Was die aktuelle Situation für psychisch erkrankte Menschen bedeutet

Dirk Heidenblut MdB, Mitglied des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages, Berichterstatter des SPD-Fraktion für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Drogen- und Suchtpolitik

Die Corona-Pandemie hat uns deutlich gemacht, an welchen Stellen wir gut gerüstet sind für eine solche Krise und an welchen Stellen wir dringend nachbessern müssen. Dabei dürfen wir neben den Kindern und Jugendlichen auch die Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht aus den Augen verlieren – ganz im Gegenteil.

 

Wie psychisch erkrankte Menschen die Pandemie erleben

Ausgangsbeschränkung, Kontaktsperre, soziale Isolation: Die Einschränkungen durch die Covid-19-Pandemie sind für jede Bürgerin und jeden Bürger mit großen Beeinträchtigungen verbunden. Das Netz aus finanzieller Absicherung, beispielsweise durch den Verlust des Arbeitsplatzes, bricht für viele plötzlich weg. Die fehlende Normalität bzw. Struktur und die Angst vor Ansteckung versetzen viele gesunde Menschen in Panik. Was schon vielen gesunden Menschen zusetzt, ist für Menschen mit einer psychischen Erkrankung besonders hart. Für sie handelt es sich um eine extreme Ausnahmesituation. Deren ohnehin schon fragile, besondere Lebenssituation kann bereits durch Kleinigkeiten leicht zusammenbrechen, bis hin zu akuten Krankheitsausbrüchen.

Fehlende Kontakte zur Außenwelt stellen eine zunehmend schwerwiegende Belastung dar. Zudem fielen ambulante, medizinische und gemeindepsychiatrische Versorgungsangebote plötzlich, ohne absehbare Aussicht auf Ersatz weg. Aus Hygienegründen setzten unterstützende, tagesstrukturierende Angebote, wie der Besuch der Werkstatt, Tagesstätte oder Tagesklinik ohne Alternativangebote aus. Die Sozialarbeiter des Betreuten Wohnens konnten keine Hausbesuche machen oder wurden aus Angst vor Ansteckung nicht mehr in die Wohnung gelassen. Diese wird aus selbigen Gründen oft wochenlang nicht mehr verlassen.

 

Schützendes Umfeld verloren

Während des Lockdowns mussten Menschen mit einer psychischen Erkrankung aus Kapazitätsgründen kurzerhand psychiatrische Stationen oder Tageskliniken verlassen, um Platz für Corona-Infizierte zu schaffen. Sie verloren ihr schützendes Umfeld, ihren Schutzmantel. Die ambulante Versorgung und das Personal gerieten zunehmend an ihre Grenzen. Niedergelassene Psychiater, Neurologen, Psychotherapeuten und Hausärzte mussten den Mangel der Versorgung ausgleichen. Selbst ein Mindestmaß an Versorgung und Betreuung konnte nicht mehr gewährleistet werden, weil gemeindepsychiatrische Angebote kurzfristig wegfielen. Aufgrund von Angst vor einer Ansteckung war es teilweise sehr schwierig, mit den Erkrankten in Kontakt zu bleiben.

Auch Psychotherapeuten, Soziotherapeuten und ambulante psychiatrische Pflegedienste bemühten sich, durch Corona bedingte Anpassungen ihr Versorgungsangebot weiter aufrechtzuerhalten. Mithilfe telefonischer und digitaler Angebote und unter Einhaltung der hohen Hygienebedingungen (Schutzkleidung war und ist nur begrenzt vorhanden und teilweise nicht refinanziert) versuchten sie, ein Minimum an Versorgung sicher zu stellen. Ausreichend war und ist das nicht.

Wir haben versucht, sehr schnell auf die geänderten Bedürfnisse zu reagieren, d.h. beispielsweise abrechenbare Video- und Telefonbehandlungen für Psychotherapeuten zu ermöglichen und Gruppenpsychotherapien befristet in Einzeltherapien umwandeln zu können. Die Fristen zur Vorlage von Verordnungen im Bereich Soziotherapie und psychiatrischer Pflege wurden erweitert, um zusätzliche Besuche beim Arzt oder in der Arztpraxis zu vermeiden. Für die psychiatrische, häusliche Krankenpflege wurde eine persönliche Leistungserbringung per Telefon oder Video während der aktuellen Pandemie ermöglicht.

 

Dramatische Situation für die Kinder

Über die Situation der Kinder und Jugendlichen während der Pandemie wird viel diskutiert. Kommen zu den Folgen der Kita- und Schulschließungen für Kinder aus sozial gefestigten Familien- und Lebenssituationen weitere Faktoren wie Gewalt, Sucht und Belastung der Eltern durch eine psychische Erkrankung und deren Folgen noch hinzu, stellt sich die Situation dieser Kinder und Jugendlichen um einiges dramatischer dar.

Durch den plötzlichen Wegfall unterstützender und auch kontrollierender Sozialsysteme, wie Kita, Schule, Sportvereine und Freunde, sind diese Kinder und Jugendlichen teilweise auf sich allein gestellt und fallen in ihrer Not niemandem auf. Sie verschwinden in den vier Wänden der Häuslichkeit. Oft ist ein Entkommen aus häuslicher Gewalt nicht in Sicht. Für diese Kinder war die Situation allerdings auch schon vor der Krise schwierig und manchmal sogar dramatisch. Sie waren und sind nur schwer zu erreichen. Jetzt ist es fast unmöglich. Hilfsbedürftige Kinder werden jetzt viel schwerer erkannt, und konkrete Hilfe kommt nicht an.

Kurz vor dem Lockdown hat die vom Bundestag eingerichtete Arbeitsgruppe Kinder psychisch kranker Eltern in ihrem Abschlussbericht Handlungsempfehlungen veröffentlicht, die SGB-übergreifende Komplexleistungen auf kommunaler und regionaler Ebene ermöglichen sollen. Das Bundesministerium für Gesundheit hat diesbezüglich im März eine Gesetzesinitiative angekündigt. Ich erwarte zügig den Entwurf, damit wir die Forderungen noch in dieser Legislaturperiode beschließen und umsetzen können. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass diese Kinder als erstes aus dem Fokus geraten.

 

Schlussfolgerung

Ein Ende der Pandemie ist noch nicht absehbar, daher müssen wir für psychisch erkrankte Menschen einen angemessenen Umgang mit der Bedrohung des Virus finden. Wir benötigen deshalb eine gute, dauerhafte und stabile Versorgung, die durch den persönlichen Kontakt zu medizinischem, in der Pflege und Sozialarbeit arbeitendem Personal sichergestellt sein muss.

Unser Ziel muss sein, die Schutzmaßnahmen weiterhin hochzuhalten und Erkenntnisse und Folgen aus der Pandemieerfahrung, vor allem bezogen auf die sozialen und psychischen Folgen, in weitere Überlegungen und Gesetzgebungsverfahren einfließen zu lassen. Zusätzlich benötigen wir spezifische Präventionsarbeit gerade für diese vulnerable Gruppe, die sich nicht nur auf die Auswirkungen der Corona-Krise konzentriert, sondern auch für die Zeit danach. Bei der Entwicklung von spezifischen Präventionsstrategien kann der Öffentliche Gesundheitsdienst gemeinsam mit den handelnden Akteuren vor Ort eine zentrale Rolle übernehmen. Dafür brauchen wir eine deutlich bessere Personalausstattung.


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