„Unseren Jüngsten gebe ich eine Stimme“

Nezahat Baradari MdB, Mitglied im erweiterten SPD-Fraktionsvorstand und im Gesundheitsausschuss, Berichterstatterin für Kinder- und Jugendgesundheit, Impfen (außer Covid), Prävention / Reform der BZgA und europäische Gesundheitspolitik

„Mehr Fortschritt wagen“ haben sich die Ampel-Partner im Koalitionsvertrag vorgenommen. Knapp 180 Seiten voller Aufbruchsstimmung. Ein „vorsorgendes, krisenfestes und modernes Gesundheitssystem“ definieren SPD, Grüne und FDP als eines der zentralen Zukunftsfelder. Doch, welche Aufgaben sehen die Gesundheitspolitiker des Bundestages für sich federführend? Was wollen sie politisch verändern, an welchen Stellschrauben drehen für ein verlässliches Gesundheitssystem? Heute setzen wir unsere Reihe mit einem Kommentar von Nezahat Baradari MdB fort.

 

Als niedergelassene Kinder- und Jugendärztin freue ich mich besonders, mit meinen Herzensthemen, der Kinder- und Jugendmedizin sowie wichtigen Anliegen beispielsweise rund um das Thema „Prävention“, im Gesundheitsausschuss vertreten zu sein. Ich bringe die praktische Expertise als Ärztin mit ins politische Berlin und gebe unseren Jüngsten eine Stimme.

Durch die langjährige Unterfinanzierung in der Kinder- und Jugendmedizin sind wir mitten in einer Fehlentwicklung, die sich auch besonders in der Coronapandemie gezeigt hat. Es fehlen Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin insbesondere im niedergelassenen Bereich und insbesondere im ländlichen Raum. Hier braucht es andere und neue Anreizsysteme. Die ambulante Versorgung von Kinder- und Jugendlichen geht allerdings nur Hand in Hand mit den Kinderkliniken.

 

Gesundheitssektor fit für die Zukunft machen

Im Rahmen meiner Tätigkeiten im Gesundheitsausschuss gilt es, kurz-, mittel und langfristig über notwendige Maßnahmen und Reformen nachzudenken, um den Gesundheitssektor in Deutschland fit für die Zukunft zu bekommen. Die Maßnahmen für eine kurzfristige Hilfe sind begrenzt. Daher wird es Zeit, mittel- und langfristig zu denken und nicht nur in Legislaturperioden. Dazu gehören neben dem Ausbau der Telemedizin die Anwerbung von Medizinern aus dem Ausland mit entsprechender Qualifikation und Anreizsysteme, über die Kassenärztlichen Vereinigungen der Bundesländer bis in die Kommunen bzw. Bürgermeister. Angefangen von Medizinstipendien bis zum Beispiel vergünstigten Mieten in einem Ärztehaus müssen alle Register gezogen werden. Wir brauchen definitiv mehr Medizinstudienplätze und entsprechende Angebote im Anschluss an das Studium, damit unser Nachwuchs nicht abwandert. Das Honorierungssystem der niedergelassenen Ärzte braucht eine Aufwertung, denn inzwischen haben wir auch einen (Kinder-) Ärztenotstand.

Den Vormarsch von Nichtspezialisten auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendmedizin sehe ich mit Sorge; denn Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ich gehe von einigen Diskussionen aus im Bereich der neuen Approbationsordnung sowie bezüglich der Weiterbildungsermächtigung im niedergelassenen pädiatrischen Bereich.

Ein interessantes Thema ist die zunehmende Ambulantisierung der Versorgung in der Kinder- und Jugendmedizin im Spannungsfeld zur stationären Versorgung: Hier ist der genaue Blick in die Problematik wichtig. Die reine Zahl der Planbetten geht an der Versorgungsrealität vorbei. Anders als in der Erwachsenenmedizin gibt es bei Kindern kaum planbare Krankenhausaufenthalte. Dies führt in den kleineren Kliniken in ländlichen Regionen, die weniger vorgeplante Belegung haben, phasenweise zu leeren Betten.

