Neu aufgestellt – wo geht es für die Bundeszahnärztekammer hin?

Prof. Dr. Christoph Benz, Präsident der Bundeszahnärztekammer

Seit der Wahl auf der Bundesversammlung am 04. Juni 2021 steht ein neuer Geschäftsführender Vorstand an der Spitze der Bundeszahnärztekammer (BZÄK). Obwohl ich mich noch nicht so fühle, bin ich nun – als bisheriger Vizepräsident und neuer Präsident – der „alte Hase“ in diesem Gremium, das mit der Wahl von Dr. Romy Ermler zur Vizepräsidentin und Konstantin von Laffert zum Vizepräsidenten jünger und weiblicher geworden ist.

Vor allem zu letzterem muss man sagen: endlich! Denn bei rund 50 Prozent aktiven Zahnärztinnen und über zwei Drittel Studentinnen unter den Zahnmedizin-Erstsemestern war es dringend an der Zeit, dass eine Frau in eine Spitzenposition der zahnärztlichen Selbstverwaltung rückt und die vielen engagierten Kolleginnen angemessen repräsentiert. Das ist hoffentlich der Startschuss für eine nachhaltige „Frauenoffensive“ in der Standespolitik.
Mein großer Dank gilt meinen bisherigen Kollegen aus dem Geschäftsführenden Vorstand, Dr. Peter Engel und Prof. Dr. Dietmar Oesterreich, für ihre nahezu jahrzehntelange Arbeit für die BZÄK, ihr großes Engagement und ihre wichtigen Weichenstellungen für den Berufsstand. Wir werden diesen herausragenden Lebensleistungen eine entsprechende Anerkennung folgen lassen.

 

Zahnärzteschaft besteht Stresstest „Corona“

Was die Zahnärzteschaft wie praktisch die ganze Welt in den vergangen knapp anderthalb Jahren beschäftigt hat, ist natürlich die Corona-Pandemie. Trotz des am Anfang eklatanten Mangels an persönlicher Schutzausrüstung, trotz der anfänglichen Zurückhaltung der Patientinnen und Patienten beim Besuch in der Praxis, trotz einer im Gegensatz zur Ärzteschaft sträflichen Missachtung von Seiten der Politik bei Hilfen für die Kolleginnen und Kollegen – Stand heute können wir sagen, dass die Zahnmedizin den Stresstest „Corona“ nicht nur bestanden hat, sondern sogar gestärkt aus ihm hervorgegangen ist. Wir haben unsere Hygienekompetenz bewiesen und haben nun auch in der Politik – zu Recht – den Ruf als Hygieneprofis. Das bestätigte jüngst BMG-Staatssekretär Dr. Thomas Gebhart in seinem Grußwort auf der Bundesversammlung. Auch die Patientinnen und Patienten nehmen die speziellen Hygienemaßnahmen in den Praxen wahr, wie kürzlich eine repräsentativen forsa-Umfrage im Auftrag der BZÄK eindrucksvoll belegte. Unser Hygiene-Knowhow möchten wir nun verstärkt einbringen und stehen hier gerne den gesundheitspolitischen Stakeholdern mit Rat und Tat zur Seite.

Den Zusammenhalt, den der Berufsstand von den einzelnen Kolleginnen und Kollegen über die (Landes-)Zahnärztekammern bis zur BZÄK in der Pandemie zeigte, möchten wir nutzen und in positive Energie verwandeln, um den verschiedentlichen Herausforderungen zu begegnen, vor denen die Zahnärzteschaft steht.

 

Eigene Niederlassung noch lange kein Auslaufmodell

Die Frage, die dabei über allem steht, ist: Wie sieht die Zukunft der zahnärztlichen Freiberuflichkeit aus? Auch wenn immer mehr junge Zahnärztinnen und Zahnärzte zum Berufsstart ein Angestelltenverhältnis wählen, bleiben die meisten nicht auf Dauer angestellt, sondern gründen später alleine oder als Berufsausübungsgemeinschaft eine Praxis. Die eigene Niederlassung ist also noch lange kein Auslaufmodell. Das größte Problem im Angestelltenverhältnis, gerade in investorengesteuerten Großstrukturen, ist der Verkaufsdruck, unter dem die Zahnärztinnen und Zahnärzte dort stehen und von dem sie uns immer wieder berichten. Zielerfüllung statt individuelle Behandlungsempfehlungen widersprechen aber dem Grundgedanken der patientenorientierten Zahnmedizin. Deshalb werden wir den kommerziellen Druck auf Angestellte mit allen Mitteln bekämpfen und gleichzeitig für eine Unterwerfung der Zahnheilkunde-Gesellschaften unter das Berufsrecht und die Kontrolle der Kammern streiten. Zudem wollen wir für eine bessere Stadt-Land-Verteilung der jungen Kolleginnen und Kollegen sorgen, indem wir die Perspektiven der „Landpraxis“ besser darstellen und für sie werben.

