Konfessionszugehörigkeit wirkt sich auf die Strategieführung von freigemeinnützigen Krankenhäusern aus

Bei der medizinischen Ausrichtung verfolgen katholische Krankenhäuser eine Erweiterungsstrategie und evangelische Krankenhäuser eine Spezialisierungsstrategie



Wie viel Personal muss eingestellt werden, um die Patientennachfrage zu decken? In welchem Umfang sollte zukünftig in medizinische Fachbereiche investiert werden? Die Fragestellungen zur Strategieführung im Krankenhaussektor sind vielseitig und stets an die gesundheitspolitischen Entwicklungen anzupassen. Bestehende Wertvorstellungen in Organisationen können ebenfalls die unternehmerische Strategieführung lenken. Vor allem die Religion steht für ein grundlegendes Element jeder Kultur und kann nachweislich Organisationsmerkmale beeinträchtigen [1]. Der Einfluss von religiösen Wertvorstellungen auf die Strategieführung eines Krankenhauses wurde bislang jedoch nicht nähergehend untersucht.

Eine aktuelle deutsche Studie von Filistucchi und Prüfer [2] beleuchtet daher den Zusammenhang zwischen bestehenden Wertvorstellungen bei freigemeinnützigen Krankenhäusern und der organisationsspezifischen Strategieführung differenziert nach Religionszugehörigkeiten (d.h. katholisch oder evangelisch/protestantisch).

Entscheidungsträger im Krankenhaus können unterschiedliche Positionen einnehmen (z.B. Führungspositionen im Managementbereich). Bedingt durch die vorherrschenden Rahmenbedingungen sowie Unternehmensstruktur verfolgt ein freigemeinnütziger Entscheidungsträger kein profitmaximierendes Verhalten. Welche Zielsetzung steht dann bei der Entscheidungsfindung im Vordergrund? Hierfür wurden im Rahmen der Studie Ziele und Wertvorstellungen von freigemeinnützigen Entscheidungsträgern herausgearbeitet. An dieser Stelle ist es entscheidend, zu wissen, dass jeder Entscheidungsträger eine eigene Identität sowie Wertvorstellungen besitzt, die seine Beschlüsse beeinflussen. Wie oben bereits erwähnt, sind religiöse Wertvorstellungen ein entscheidender Faktor, wenn es um die Beeinträchtigung von Organisationsmerkmalen geht [1].

Die Wertvorstellungen von einem Entscheidungsträger hängen von der jeweiligen Unternehmensstruktur ab. Sofern die Organisation bspw. eine bestimmte Religionszugehörigkeit besitzt, kann diese eine Führungskraft einstellen, welche die gleichen Wertvorstellungen vertritt (z.B. durch die Loyalitätspflicht von Mitarbeitern bei religiös ausgerichteten Organisationen). Filistruchi und Prüfer [2] nehmen an, dass bedingt durch die Einstellungsverfahren von religiös-ausgerichteten Krankenhäusern Entscheidungsträger Ziele anstreben, die mit den religiösen Wertvorstellungen des entsprechenden freigemeinnützigen Krankenhauses im Einklang sind. Dadurch, dass Entscheidungsträger und damit auch das Krankenhaus dieselben Ziele und Wertvorstellungen teilen, wird eine einheitliche Strategie verfolgt.

Im Rahmen des methodischen Vorgehens wurden mittels einer Literaturanalyse erste sichtbare Eigenschaften von freigemeinnützigen Entscheidungsträgern herausgearbeitet. Durch die Betrachtung von Bildungsschwerpunkten und altruistischen Motiven wurden Ziele und Wertvorstellungen von Entscheidungsträgern abgeleitet, welche nach katholischer oder evangelischer Zugehörigkeit gruppiert wurden. Unter Altruismus ist uneigennütziges Verhalten zu verstehen. Basierend auf den differenzierten Zielen wurde ein Modell entwickelt, um strategische Entscheidungsfindungen gruppenspezifisch abzubilden.

