Mit gezielter Forschungsförderung für eine bessere Medizin von morgen

Anja Karliczek MdB, Bundesministerin für Bildung und Forschung

Der erste in der Europäischen Union zugelassene Impfstoff ist in Deutschland entwickelt worden – in sensationeller Geschwindigkeit. Er gibt uns die Hoffnung auf ein Ende der Pandemie. Ein solcher medizinischer Fortschritt erfordert einen langen Atem. Er erfordert exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Weitblick, Mut und Kreativität zu neuen Herangehensweisen an altbekannte Probleme. Und nicht zuletzt erfordert er die finanziellen Mittel für den langen Weg von der Theorie über Versuch und Irrtum im Labor bis hin zur wissenschaftlichen Lösung und schließlich zum Medikament, zur Therapie. Dieser Weg ist meistens holprig und hat viele Biegungen und Wendungen. Nicht selten konzentrieren sich Forschende bei ihrer Arbeit auf eine Krankheit, um am Ende einen Durchbruch bei einer ganz anderen Krankheit zu erwirken. Genauso war es auch bei BioNTech. Viele Jahre hatte das Mainzer Team an einer Krebsimmuntherapie geforscht und dazu eine biologische Plattformtechnologie entwickelt. Genau diese Technologie konnte jetzt für den Impfstoff gegen Covid-19 genutzt werden.

 

Grundlagenforschung auf dem Weg zu neuen medizinischen Wirkstoffen

Das Bundesforschungsministerium hat BioNTech schon in seiner Gründungsphase unterstützt. Genau wie andere vielversprechende Unternehmen und Projekte. Aufgrund unserer dauerhaften und vorausschauenden Förderung hat auch die Coronavirus-Forschung in Deutschland im vergangenen Jahr nicht bei „Null“ angefangen. Sie konnte auf einem breiten Fundus an Wissen, Techniken und Strukturen aufbauen, der über Jahre hinweg erarbeitet wurde. Seit 2006 investiert mein Ministerium in die Forschung rund um Coronaviren. Nach Ausbruch der Pandemie haben wir die Impfstoffentwicklung durch ein Sonderprogramm mit bis zu 750 Millionen Euro beschleunigt. Wir fördern drei Unternehmen, die bei der Entwicklung eines Impfstoffs auf unterschiedliche Technologien setzen: BioNTech, CureVac und IDT Biologika.

Doch auch wenn wir jetzt mehrere Impfstoffe haben, werden wir noch längere Zeit mit dem Coronavirus leben müssen. Daher brauchen wir Therapien und Medikamente. Das Bundesforschungsministerium fördert diese Medikamentenforschung seit März 2020. Um sie weiter zu stärken, haben wir Anfang Januar 2021 einen zusätzlichen Förderaufruf gestartet. Damit werden wir künftig auch klinische Testphasen und weitere Schritte der Produktentwicklung unterstützen. Dabei stehen Sicherheit und Wirksamkeit neuer Therapeutika im Fokus.

 

Der Sprung vom Labor in die Wirtschaft

Covid-19 steht im Moment naturgemäß im Zentrum der Aufmerksamkeit. Doch dies ist längst nicht die einzige Gefahr für die weltweite Gesundheitssituation. Der starke Rückgang neu zugelassener Arzneimittel gegen Infektionskrankheiten und die zunehmende Resistenzentwicklung von Krankheitserregern sind ebenfalls bedrohlich. Deshalb haben wir 2017 die „Nationale Wirkstoffinitiative“ ins Leben gerufen. Sie soll die Arzneimittelentwicklung unterstützen und möglich machen, dass innovative Behandlungsmöglichkeiten noch schneller zu den Patientinnen und Patienten gebracht werden. Es geht darum, universitäre und außeruniversitäre Forschung sowie die Privatwirtschaft zusammen zu bringen. Das ist die Grundlage für einen erfolgreichen Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die medizinische Praxis.

Wenn Forschende zu Unternehmerinnen und Unternehmern werden, und wenn dadurch aus wissenschaftlichen Erkenntnissen Therapien und Medikamente entstehen, kann Patienten schneller geholfen werden. Auch hier unterstützt das Bundesforschungsministerium die Wissenschaftsteams. Seit dem Jahr 2005 fördert das BMBF Ausgründungen mit der Gründungsoffensive Biotechnologie. Das Ziel der Gründungsförderung ist es, den Weg zu bereiten für pilothafte und innovative Ansätze bis hin zur wirtschaftlichen Verwertung. Davon hat auch BioNTech profitiert.

 

Umfassender Ansatz für innovative Lösungen

Die globale Corona-Pandemie hat unsere Stärken, aber auch Schwächen offenbart. Um auf medizinische Herausforderungen künftig noch besser reagieren zu können, habe ich vorgeschlagen, in der pharmazeutischen Forschung und der Medikamentenentwicklung national und international neue Wege zu gehen. Gerade für Therapeutika und Impfstoffe, die für die öffentliche Gesundheit und die nationale Sicherheit von großer Bedeutung sind, steht der Staat in der Verantwortung. Deren Entwicklung kann nicht alleine den Pharma- und Biotechunternehmen überlassen werden.

Herausforderungen solcher Tragweite können wir auch nicht alleine auf nationaler Ebene angehen. Die Europäische Kommission will daher die „European Health Emergency Preparedness and Response Authority“, kurz HERA, ins Leben rufen. Sie soll in Zukunft bei schwerwiegenden und grenzüberschreitenden Gesundheitsbedrohungen Maßnahmen koodinieren. Wir unterstützen den Vorschlag, um für gesundheitliche Notlagen wie eine globale Pandemie strategisch vorzusorgen.

Pandemien machen nicht an Grenzen halt. Deswegen bündeln wir in Europa die Kräfte. Gemeinsam setzen wir die Kraft der Forschung, um die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger zu schützen.


© Observer Gesundheit


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