Wie ein Mühlstein hängt den Kolleginnen und Kollegen die Last der Bürokratie um den Hals, der ständig mitgeschleppt werden muss. Damit geht wertvolle Zeit für die Patientinnen und Patienten verloren, denn die Stunden für die Bürokratie fehlen bei der Zeit für Behandlung und Therapie. Besonders belastend, vor allem für kleine ambulante Strukturen, ist die heterogen organisierte Prüfbürokratie von Geräten und Prozessen. Deshalb möchten wir gemeinsam mit der Selbstverwaltung schlanke Konzepte ohne ausufernde Normierungen erarbeiten und – auch in Zusammenarbeit mit dem Normenkontrollrat – für deren Umsetzung werben.

Leider schon ein „Evergreen“ ist der Streit für eine angemessene Vergütung der zahnärztlichen Leistungen, die erwiesenermaßen eine hohe Qualität haben. Wir kämpfen für eine fachliche und betriebswirtschaftliche Modernisierung der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) durch eine jährliche Anpassung an die Kostenstrukturentwicklung und eine Anhebung des GOZ-Punktwerts, der das letzte Mal geändert wurde, als die Berliner Mauer noch stand, nämlich 1988. Nur dadurch lässt sich eine faire Vergütung unter Berücksichtigung der allgemeinen Kostensteigerungen sicherstellen.

 

Bürgerversicherung stellt bewährtes Gesundheitssystem auf den Kopf

Vielleicht noch nicht bei allen auf dem Schirm ist die Richtungsentscheidung, die bei der Bundestagswahl im September ansteht: Grüne, SPD und Linke plädieren für die Einführung einer Bürgerversicherung, die das bestehende und bewährte deutsche Gesundheitssystem, das sich in der Corona-Krise wieder als sehr resilient erwiesen hat, auf den Kopf stellen würde. „If it ain’t broke, don’t fix it“, sagen die Engländer richtigerweise – das duale System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung ist Garant für eine qualitativ hochwertige, moderne und innovative Versorgung der Bevölkerung in Deutschland, auch die hohe Qualität der zahnmedizinischen Versorgung fußt auf dem dualen System. Dass Reformbedarf besteht – keine Frage. Aber statt experimentellen, ideologiegetriebenen Abschaffungsfantasien nachzuhängen, sollten wir uns besser auf eine wettbewerbs- und patientenorientierte Anpassung des dualen Systems an die aktuellen Herausforderungen wie die Alterung der Gesellschaft konzentrieren. Die Gefahren einer Bürgerversicherung liegen auf der Hand: der Einstieg in ein staatlich dirigiertes Gesundheitssystem, die Gefährdung von Therapie- und Wahlfreiheit der Bürgerinnen und Bürger, die Gefährdung der Freiheit bei Diagnose und Therapie von (Zahn-)Ärztinnen und (Zahn-)Ärzten. (s. auch: https://www.bzaek.de/gesundheitspolitische-positionen-zur-bundestagswahl-2021.html)

Nicht zuletzt hat die Corona-Pandemie eindrucksvoll gezeigt, was Deutschland nicht kann, nämlich Digitalisierung. Die zeitgemäße technische Ausstattung von Schulen, die digitale Erfassung des Impfstatus von Anfang an und überhaupt die flächendeckende Zurverfügungstellung von schnellem Internet scheinen in der Bundesrepublik den Komplikationen einer Marsmission zu gleichen. Die Zahnärzteschaft ist hier schon viel weiter, seit den 1980er Jahren arbeiten wir in der Praxis mit digitalen Lösungen, etwa der digitalen Abformung und dem digitalen Röntgen. Wir sind Technik-Freaks, im positiven Sinne. Wir werden uns mit der Digital-Kompetenz unseres Berufsstandes stärker in den politischen Dialog einbringen, indem wir schnell analysieren und Probleme identifizieren.

Der neue Geschäftsführende Vorstand der BZÄK ist bis in die Haarspitzen motiviert, sich für die Kolleginnen und Kollegen einzusetzen und konkrete und spürbare Verbesserungen in ihrem Berufsalltag zu erreichen. Let’s do it!


© Observer Gesundheit


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