Das Modell zur Vorhersage von messbaren Effekten des Glaubens auf die strategischen Entscheidungsfindungen bei freigemeinnützigen Krankenhäusern mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit wurde anschließend empirisch getestet. Hierfür wurden Daten aus den veröffentlichten Qualitätsberichten der Bundesgeschäftsstelle für Qualitätssicherung (2006 & 2008) und den erstellten Krankenhaus-Reports des Wissenschaftlichen Institutes der AOK (2007 & 2010) zusammengeführt. Katholische Krankenhäuser wurden als Mitglieder der Caritas berücksichtigt und evangelische Krankenhäuser als Mitglieder des Diakonischen Werks, die verschiedene Versorgungsstufen innehatten. Krankenhäuser, die anderen sozialen Zugehörigkeiten zuzuordnen sind, wurden in der Analyse nicht betrachtet.

Im Folgenden werden ausgewählte Hypothesen der Studie hinsichtlich ihrer Richtigkeit basierend auf der empirischen Datenlage dargestellt.

 

Patientenanzahl, Fallschwere & Umsätze

Sowohl der Katholizismus als auch der Protestantismus zeigen eine Wertschätzung gegenüber einem altruistischen Verhalten.

Ein Protestant verfolgt hierbei einen individualistischen Ansatz, bei dem die Beziehung zwischen dem Gläubigen und Gott zentral positioniert und vom sozialen Umfeld abstrahiert wird. Für das Arbeitsumfeld bedeutet dies, dass von dem Protestant erwartet wird, jeden Menschen unter den gleichen Umständen gleich zu behandeln und dabei professionell und nicht emotional zu sein. Für den Krankenhauskontext resultiert hieraus, dass ein evangelischer Entscheidungsträger eine Balance wählen muss, die mit der Behandlung des Patienten und den damit verbundenen Kosten vereinbar ist. Bei der Behandlung steht der Patient als Individuum im Vordergrund. Mögliche Effekte einer Patientenbehandlung auf die Gemeinschaft werden nicht berücksichtigt.

Ein Katholik verfolgt hinsichtlich seines altruistischen Verhaltens einen Gemeinschaftsansatz, bei dem gemeinschaftliche Bindungen und Emotionen im Vordergrund stehen. Transferiert auf den Krankenhauskontext würde ein katholischer Entscheidungsträger nicht nur den alleinigen Effekt durch die Behandlung des Patienten berücksichtigen, sondern auch den Effekt der Patientenbehandlung für die Gemeinschaft.

Hypothese 1: Evangelische Krankenhäuser behandeln weniger Patienten als katholische Krankenhäuser.

Hypothese 1 konnte basierend auf dem empirischen Datensatz bestätigt werden. Begründen lässt sich diese wie folgt: Katholische Krankenhäuser neigen, bedingt durch den Gemeinschaftsansatz, zu einer höheren Leistungsintensität als evangelische Krankenhäuser. Durch eine höhere Leistungsintensität profitiert nicht nur der jeweilige Patient. Diese kann auch (bspw. bedingt durch positive Patientenkritik) dazu führen, dass andere Patienten Krankenhausleistungen in Anspruch nehmen. Durch die Behandlung von solchen zusätzlichen Patienten profitiert ein Krankenhaus. Katholische Krankenhäuser weisen somit einen positiven Nachfrageeffekt (d.h. eine erhöhte Patientenanzahl) für die Versorgung einer Gemeinschaft auf. Evangelische Krankenhäuser fokussieren bedingt durch den individualistischen Ansatz die Behandlung des gegenwärtigen Patienten mit dem Gedanken der produktiven Effizienz. Dadurch entsteht nicht wie bei katholischen Krankenhäusern eine übermäßige Leistungsintensität, allerdings auch kein erhöhter Patientenzuwachs.

Dadurch dass die evangelischen Krankenhäuser eine geringe Patientenanzahl aufweisen, ergibt sich für diese ein geringerer Umsatz als im Vergleich zu den katholischen Krankenhäusern mit einer höheren Fallzahl.

Hypothese 2: Der durchschnittliche Umsatz pro Patient ist bei evangelischen Krankenhäusern höher als bei katholischen Krankenhäusern.

Die Hypothese 2 wurde ebenfalls bestätigt. Anhand der empirischen Daten konnte gezeigt werden, dass evangelische Krankenhäuser Patienten mit einer höheren Fallschwere betreuen. Diese komplexeren Behandlungen werden entsprechend höher vergütet als Behandlungen von Patienten mit einer niedrigen Fallschwere. Dadurch dass die katholischen Krankenhäuser primär Patienten mit einer niedrigen Fallschwere behandeln, haben diese einen niedrigeren Umsatz pro Patient.

