Patientensicherheit und Pflegequalität – Was sagen die Pflegekräfte?

USA-Studie: Ausschlaggebend sind Arbeitszufriedenheit und organisatorische Rahmenbedingungen



Mit dem Bestreben der Bundesregierung, das Personal in der Alten- und Krankenpflege zu stärken, gewinnt auch die Zielsetzung nach mehr Patientensicherheit und Pflegequalität weiter an Bedeutung. Pflegepersonaluntergrenzen in der stationären Versorgung und ein neues Qualitätsprüfungssystem für die vollstationäre Altenpflege wurden auf den Weg gebracht. Diese Maßnahmen sind nur eine Auswahl von zahlreichen Interventionen zu den Pflegeberufen aus der 19. Legislaturperiode [siehe Maßnahmenanalyse zur 19. Legislaturperiode]. Grundsätzlich bleibt jedoch die Frage, welche Faktoren aus der Sicht von Pflegekräften die Patientensicherheit und Pflegequalität beeinflussen. Eine Studie [1] aus den USA analysiert, welche Faktoren für Pflegekräfte entscheidend sind, wenn es um die Bewertung von Patientensicherheit und Pflegequalität geht. Die Ergebnisse können dazu beitragen, bestehende Interventionen in der Praxis auszuarbeiten und zu erweitern.

Pflegekräfte sind entscheidend für die Funktionsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie sind fortlaufend an den ausschlaggebenden Versorgungsprozessen beteiligt und sehen somit auch die resultierenden Behandlungsergebnisse. Studien konnten zeigen, dass Pflegekräfte nachweislich in der Lage sind, die Patientensicherheit und Pflegequalität korrekt einzuschätzen (z.B. [2, 3]). Daher sind Pflegekräfte eine wertvolle Unterstützung, wenn es darum geht, Qualitätsbewertungen vorzunehmen, vor allem wenn unter anderem  entsprechende Qualitätskennzahlen für eine Einschätzung der Patientensicherheit und Pflegequalität nicht ausreichend verfügbar sind. Eine Studie von Stimpfel et al. [1] untersucht für die stationäre Versorgung, welche Faktoren aus der Sicht der Pflegekräfte entscheidend sind, um eine gute Pflegequalität und Patientensicherheit zu gewährleisten. Mit den Studienergebnissen können einschlägige Empfehlungen für die Praxis ausformuliert werden.

 

Studiendesign

Die Daten der USA-Studie basieren auf einer Umfrage von Pflegekräften in der stationären Versorgung aus dem Jahr 2015. Insgesamt wurden 731 Pflegekräfte in die Untersuchung eingeschlossen. Das durchschnittliche Alter der Pflegekräfte lag bei 41 Jahren.

Um die Einschätzung zur Patientensicherheit und Pflegequalität auf den Stationen aus Sicht der Pflegekräfte zu erheben, wurden folgende Abfragen vorgenommen:

 

  • Abfrage zur Pflegequalität:

Wie wahrscheinlich ist es, dass Patienten eine hohe Versorgungsqualität auf ihrer Station erhalten?
Antwortoptionen: „sehr wahrscheinlich“; „etwas wahrscheinlich“; „nicht allzu wahrscheinlich“; „überhaupt nicht wahrscheinlich“.

 

  • Abfrage zur Patientensicherheit:

Bei der Patientensicherheit werden keine Abstriche gemacht, um anstelle dessen mehr Aufgaben zu erledigen.
Antwortoptionen:  Fünf Antwortmöglichkeiten von „stimme nicht zu“ bis „stimme sehr stark zu“.

 

Um Faktoren zu identifizieren, die aus Sicht der Pflegekräfte für die Bewertung von Patientensicherheit und Pflegequalität relevant sind, wurden der Fragebogen erweitert. Hierbei wurden vor allem Faktoren zum bestehenden Arbeitssystem erhoben, die individuelle Komponenten (z.B. Arbeitszufriedenheit, Bildungsstand), aber auch Aspekte zur Arbeitsorganisation (z.B. Arbeitsverhältnis zwischen Arzt und Pflegekraft) und Arbeitsumfeld (z.B. Stationstyp) beinhalteten.

Die Ergebnisse aus der Studie wurden anschließend durch eine statistische Analyse zusammengeführt, um eine Aussage darüber treffen zu können, welche Faktoren Einschätzungen zur Patientensicherheit und Pflegequalität aus der Perspektive der Pflegekräfte beeinflussen.

 

Ergebnis        

Die Ergebnisse der Studie sind der Tabelle zu entnehmen und werden im Folgenden vorgestellt.

 

Tabelle: Entscheidende Faktoren für die Einschätzung einer hohen Pflegequalität und Patientensicherheit aus der Sicht von Pflegekräften

 

 

Quelle: Stimpfel et al. 2019 [1].

 

Insgesamt schätzten 66 % der Pflegekräfte die Pflegequalität auf ihrer Station als hoch ein. Die Patientensicherheit wurde ebenfalls im Durchschnitt als hoch eingestuft.

Es konnte gezeigt werden, dass Pflegekräfte mit einer hohen Arbeitszufriedenheit sowie einem guten Arbeitsverhältnis zu den Ärzten die Pflegequalität auf der Station als hoch bewertet haben. Ferner ließen sich organisatorische Rahmenbedingungen als entscheidender Faktor für die Bewertung einer hohen Pflegequalität identifizieren. Pflegekräfte, die Mängel in Bezug auf die organisatorischen Rahmenbedingungen angegeben haben (z.B. fehlendes Arbeitsmaterial), schätzten die Pflegequalität auf Station niedriger ein.

