festakts zur Eröffnung des Deutschen Zahnärztetags durch dessen musikalische Einrahmung erinnert. Die Feierstunde fand in der Frankfurter Paulskirche statt, einem gewichtigen Symbol der demokratischen Bewegung in Deutschland. Doch nur zwei Musiker (Gesang, Gitarre, E-Piano) spielten zur Begrüßung auf, fein und leicht: „Come together“ von den Beatles.

Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer, begrüßte nationale und internationale Gäste. Prof. Dr. Michael Walter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, verwies auf das diesjährige Kongressthema „Misserfolge erkennen, beherrschen, vermeiden“. Dabei ging er wie nebenbei auf das aktuelle Aufregerthema ein, die Durchdringung der zahnärztlichen Versorgung durch investorenbetriebene MVZ. Man sehe die Gefahren durch Kettenbildung für die Versorgung. Aus wissenschaftlicher Sicht gebe es aber keine Daten der Versorgungsforschung, die die kritischen Urteile belegten. Grundsätzlich gelte immer das Prinzip der Ergebnisoffenheit. Im Hinblick auf Qualität und wissenschaftliche Fundierung zahnärztlicher Maßnahmen gebe es ein Defizit an Evidenz; hier setze man unter anderem mit einem Förderprogramm für wissenschaftliche Studien an.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Wolfgang Eßer, lobte, passend zum feierlichen Rahmen, die eigene Zunft und wichtige versorgungspolitische Impulse, die diese in der Gesetzgebung zum TSVG gegeben habe. Doch gleichzeitig erneuerte er auch seine Kritik am TSVG, allem voran an der Tatsache, dass die Politik bislang die Türen für investorbetriebene MVZ weit offen lasse und damit konterkariere, wofür die Zahnärzteschaft stehe: für nachhaltige Versorgung, für zuverlässige Arbeit, für vertrauensvolle Zahnarzt-Patient-Beziehungen, für Entscheidungen frei von übergeordneten Private-Equity-Interessen. „Von einer ordnenden Hand des Staates gegen die zunehmende Industrialisierung ist nichts zu sehen“, klagte er. Insgesamt fehle es an Vertrauen gegenüber und Spielräumen für die Selbstverwaltung: „Sanktionen ersetzen Argumente und Ersatzvornahmen den Dialog.“

Engel griff dies auf, als er den Festredner des Abends vorstellte, Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, und dessen Thema: „Vertrauen in Zeiten der Digitalisierung“. Der BZÄK-Präsident zitierte Otto von Bismarck: „Vertrauen ist eine zarte Pflanze. Ist es einmal zerstört, kommt es sobald nicht wieder.“ Nida-Rümelin ist Philosoph, Buchautor und Professor für Philosophie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Er sprach frei, mit selbstironischen Einsprengseln, stimmte seine Zuhörer nachdenklich – und streifte die Digitalisierung nur am Rande, weil er lieber an die Themen seiner zahnärztlichen Vorredner anknüpfte.

Den modernen Menschen beschrieb er einerseits als Variante des „homo oeconomicus“: Wenn man rational handele, versuche man stets, die Folgen zu optimieren. Man schätze diese ab, kalkuliere Kosten und handele danach dann wohlüberlegt. Doch ein solch allzu konsequent-rationaler Optimierer ist andererseits nach Nida-Rümelins Überzeugung nicht freundschaftsfähig. Denn zur echten Freundschaft im Aristotelischen Sinn fehlt ihm die Gabe, das anzustreben, was für den anderen, den Freund, gut ist. Wer zudem stets in erster Linie an sich selbst denkt, entwertet jeden kommunikativen Akt. Denn dann schleicht sich in jedes Gespräch Misstrauen ein, man kann dem Gegenüber nie trauen und müsste das Gesagte ständig überprüfen und kontrollieren. Ein Albtraum, wie Nida-Rümelin nahelegte, und im Hinblick auf effizientes Wirtschaften ein Fehler. „Ökonomische Rationalität ist deshalb im Grunde nur zu haben, sofern die ökonomische Praxis eingebettet ist in verlässliche, wahrhaftige, vertrauensvolle Kommunikation“, betonte Nida-Rümelin. Dies klinge nach „anständigem Kaufmann“, nach „Benimm Dich anständig“ – was ja beides nicht das Schlechteste sei. Die Erosion von Ethos sei schließlich ein Treiber der zurückliegenden Finanzkrise gewesen.

Ohne Vertrauen gebe es auch keine Arzt-Patient-Beziehung – und es werde teuer, Stichwort: zahlreiche Arztbesuche. Natürlich sei es legitim, als Arzt oder Zahnarzt Geld zu verdienen. Doch wenn es jedesmal darum gehe, wie man an einem Patienten mehr Geld verdienen könne, sinke das Vertrauen. In einem philosophischen Dialog habe deshalb einmal der Arzt, der tue, was nur ihm nutze, folgerichtig auch nicht mehr als Arzt gegolten. Beim Einsatz digitaler Systeme bestehe die Gefahr, dass Patienten das Gefühl entwickelten, Ärzte seien nur mehr Ausführende von Expertensystemen. Deshalb sei es wichtig, die Urteilskraft der Ärzte und Zahnärzte dadurch zu unterstützen – aber nicht zu ersetzen.

Pause vor den Ehrungen, erneut kleine feine Musik des Duos: „My song“ von Elton John, 1970 komponiert. Ein Lob der Beziehung: „I hope you don't mind that I put down in words: How wonderful life is while you're in the world.“

 

Redaktion / Sabine Rieser

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