Online-Sprechstunden – Nutzen für Patienten, mehr Arbeit für Ärzte

Aktuelle Studienergebnisse: Online-Behandlungen reduzieren die Neuaufnahme von Patienten in Arztpraxen



Die Patientenbehandlung über elektronische Kommunikationsmedien in der ambulanten Versorgung gewinnt in Zeiten der Digitalisierung und des verstärkten Ärztemangels zunehmend an Interesse. 2018 hat auch der Deutsche Ärztetag den Weg freigemacht, Patienten aus der Ferne behandeln zu dürfen. Ärzte versprechen sich mit dem Angebot von Online-Behandlungen eine Reduzierung der regulären Telefon- und Praxissprechstunden. Damit könnte der steigende Patientenzuwachs in den Arztpraxen besser behandelt werden und sich damit auch positiv auf die Patientengesundheit auswirken. Bringen die innovativen elektronischen Arztbesuche wirklich den gewünschten Erfolg in der Optimierung der Patientenversorgung? Eine Studie aus den USA [1] untersucht erstmalig die Auswirkungen von Online-Sprechstunden auf die Patientengesundheit und prüft, inwieweit Online-Sprechstunden tatsächlich zu einer Reduzierung der bislang regulären Praxissprechstunden beitragen.  

Wartezeiten minimieren und eine verbesserte Patientenversorgung gewährleisten. Dies sind zwei von zahlreichen Argumenten, die für die Förderung eines elektronischen Arzt-Patienten-Kontaktes sprechen. Im Rahmen von Online-Sprechstunden ist es dem Arzt möglich, eine Diagnostik durchzuführen sowie erste Behandlungsschritte einzuleiten, sofern dies im Einzelfall ärztlich vertretbar ist. Möglicherweise entstehen jedoch durch den elektronischen Arzt-Patienten-Austausch weitere zur Diagnostik relevante Fragestellungen, die für den Patienten einen Praxisbesuch vor Ort zur Folge haben. Dann würden Online-Sprechstunden abweichend von dem gewünschten Effekt zu einem Anstieg der ärztlichen Auslastung und zu keinem verbesserten Gesundheitszustand des Patienten beitragen. Vor diesem Hintergrund untersuchen Bavafa et al. [1] den tatsächlichen Effekt von Online-Sprechstunden auf die Patientengesundheit sowie deren Auswirkungen auf die Häufigkeitsentwicklung von traditionellen Arzt-Patienten-Kontakten (d.h. Telefon- oder Praxissprechstunden).

In der Studie [1] wird davon ausgegangen, dass die Entscheidung für die Inanspruchnahme von Online-Sprechstunden von dem Patienten beeinflusst wird. Bei dieser Form der Selbst-Selektion wird angenommen, dass relativ gesunde Patienten eher Online-Sprechstunden beanspruchen als solche Patienten, die ein schwerwiegenderes Krankheitsbild aufweisen. Die Faktoren, welche die patientenindividuelle Entscheidung für die Nutzung eines elektronischen Arzt-Patienten-Kontaktes beeinflussen, können zeitlich-konstant oder zeitlich-veränderbar sein. Bei den zeitlich-konstanten Faktoren handelt es sich um Patientencharakteristika, die beobachtbar (z.B. Geschlecht, Alter) oder nicht-beobachtbar (z.B. Erfahrungen, Wertvorstellungen) sein können. Ein zeitlich-veränderbarer Faktor ist beispielsweise die Einführung und die Intensität der Anwendung von Online-Sprechstunden durch den Hausarzt.

 

Studiendesign

Der für die Analyse verwendete Datensatz umfasst einen Zeitraum von fünf Jahren (2008-2013) und beinhaltet Informationen zu allen Arzt-Patienten-Kontakten (d.h. Praxis-, Telefon- und Online Sprechstunden) in der Primärversorgung aus einem ausgewählten Gesundheitssystem der USA. Um ausschließlich aktive Patienten in die Studie aufzunehmen, wurden nur solche Patienten eingeschlossen, die mindestens drei oder mehr Praxisbesuche innerhalb des betrachteten Zeitraumes in Anspruch genommen haben. Bedingt durch dieses Einschlusskriterium beinhaltete der finale Datensatz 96.566 Patienten mit den zugehörigen 90 behandelnden Ärzten aus der Primärversorgung. 85 von 90 Ärzten haben Online-Sprechstunden angeboten, wobei das Online-Angebot zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingeführt wurde.

Durch eine statistische Analyse wurde zunächst der Zusammenhang zwischen der patientenindividuellen Inanspruchnahme von Online-Sprechstunden und der Häufigkeitsentwicklung von regulären Arzt-Patienten-Kontakten (d.h. Praxis- und Telefon-Sprechstunden) untersucht. Im Anschluss erfolgte eine tiefergehende Untersuchung des Zusammenhangs differenziert nach Patienten, die sich für oder gegen die Nutzung von Online-Sprechstunden entschieden haben. Hierbei wurden zeitlich-konstante Patientencharakteristika berücksichtigt. Durch eine zusätzliche Analyse wurden zeitlich-veränderbare Faktoren hinzugezogen und mit den vorherigen Ergebnissen verglichen. Als zeitlich-veränderbarer Faktor wurde der Zeitpunkt und die damit verbundene Intensität der hausärztlichen Nutzung von Online-Sprechstunden verwendet. Abschließend wurde mittels eines weiteren statistischen Modells getestet, inwieweit Online-Sprechstunden die Patientengesundheit verbessern.