Für die Bewertung einer hohen Patientensicherheit waren für die Pflegekräfte ebenfalls wie für die Einschätzung der Pflegequalität eine hohe Arbeitszufriedenheit sowie organisatorische Rahmendbedingungen entscheidend. Zusätzlich zeigte sich, dass die Patientensicherheit von Pflegekräften höher eingestuft wurde, sofern diese in Entscheidungsprozesse eingebunden wurden und es sich bei der Station um keine Intensivstation handelte.

 

Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis?

Die finanziellen und personellen Ressourcen in der Krankenhausversorgung sind begrenzt. Die Limitationen verlangen eine effiziente Nutzung der verfügbaren Ressourcen, um qualitätsorientierte Zielsetzungen voranzutreiben. Basierend auf den Studienergebnissen von Stimpfel et al. [1] ist es möglich, eine Priorisierung für mögliche Interventionen vorzunehmen und damit eine Verbesserung für die Patientensicherheit und Pflegequalität zu erzielen.

Die Studienergebnisse zeigen, dass organisatorische Rahmenbedingungen und Arbeitszufriedenheit für Pflegekräfte entscheidend sind, um eine hohe Pflegequalität und Patientensicherheit herzustellen. Für die Optimierung der Arbeitszufriedenheit gibt es zahlreiche Möglichkeiten und Anknüpfungspunkte für Interventionen. Hierzu zählen z.B. die Sicherstellung eines guten Arbeitsklimas, die Anpassung des Führungsstils oder die Reduzierung von stressauslösenden Arbeitsfaktoren (siehe z.B. [4, 5]). Im Hinblick auf die organisatorischen Rahmenbedingungen ist es für das Krankenhausmanagement entscheidend, die Arbeitsumgebung von Pflegekräften so zu gestalten, dass eine entsprechende Ausstattung und Koordination für die Pflegetätigkeiten vorhanden sind, die ein ungestörtes Arbeiten ohne Unterbrechungen ermöglichen.

Liegt der grundlegende Anreiz des Krankenhausmanagements in der Optimierung der Pflegequalität, so bietet es sich an, unter anderem in Programme zu investieren, die das Arbeitsverhältnis zwischen Ärzten und Pflegekräften stärken. Die daraus resultierende Verbesserung in der Kommunikation und Teamarbeit zwischen den beiden Statusgruppen kann sich ebenfalls positive auf die Patientenzufriedenheit auswirken [6] und damit dem Krankenhaus noch weitere Vorteile verschaffen.

Möchte ein Krankenhaus die Patientensicherheit stärken, so hat es unter anderem die Option, Pflegekräfte in Entscheidungsprozesse zur Patientenversorgung mit einzubeziehen. Sofern das Krankenhausmanagement Patientensicherheitsmaßnahmen plant, sollten demnach Pflegekräfte in die Diskussion eingebunden werden und auch entsprechende Erklärungen erhalten, warum die Sicherheitsmaßnahmen erforderlich sind. Andere Studien haben in anderen Settings bereits gezeigt, dass es für die Umsetzung von Qualitätszielen vorteilhaft ist, wenn sich die an der Umsetzung beteiligten Zielgruppen mit den Qualitätszielen identifizieren können (siehe Observer).

Mehr Patientensicherheit und Pflegequalität sind eine fortlaufende Zielsetzung in der Gesundheitsversorgung. Um diese Ziele zu erreichen, ist es entscheidend, die Bewertungskompetenzen der ausführenden Pflegekräfte einzubeziehen. Das Krankenhausmanagement sollte vor allem den Fokus auf die Optimierung der organisatorischen Rahmenbedingungen und Arbeitszufriedenheit legen. Diese beiden Komponenten beeinflussen nachweislich die Einschätzung der Pflegekräfte im Hinblick auf die Patientensicherheit und Pflegequalität.

 

Redaktion / Ines Niehaus

 

  1. Stimpfel, A.W., Djukic, M., Brewer, C.S., and Kovner, C.T., Common predictors of nurse-reported quality of care and patient safety. Health Care Management Review, 2019. 44(1): p. 57-66.
  2. Lawton, R., O’Hara, J.K., Sheard, L., Reynolds, C., Cocks, K., Armitage, G., and Wright, J., Can staff and patient perspectives on hospital safety predict harm-free care? An analysis of staff and patient survey data and routinely collected outcomes. Bmj Quality & Safety, 2015. 24(6): p. 369-376.
  3. McHugh, M.D. and Stimpfel, A.W., Nurse reported quality of care: A measure of hospital quality. Research in Nursing & Health, 2012. 35(6): p. 566-575.
  4. Djukic, M., Kovner, C.T., Brewer, C.S., Fatehi, F., and Greene, W.H., Exploring Direct and Indirect Influences of Physical Work Environment on Job Satisfaction for Early-Career Registered Nurses Employed in Hospitals. Research in Nursing & Health, 2014. 37(4): p. 312-325.
  5. Lu, H., Barriball, K.L., Zhang, X., and While, A.E., Job satisfaction among hospital nurses revisited: A systematic review. International Journal of Nursing Studies, 2012. 49(8): p. 1017-1038.
  6. Larrabee, J.H., Ostrow, C.L., Withrow, M.L., Janney, M.A., Hobbs, G.R., and Burant, C., Predictors of patient satisfaction with inpatient hospital nursing care. Research in Nursing & Health, 2004. 27(4): p. 254-268.

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