 

Präventionsgedanken weiter stärken

In den großen Kliniken wiederum, die ihre Belegung möglichst vorgeplant auslasten, können wiederum Engpässe entstehen, so dass sogar Notfälle nicht immer aufgenommen werden können. Der Rückgang der Bettenzahl und die konsekutive Schließung von einzelnen Abteilungen führen somit leider häufig zur Schließung einer gesamten Abteilung oder Klinik. Dies wiederum führt dazu, dass kranke Kinder häufig nach wohnortfernen Kliniken verwiesen werden müssen. Der Versorgungsbedarf ist an sich zu Genüge vorhanden, daher sind die Fallzahlen von durchschnittlich 900.000 behandelten Kindern sogar auf mehr als eine Million gestiegen. Es gilt, die stationäre Versorgung auch in strukturschwachen Gebieten zu stärken. Die Behandlung von Kindern ist weitaus spezifischer und aufwändiger, als es die Vergütung nach dem pauschalisierten Einheitssystem (DRG) hergibt. Insofern freut es mich sehr, dass wir im Koalitionsvertrag der Ampelparteien festgehalten haben, dass die Kinderkliniken finanziell unterstützt werden sollen. Mit einem Bund-Länder-Paket für die Krankenhäuser wollen wir eine bedarfsgerechte auskömmliche Finanzierung für die Pädiatrie erreichen.

Wie oben schon erwähnt, möchte ich den Präventionsgedanken in Deutschland weiter stärken, gerade in der Kinder- und Jugendmedizin. Die SPD-geführte Ampelkoalition arbeitet an einem ganzen Bündel an Vorhaben zur Stärkung der Prävention. Diesbezüglich werden wir das Präventionsgesetz weiterentwickeln und hierbei die Primär- und Sekundärprävention stärken. Im Weiteren werden wir die Krankenkassen und andere Akteure unterstützen, sich gemeinsam aktiv für die Gesunderhaltung aller einzusetzen und schaffen einen Nationalen Präventionsplan. Hierbei möchten wir konkrete Maßnahmenpakete auf den Weg bringen, wie z.B. zu den Themen Alterszahngesundheit, Diabetes, Einsamkeit, Suizid, Vorbeugung von klima- und umweltbedingten Gesundheitsschäden – davon werden auch Kinder und Jugendliche profitieren.

 

Gesundes Frühstück kostenfrei in Kita und Schule

Im Kindes- und Jugendalter bilden sich gesundheitsrelevante Verhaltensweisen heraus, und diese sind für das Erwachsenenalter sehr wichtig. Sofern in jungen Lebensjahren schon Gesundheitsstörungen auftreten, können diese zu Risikofaktoren für schwerwiegende Erkrankungen im späteren Leben werden. Die Ernährungskompetenz bei Eltern und Kindern gilt es zu stärken. Dazu gehört auch, ein gesundes Frühstück und mindestens eine warme Mahlzeit allen Kindern kostenfrei in der Kita und Schule anzubieten.

Laut unseres Koalitionsvertrags planen wir in besonders benachteiligten Kommunen und Stadtteilen niedrigschwellige Beratungsangebote (z.B. Gesundheitskioske) auch und gerade zu Präventionszwecken. Bei der Alkohol- und Nikotinprävention setzen wir im Koalitionsvertrag auf verstärkte Aufklärung mit besonderem Fokus auf Kinder, Jugendliche und schwangere Frauen und verschärfen die Regelungen für Marketing und Sponsoring bei Alkohol, Nikotin und Cannabis – ein gerade mir als Kinder- und Jugendärztin wichtiger Aspekt! Aber auch die Themen Aufklärung zum gesunden und bewussten Umgang mit digitalen Medien bereits im Kindergartenalter und die Sensibilisierung von Eltern und Kindern bezüglich Cybergrooming sind wichtiger denn je.

Die Gesundheitsuntersuchungen für Kinder und Jugendliche sind als Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung in § 26 SGB V festgelegt. Für Kinder sind von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr bisher elf Vorsorgeuntersuchungen kostenlos. Ich persönlich würde mir wünschen, dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass ab der U9 Vorsorgeuntersuchungen mit Schwerpunkt psychosoziale Evaluation und Beratung jährlich möglich sein sollten.

 

Lesen Sie in dieser Reihe auch im Observer Gesundheit:

Maria Klein-Schmeink: „Wir steuern auf einen Kollaps zu, wenn wir jetzt nicht handeln“ – 3. Mai 2022

Erwin Rüddel: „Digitale Gesundheit muss von Anfang an intersektoral ausgerichtet werden“ – 30. April 2022

Kristine Lütke: „Gesundheitspolitik 2.0: Stigmatisierung beenden! – 28. April 2022

Armin Grau: „Gesundheit muss wieder im Mittelpunkt der Menschen stehen“ – 25. April 2022

Kordula Schulz-Asche: „Pflege stärken – Arbeitsbedingungen verbessern“ – 21. April 2022

Stephan Pilsinger: „Gesundheitspolitik ist mehr als Corona-Management“ – 14. April 2022


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