21.04.2025
Dreimol Null es Null bliev Null
Aktuelle Forschung zu Depression und ihre mediale Verbreitung
Prof. Dr. med. Jürgen Windeler
Wenn „News“ über aktuelle wissenschaftliche Studien verbreitet werden, möchte man darauf vertrauen, dass es sich um belastbare, relevante Erkenntnisse handelt, die berichteten Inhalte stimmen und die Interpretation den Daten und Methoden angemessen ist.
Das gilt grundsätzlich für alle Medien, aber wenn Ärztinnen und Ärzten in Deutschland von „Ihrem“ Ärzteblatt solche Meldungen nahegebracht werden, dann sollte ganz besondere Sorgfalt walten. Leider ist das nicht der Fall, wie ein aktuelles Beispiel zeigt.
Die Publikation
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Nun könnte man eine Abhandlung über die eigentliche Publikation schreiben, erörtern, wozu denn auch die anderen „Assoziationen“ mit p-Werten mit 100 Nullstellen hinter dem Komma wohl taugen. Das Ziel dieser Arbeit – man erfährt es allerdings erst im Diskussionsteil – war anscheinend, zu prüfen, ob statt der anspruchsvollen Endpunkts Remission sich auch ein niederschwelliges Kriterium für die Ermittlung des Ansprechens auf eine Therapie eignet. Die Autoren bejahen dies vorsichtig. Sie begründen es vor allem damit, dass sie die qualitativ gleichen Assoziationen zu soziodemographischen Merkmalen finden, wie sie andere für den Endpunkt Remission gefunden hatten. Ob man die Interpretation der englischen Autoren teilt, steht auf einem anderen Blatt. So wirklich ersichtlich ist nicht, was die Frage „Do you feel better?“ an Fortschritt in der Bewertung von depressiven Patienten bringen soll, und was Antworten wie „Ja, wenigstens ein bisschen“ mit „novel and rich data to better understand patient perspectives“ zu tun haben könnten.
Interessanter ist es, dass solche Ergebnisse von Medien ernst genommen und verbreitet werden. Und bedenklich ist, dass diese Medien offenbar wenig von dem verstanden haben, was dort publiziert wurde und ihre ganz eigen(willig)e Interpretation in die medizinische Welt streuen. Daher soll es hier um die Qualität der Berichterstattung über solche Publikationen gehen, im konkreten Fall um die entsprechende Nachricht des Deutschen Ärzteblatts, eines Organs mit wissenschaftlichem Anspruch, mit dem alle Ärztinnen und Ärzte in Deutschland zwangsweise versorgt werden.
Die Meldung
Am 4. April verbreitete das Ärzteblatt unter „News – Medizin“ seine Version der Ergebnisse des angesprochenen Projektes, die kurz zuvor publiziert worden waren [2]. Von dem Ziel der Studie war nichts zu lesen, von der Bewertung durch die Autoren selbst auch nichts. Stattdessen: „Depressionen: Patienten bewerten Medikament positiver als klinische Studien.“ Das Ergebnis wurde so beschrieben: „Der praktische Nutzen von selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) könnte größer sein, als die Ergebnisse klinischer Studien vermuten lassen. Während in den randomisierten Therapiestudien nur ein Drittel der Patienten eine Remission ihrer Major-Depression erzielte, gaben in einer Umfrage fast drei Viertel der Patienten an, dass ihnen die Medikamente geholfen hätten.“
Eine erste exegetische Betrachtung könnte die Frage aufwerfen, was der „praktische Nutzen“ genau sein soll, ob es einen Unterschied zu einem theoretischen Nutzen oder zu einem therapeutischen Nutzen (SGB V) gibt, und wenn ja, welchen. Ebenso interessant ist die Bedeutung des Wortes „könnte“ im ersten Satz. Der Titel der Meldung ist ja ohne Zweifel ein Indikativ. Ist es also oder ist es nicht? Glaubt man die Ergebnisse oder nicht? Und von was hängt es denn ab, ob es so ist? Vermutlich hat sich der Autor oder die Autorin aber gar nichts dabei gedacht, was eine tiefere Analyse entbehrlich macht.
Dass man erneut feststellen muss – wie schon in dem Trauma/Endometriose Beispiel [3] –, dass Autoren einer führenden deutschsprachigen Zeitschrift offenbar nicht in der Lage sind, den Unterschied zwischen Assoziationen und „beeinflussen“ zu erkennen – oder gar zu verstehen? – ist zwar traurig, aber auch nicht mehr überraschend. Viel bedeutsamer ist, dass die Aussage schlichter Unfug ist. Und der Grund ist ganz simpel. Das Ärzteblatt erwähnt ihn selbst: „In klinischen Studien gibt es strenge Kriterien für eine Remission … und die Zielwerte sind anspruchsvoll.“ Bei den Patienten in der UK Biobank war es dagegen „Nutzen“, wenn sie „auf die Frage, ob die Mittel ihnen geholfen hätten“ antworteten „Ja, zumindest ein wenig“.
Der Unterschied ist eigentlich offensichtlich: Die Patienten in UK haben sich nicht positiver geäußert, sondern anders. Genau so steht es übrigens im Diskussions- und Schlussteil der Original-Arbeit. Aber die Ärzteblatt-Autoren hätten auch selbst drauf kommen können: Eine „strenge“ Definition einer Remission mit Erfolgsraten um 35 % steht in keinem Widerspruch zu „ein wenig besser“ mit Erfolgsraten von 75 %.
