25.11.2025
Pharma glamourös? Pharma Deutschland feiert an und mit dem Bundeskanzleramt
Das ist der Gipfel – und was kommt jetzt? Im Jahr vor der Wahl hatte der BPI den Kandidaten Friedrich Merz zu Gast. Jetzt ist es Pharma Deutschland gelungen, den amtierenden Chef des Bundeskanzleramtes für eine Veranstaltung zu gewinnen – im Tipi am Bundeskanzleramt. Thorsten Frei, der sich neben „ChefBK“ auch „Bundesminister für besondere Aufgaben“ nennen darf, nimmt sich die Zeit und hält eine bemerkenswerte Rede. Frei spricht eine halbe Stunde und hat den Inhalt seines Manuskriptes offensichtlich verstanden. Eine Geste der Wertschätzung auf höchster Ebene.
Der Weg dorthin war lang, und noch weiß keiner, wohin er führt. Begonnen hatte es in der letzten Bundesregierung. Damals hatte der grüne Wirtschaftsminister mit dem vfa angebandelt und den roten Gesundheitsminister über das Bundeskanzleramt genötigt, sich mit der Pharma-Industrie an einen Tisch zu setzen. Jetzt steht der Dialog mit der „Leitindustrie“ sogar im Koalitionsvertrag. Vom Auftakt des Dialoges im Kanzleramt berichtet Thorsten Frei kurz in seiner Rede. Er betont, diesmal gehe es nicht nur um Innovationen, sondern auch um Generika und Medizinprodukte. Was er nicht erwähnt: Unter Federführung des BMG sollen die vielen Teilnehmer gemeinsam Vorschläge für die neue Pharma- und MedTech-Strategie der Bundesregierung entwickeln. So lautet der Plan des BMG, der auch „die Selbstverwaltung“ ausdrücklich als Dialogpartner benennt. Die Selbstverwaltung? Das sind so ziemlich alle, einschließlich GKV-Spitzenverband und G-BA. Der Dialog kann heiter werden!
Das ahnt wohl auch Dorothee Brakmann. Als Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland läutet sie den gemütlichen Teil des Abends ein. Doch zuvor gibt sie den Unternehmensvertretern eine Botschaft mit auf den Weg zum Buffet: Der anstehende Dialog wurde von langer Hand vorbereitet, jetzt braucht es gute Vorschläge aus der Industrie. Das klingt nach klugem Erwartungsmanagement: Die Verbände in Berlin haben einen guten Job gemacht; für das Ergebnis ist die Branche dann letztlich gemeinsam verantwortlich – Ausgang ungewiss.
Ein Erfolg ist allerdings schon offensichtlich: Das Kanzleramt will bei Arzneimitteln keine Sparaktionen mit dem Rasenmäher. Thorsten Frei erklärt zum aktuellen Sparpaket: „Wir haben uns ganz viele Dinge angeguckt, aber bei Pharma ist die Zitrone ausgepresst.“ Zu diesem Statement wird der Ehrengast zum Abschied allerdings genötigt. Vorstandsvorsitzender Jörg Wieczorek kann es sich nicht verkneifen, den Minister nach seiner Rede aufs Glatteis zu führen. Wieczorek besteht (leicht übergriffig) auf einer Schätzung zum Preis eines rabattierten Standard-Generikums. Frei schätzt die Erstattung weit über dem Wert – wie erwartet. Um diesen Dialog mit dem Gastgeber zu beenden, bringt er schließlich die Erkenntnis von der ausgepressten Zitrone ins Spiel. Das ist treffend für Generika unter Rabattvertrag. Die Welt der Arzneimittel ist aber vielfältig, und Preisregime der GKV sind etwas für Feinschmecker. Ein Thema für den Dialog auf der Fachebene – ohne den Bundesminister für besondere Aufgaben.
Neben Thorsten Frei (am Abend) hatte Pharma Deutschland auf seiner Jahrestagung (tagsüber) gleich beide parlamentarische Staatssekretäre aus dem BMG zu Gast. Das passt ins Bild. Pharma wird zurzeit gehypt, die Industrie platzt vor Stolz, und die Erwartungen an den Dialog wachsen stündlich. Wenn die Party bald vorbei ist, sind die vier Pharma-Verbände nicht zu beneiden. Die einfachen Maßnahmen zur Stärkung der Industrie hat Karl Lauterbach mit dem Medizinforschungsgesetz bereits umgesetzt. In dieser Wahlperiode geht es ums Eingemachte – im Dialog mit der Selbstverwaltung. Da kann man Dorothee Brakmann im Tipi nur zustimmen: Jetzt sind gute Vorschläge gefragt – am besten zwischen den Verbänden abgestimmt und konsensfähig mit GKV und G-BA. Ein glamouröser Höhenflug schafft politisches Gehör – nicht mehr und nicht weniger.
Sebastian Hofmann
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