 

Zusammenhang zwischen Online-Sprechstunden und traditionellem Arzt-Patienten-Kontakt

Insgesamt haben 13,4 % der betrachteten Patienten (n=12.975) mindestens einmal Online-Sprechstunden genutzt. Diese Online-Nutzer unterscheiden sich von solchen Patienten, die keine Online-Sprechstunden in Anspruch genommen haben, sogenannte Nicht-Online-Nutzer. Im Durchschnitt sind Online-Nutzer fünf Jahre älter als Nicht-Online-Nutzer (56 Jahre vs. 51 Jahre). Außerdem beanspruchen Online-Nutzer im Vergleich zu Nicht-Online-Nutzer 3 % mehr zusätzliche Telefonsprechstunden und 7 % mehr zusätzliche Praxissprechstunden.

Insgesamt konnte festgestellt werden, dass durch die patientenindividuelle Nutzung von Online-Sprechstunden die Anzahl an zusätzlichen Telefon- und Praxissprechstunden um 6 bis 7 % ansteigt. Diese zusätzlichen traditionellen Sprechstunden wurden hauptsächlich vom Arzt und nicht von anderen möglichen vorgeschalteten Gesundheitsdienstleistern (z.B. Krankenpfleger) durchgeführt. Die Ergebnisse sind erste Anzeichen dafür, dass Online-Sprechstunden von Patienten genutzt werden, um einen direkten Kontakt zum behandelnden Arzt herzustellen und damit andere vorgeschaltete Gesundheitsdienstleister zu umgehen.

Online-Sprechstunden bewirken demnach nicht immer den gewünschten Substitutionseffekt, der eine Reduzierung der traditionellen Arzt-Patienten-Kontakte durch die Nutzung von Online-Behandlungen hervorrufen soll.

 

Einfluss von Online-Sprechstunden auf die Patientenneuaufnahme

Online-Sprechstunden erhöhen die patientenindividuelle Inanspruchnahme von Praxis- und Telefonsprechstunden. Die Häufigkeitsentwicklung von solchen traditionellen Arzt-Patienten-Kontakten hat einen Einfluss auf die Größe eines Patientenstamms, der von einem Arzt betreut werden kann und wirkt sich damit auch auf die Zugangsmöglichkeiten zur Gesundheitsversorgung für den Patienten aus.

Im Rahmen der Studie konnte festgestellt werden, dass sich ab dem Zeitpunkt, wo Ärzte Online-Sprechstunden angeboten haben, die Patientenneuaufnahme reduziert hat. Insgesamt haben Ärzte nach der Einführung von Online-Sprechstunden rund 15 % weniger Neupatienten aufgenommen.

 

Einfluss von Online-Sprechstunden auf die Patientengesundheit

Um die Patientengesundheit zu messen, wurden patientenindividuelle Blut-Cholesterin-Werte sowie entsprechende Blutzuckerbefunde als Variablen herangezogen. Diese Werte eignen sich gut für die Beurteilung des Effektes von Online-Sprechstunden auf die Patientengesundheit, da diese in regelmäßigen Abständen erhoben werden und durch einen elektronischen Arzt-Patienten-Kontakt beeinflusst werden können (bspw. durch die ärztliche Veranlassung einer Ernährungsumstellung).

Im Rahmen der Studie konnte nur ein minimaler Effekt zwischen der Inanspruchnahme bzw. Nicht-Inanspruchnahme von Online-Sprechstunden und der Patientengesundheit nachgewiesen werden. Online-Nutzer hatten im Vergleich zu Nicht-Online-Nutzern nur geringfügig bessere Blutzucker- und Cholesterin-Werte.

 

Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis?

Online-Sprechstunden haben das Potenzial, die Primärversorgung zu optimieren. Durch die Nutzung des elektronischen Arzt-Patienten-Kontaktes können theoretisch Kosten eingespart werden und ein größerer Patientenstamm versorgt werden, ohne dabei die Versorgungsqualität zu minimieren [2]. Gleichzeitig bieten Online-Sprechstunden für den Patienten eine gute Möglichkeit, um einen schnellen sowie direkten Kontakt zu dem behandelnden Arzt herzustellen.

Die Studienergebnisse von Bafava et al. [1] haben jedoch auch gezeigt, dass das Angebot von Online-Sprechstunden tendenziell zu einem Anstieg der traditionellen Arzt-Patienten-Kontakte führt. Ärzte, die über eine Einführung von Online-Sprechstunden nachdenken, sollten vor diesem Hintergrund ihre gegenwärtige Patientenauslastung berücksichtigen. Sofern die Kapazitäten einer Arztpraxis nahezu ausgeschöpft sind, würde sich die Einführung von Online-Sprechstunden möglicherweise negativ auf die Neuaufnahmekapazität von Patienten auswirken.

Online Sprechstunden können zusätzliche Arzt-Patienten-Kontakte in Form von traditionellen Praxis- oder Telefonsprechstunden zur Folge haben. Die daraus resultierende erhöhte Auslastung von Arztpraxen wirkt sich negativ auf die Patientenneuaufnahmekapazität in der Primärversorgung aus. Ärzte, die sich für die Nutzung von Online-Sprechstunden entscheiden, sollten daher vorab ihre aktuelle Patientenauslastung berücksichtigen.

 

  1. Bavafa, H., Hitt, L.M., and Terwiesch, C., The Impact of E-Visits on Visit Frequencies and Patient Health: Evidence from Primary Care. Management Science, 2018. 64(12): p. 5461-5480.
  2. Green, L.V., Savin, S., and Lu, Y.N., Primary Care Physician Shortages Could Be Eliminated Through Use Of Teams, Nonphysicians, And Electronic Communication. Health Affairs, 2013. 32(1): p. 11-19.

 

Redaktion / Ines Niehaus

 


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