 

Medizinische Ausrichtung, Personalbesetzung & steigender Wettbewerb

Hypothese 3: Evangelische Krankenhäuser beschäftigen mehr Ärzte pro Patient als katholische Krankenhäuser.

Resultierend aus den Erkenntnissen von Hypothese 2 wurde angenommen, dass evangelische Krankenhäuser durch komplexere Behandlungen mehr Ärzte pro Patient aufweisen als katholische Krankenhäuser. Die empirischen Daten konnten dies bestätigen, wobei keine nachweislichen Unterschiede bei der Pflegepersonalanzahl pro Patient zwischen katholischen und evangelischen Krankenhäusern festgestellt werden konnte.

Hypothese 4: Katholische Krankenhäuser bedienen mehr Behandlungsfelder bzw. medizinische Bereiche als evangelische Krankenhäuser.

Die Hypothese 4 konnte bestätigt werden. Katholische Krankenhäuser haben Patienten, die von gezielten Leistungen profitieren. Um das Leistungsspektrum zu erhöhen, bietet sich die Ausweitung der Behandlungsfelder an. Dadurch, dass katholische Krankenhäuser einen höheren Nutzen bei steigender Patientenzahl durch den Gemeinschaftsansatz haben (siehe Hypothese 1), erweitern diese ihre medizinischen Bereiche. Im Gegensatz dazu legen evangelische Krankenhäuser den Fokus auf die Spezialisierung von bestehenden Behandlungsbereichen mit dem Angebot von komplexeren Krankenhausleistungen.

 Hypothese 5: Sobald der Wettbewerb ansteigt, erhöhen sich auch die Gesamtumsätze.

Als Maß für den Wettbewerbsdruck wurde die geografische Entfernung zum nächsten Krankenhaus verwendet. Hierbei musste es sich nicht um ein freigemeinnütziges Krankenhaus handeln. Je kleiner die Distanz unter den Krankenhäusern, umso größer ist der Wettbewerb. Mit zunehmendem Wettbewerb steigt die krankenhausindividuelle Summe der Fallschwere (d.h. Casemix) im Durchschnitt und damit auch die Umsätze. Bei den evangelischen Krankenhäusern ist jedoch ein niedrigerer Casemix-Zuwachs im Vergleich zu den katholischen Krankenhäusern zu beobachten. Der Effekt verstärkt sich bei steigendem Wettbewerb.

 

Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis?

Die Religion repräsentiert einen entscheidenden Faktor von menschlicher Kultur, wobei die Kultur unsere Wertvorstellungen formt [3]. Wertvorstellungen von freigemeinnützigen Entscheidungsträgern, die von entsprechenden Arbeitgebern erwartet werden, beeinflussen das strategische Handeln eines Unternehmens. Durch eine Differenzierung nach Konfessionen konnten erstmalig messbare Effekte des Glaubens für die Unternehmensstrategie freigemeinnütziger Krankenhäuser vorhergesagt werden.

Der Glaube von Entscheidungsträgern und von dessen Arbeitgebern beeinflusst die strategischen Aktivitäten im Unternehmen. Katholische Krankenhäuser verfolgen eine Strategie, die eine Maximierung der Patientenzahlen sowie eine Erweiterung der medizinischen Bereiche beabsichtigt. Evangelische Krankenhäuser verfolgen eine Spezialisierung von bestehenden medizinischen Bereichen durch die Anwendung von komplexeren Krankenhausleistungen. Dies erfordert einen höheren ärztlichen Personalbestand. Die Effekte verstärken sich bei steigendem Wettbewerb.

 

  1. Boone, C., A. Brouwer, J. Jacobs, A. van Witteloostuijn, and M. de Zwaan, Religious Pluralism and Organizational Diversity: An Empirical Test in the City of Zwolle, the Netherlands, 1851-1914. Sociology of Religion, 2012. 73(2): p. 150-173.
  2. Filistrucchi, L. and J. Prüfer, Faithful Strategies: How Religion Shapes Nonprofit Management. Management Science, 2019. 65(1): p. 188-208.
  3. Barro, R.J. and R.M. McCleary, Which countries have state religions? Quarterly Journal of Economics, 2005. 120(4): p. 1331-1370.

 

Redaktion / Ines Niehaus


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