27.11.2025
Parlamentarischer Abend zur Frauengesundheit im „Ursprung“
Das Restaurant „Ursprung“ im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann besitzt einen besonderen Hingucker: einen üppigen vertikalen Garten. Der Ort passt zum 2. Parlamentarischen Abend von Astellas Pharma in Kooperation mit den Healthcare Frauen. Beim Thema Frauengesundheit ist Deutschland noch lange nicht im grünen Bereich angekommen, ob in Forschung, Versorgung, Beratung.
Doch manches ist gewachsen, so das Interesse an der Arbeit der Healthcare Frauen, wie die gut gefüllte Location belegt. Sogar Shino Mitsuko, die japanische Botschafterin, schaut vorbei.
Dr. Stefanie Schuster, Astellas Pharma und Beiratsmitglied bei den Healthcare Frauen, begrüßt gut gelaunt. Dass Bundesgesundheitsministerin Nina Warken wenige Tage zuvor einen „Dialogprozess Wechseljahre“ gestartet hat, „um einen bedeutsamen Aspekt der Frauengesundheit stärker in den gesellschaftlichen Fokus zu rücken und gleichzeitig Missverständnisse auszuräumen“ (O-Ton BMG), freut sie sehr. Ihr Unternehmen forsche seit langem zum Thema. Die Healthcare Frauen hätten die Wechseljahre zudem schon vor einer Weile zu einem ihrer Arbeitsthemen gemacht. So präsentierten sie im März „Wechseljahre und Leadership: Eine Studie zu Impact und Support am Arbeitsplatz für Führungskräfte“. Schuster unterstreicht, wie wichtig mehr Awareness fürs Thema Wechseljahre ist. Und: „Vor allem durch Zusammenarbeit ist etwas zu erreichen.“ Vorstandsmitglied Cornelia Wanke zeigt sich erfreut darüber, dass die Healthcare Frauen und ihre Anliegen mittlerweile gut in der Gesundheitspolitik angekommen sind.
„Endometriose ist nicht die Nationalpflanze Südafrikas“
Dass trotzdem noch viel mehr erreicht werden muss bei Frauengesundheitsthemen, dem schließen sich die prominenten Impulsgeberinnen des Abends an. Moderatorin Ulla Kock am Brink findet, es gebe auch 2025 noch genug Gründe, um als „Frauenbeauftragte in Sachen Beschwerden“ tätig zu werden, u.a.: Herzinfarkte würden bei Frauen schlechter erkannt als bei Männern. Die Behandlungsmöglichkeiten bei Endometriose („nicht die Nationalpflanze Südafrikas, sondern eine ganz schmerzhafte Erkrankung“) seien unzureichend. Die Forschung in Bezug auf Wechseljahre sei noch nicht weit genug.
KI erkennt geschlechtsspezifische Muster – falls Frauen in Datensätzen vorkommen. Die Schauspielerin und Regisseurin Esther Schweins spricht über ein Thema, dem sie im Podcast „Unglaublich krank – Patienten ohne Diagnose“ mit Prof. Martin Mücke nachgeht: seltene (SE) bzw. rätselhafte Erkrankungen. Man gehe von mehr als 6.000 seltenen Erkrankungen und rund vier Millionen Betroffenen aus. Viele haben das Gefühl, mit den Schilderungen ihrer Beschwerden nicht verstanden zu werden, erhalten erst sehr spät eine zutreffende Diagnose, haben es teilweise sehr schwer, adäquate Therapien zu bekommen. Die Schieflage bei seltenen Erkrankungen sei allerdings für Frauen noch extremer, so Schweins, u.a., weil ihre Körpersprache eine andere sei. „Seltene Erkrankungen vergrößern, was sonst im System unscharf bleibt.“ Ihre Forderungen: Ärzte müssten das Außergewöhnliche häufiger in Betracht ziehen. Es brauche differenzierte geschlechtsspezifische Forschung sowie bessere Datenqualität: „Künstliche Intelligenz erkennt geschlechtsspezifische Muster, aber nur, wenn Frauen in Datensätzen auch vorkommen.“
Jemand wie Prof. Dr. Mandy Mangler ist ebenfalls selten: Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Chefärztin und Ärztliche Direktorin in mehreren Berliner Vivantes-Krankenhäusern, berufspolitisch engagiert, fünffache Mutter. Dass Frauen keine kleinen Männer sind, wisse man. Aber bis in die 1990er Jahre hätten Studien im Grunde nur an männlichen Probanden stattgefunden, erinnert Mangler. Kein Wunder, dass Zyklus oder Menopause keine Rolle gespielt hätten. Dabei wisse man heute u.a., dass Chemotherapien je nach Zyklusphase anders wirkten. Ziemlich frisch ist auch die Erkenntnis, dass und warum Frauen seltener reanimiert werden. Offenbar gibt es wegen ihrer Brüste Berührungsängste. Geübt werde an männlichen Puppen. Neben zahlreichen Ungleichheiten in der Versorgung stört die Gynäkologin die politische Diskreditierung von Genderforschung, denn: „Gendermedizin ist vor allem ein anderes Wort für individualisierte Medizin.“
Schlagabtausch zu Innerer Medizin
Zum Abschluss diskutieren die Gesundheitspolitiker des Bundestages Dr. Tanja Machalet MdB (SPD), Prof. Dr. Hans Theiss MdB (CSU), Dr. Maria-Lena Weiss MdB (CDU). Weiss lobt den angestoßenen Dialogprozess Wechseljahre. Endlich sei das Thema in die Mitte des politischen Handelns gerückt. Machalet verweist auf die aktuelle Haushaltsdebatte. Zwölf Mio. Euro sind im BMG-Etat bis 2029 für den Förderschwerpunkt Frauengesundheit vorgesehen, „ein wichtiger Schritt“. Machalet würde gern noch weitere Schritte sehen, konkret: einen Nationalen Aktionsplan Frauengesundheit.
Theiss setzt sich mit geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Kardiologie auseinander. Mit Forderungen nach mehr Aufklärung, besserer ärztlicher Ausbildung, dem Studieneinschluss von mehr Frauen ist er einverstanden. Man müsse aber auch sehen, dass Frauen Symptome eines Herzinfarkts teilweise nicht so ernst nähmen wie Männer. Bestimmte Check-Ups unter Aspekten von Frauengesundheit anzupassen, wie teilweise gefordert, das könne Politik aber nicht, damit wäre sie überfordert. Das sei Sache der Wissenschaft, und: „Da müssen die Fachgesellschaften ran.“ Die, wie Chefärztin Mangler einwirft, allerdings in Sachen Frauenanteil und Diversität „miserabel“ aufgestellt seien.
Das Podium endet, der Austausch nicht. Bei bunt gemischtem Fingerfood diskutieren Mitarbeitende und Büroleitende von Abgeordneten, Fraktionen, aus Parteien, Ministerien und Selbstverwaltung einfach weiter. Atmosphärisch ist man sich auf jeden Fall grün.
Sabine Rieser
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