Man stelle sich zwei Schulen vor. In der einen, der „R“(emissions)-Schule“, müssen die Schüler, um einen Test zu bestehen, 60% der Punkte erreicht haben; in der anderen, der „E“(in-bisschen-besser)-Schule“ reichen 20%. „E-Schule deutlich erfolgreicher als R-Schule“ würde das Ärzteblatt wohl titeln und hervorheben, dass in der R-Schule nur 35% der Schüler den Test bestanden haben, während es in der E-Schule 75 % waren …
Neben diesem Zahlenunfug zieht sich durch den News-Beitrag aber noch ein Kardinalfehler, den man vielleicht in einem Schüleraufsatz tolerieren könnte, aber schon in einer Hausarbeit an einer Hochschule nicht und in einer wissenschaftlichen medizinischen Zeitschrift oder ihren „News“ erst recht nicht.
In Vorträgen, die dieser Autor seit vielen Jahren vor den verschiedensten Auditorien hält, gibt es eine zentrale „Folie“: „Nutzenaussagen nur als VERGLEICH“ – mehr steht da nicht drauf. Nein, der Nutzen eines Arzneimittels ergibt sich nicht daraus, dass Patienten sagen, „dass ihnen die Medikamente geholfen hätten“, weil – selbstverständlich! – keiner von ihnen wissen kann, ob das „geholfen“ wirklich am Arzneimittel lag, oder an irgend etwas anderem. Nutzen eines Arzneimittels heißt nicht, dass nach der Verabreichung irgendwas geschieht, sondern dass es wegen des Arzneimittels geschieht. Den Ärzteblatt-Autoren könnten Dutzende von tutoriellen Internetseiten verstehen helfen, dass „Post hoc ergo propter hoc“ ein logischer Fehlschluss ist.
Nutzen ist, wie es der renommierte Biostatistiker Stephen Senn ausgedrückt hat, der Unterschied zwischen dem, was passiert, nachdem man das Medikament genommen hat, und dem, was passiert wäre, wenn man es nicht genommen hätte. Deshalb macht man vergleichende Studien. Wenn das Arzneimittel dann nicht besser ist als Placebo, hat es keinen Nutzen, weil es eben für die Besserung, so beeindruckend sie in beiden Gruppen sein mag, offenbar nicht darauf ankommt, ob in der Pille was drin ist oder nicht. Und so hat in dem Forschungsprojekt auch niemand untersucht, ja, untersuchen können, ob „einige soziale, medizinische und genetische Faktoren … den Nutzen von SSRI beeinflussen können“, wie das Ärzteblatt schreibt. Es konnte nur ausgewertet werden, ob Beziehungen zu berichteten Erfolgen – „Ein wenig besser“ – bestanden. Mit Nutzen hat das nichts zu tun, und in dem Forschungsprojekt ging es auch gar nicht um den Nutzen von SSRI, sondern um ein Kriterium, um den Nutzen – in vergleichenden Studien – beurteilen zu können.
Und schließlich ein Satz, schnoddrig und kenntnisarm hingeworfen: „Dass die Wirkung zum Teil auf einem Placeboeffekt beruht, kann ihnen (den Patienten) egal sein.“ Ja, die BILD-Zeitung mag sowas schreiben, im Ärzteblatt will man das nicht lesen. Denn dies mag man dann akzeptieren, wenn der Placeboeffekt einen kleineren Teil des Gesamteffektes ausmacht. Wer die Studien zu SSRI aber kennt, weiß, dass der Placeboanteil ganz erheblich ist bis hin zu der Interpretation, dass der Effekt der Arzneimittel kaum über Placebo hinausreicht. Und dann ist es überhaupt nicht egal, ob man den SSRI oder ein Placebo oder vielleicht auch gar nichts einnimmt, denn das einzige, das Nebenwirkungen hat, ist der SSRI.
Geht das nicht besser?
Der Erkenntniswert der publizierten Projektergebnisse tendiert gegen Null. Die darauf aufbauende Darstellung in den „News“ ist – darüber hinaus – grundfalsch. „Nä, nä, dat wesse mer nit mih, janz bestemp nit mih. Un dat hammer nit studiert“ heißt es in dem (Titel-)Lied. Dass man irgendwas nicht (mehr) weiß, ist ja grundsätzlich kein Makel. Aber es darf keine Grundlage für die Verbreitung wissenschaftlich angestrichener „News“ sein. Leser und im konkreten Fall die Ärzteschaft in Deutschland müssen darauf vertrauen, dass Nachrichten geprüft werden und unangemessene Darstellungen und Schlussfolgerungen unterbleiben – oder als persönliche Meinungsäußerungen gekennzeichnet sind. Wenn man die fachliche und journalistische Arbeit schon Autoren überlässt, die nicht über das nötige Rüstzeug für methodische Analysen verfügen und die referierten Artikel nicht zu Ende lesen oder nicht verstehen, die „dat nit mer wesse“, dann möchte man wenigstens vom Organ der Deutschen Ärzteschaft mit wissenschaftlichem Anspruch erwarten, dass diese Arbeit sorgfältig supervidiert und kritisch geprüft wird. Die über viele Jahre mühsam und durchaus erfolgreich aufgebaute wissenschaftliche Reputation nimmt sonst erheblichen Schaden – und Leser und Patienten leider auch.
[1] Kamp M, Lo CWH, Kokkinidis G, et al. Sociodemographic, clinical, and genetic factors associated with self-reported antidepressant response outcomes in the UK Biobank. Psychological Medicine. 2025;55:e80. doi:10.1017/S0033291725000388
[3] https://observer-gesundheit.de/forschung-mit-epa-daten-ein-blick-in-die-truebe-zukunft/
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„Arzneimittel-Zusatznutzen: Sind denn nicht alle ein bisschen Weltmeister?“, Observer Gesundheit, 5. April 2025,
„ePA – der nächste Akt im Trauerspiel”, Observer Gesundheit, 8. Januar 2025,
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