Kann Betriebliche Gesundheitsförderung die Attraktivität der Gesundheitsberufe steigern?

Prof. Dr. Eva Susanne Dietrich

Dringend mehr Menschen in den Pflegeberuf bringen. Das forderte Nicole Westig, MdB und Sprecherin für Pflegepolitik der FDP-Fraktion, in ihrem Observer-Gesundheit-Kommentar vom 8. März 2018. Doch die zentrale Frage ist, wie die Arbeitsbedingungen in der Pflege attraktiver gestaltet werden können. Eine intensivierte und evidenzbasierte Betriebliche Gesundheitsförderung würde einen wertvollen Beitrag leisten.

Es klingt schon fast wie ein Mantra: Die Arbeit in den Gesundheitsberufen ist stressig. Ständiger Zeitdruck, große Verantwortung und hohe körperliche Belastung können krank machen. Hinzu kommen oft fehlende Wertschätzung und zunehmende Bürokratie. Die Folge sind eine unzureichende Attraktivität der Gesundheitsberufe, Pflegenotstand und Ärztemangel. Das Problem ist in vielen Ländern bekannt. Schweden versuchte, es mit Einführung eines „6-Stunden-Tages“ (bei vollem Lohnausgleich) zu lösen. In der viel beachteten zweijährigen Pilotstudie in einem staatlichen Altenheim fühlten sich die Arbeitnehmer zwar gesünder und glücklicher, doch der Personalbestand musste dazu um knapp 30 Prozent angehoben werden. Gleichzeitig sank die Krankenrate um lediglich 0,6 Prozent.[1]

Wenn nun eine radikale Änderung der Arbeitsbedingungen nicht wirkt oder möglich ist, so helfen möglicherweise viele kleine weiter. Dieses Ziel verfolgt die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF). BGF ist ein Bestandteil des Betrieblichen Gesundheitsmanagements und steht neben anderen Maßnahmen wie Arbeits- und Gesundheitsschutz. Sie ist für den Arbeitgeber jedoch freiwillig.

 

Der hohe Bedarf an BGF im Gesundheitswesen liegt auf der Hand

Mehr als fünf Millionen Menschen arbeiten im Gesundheitswesen. Drei Viertel davon sind in ambulanten bzw. stationären Einrichtungen der Gesundheitsversorgung tätig. Der häufigste Grund für Stress sind nach der TK-Stressstudie von 2016 Job beziehungsweise Ausbildung. Knapp die Hälfte der Befragten (n=1.200) fühlte sich durch Schule, Studium und Beruf belastet.[2] Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin analysierte, was konkret bei der Arbeit stresst. In der Gesamtstichprobe (n=17.562) wurden dabei am häufigsten Multitasking, Termin- und Leistungsdruck, ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge und Arbeitsunterbrechungen genannt. Vergleicht man die Branchen, so stehen die Gesundheitsberufe (n=1.066) beim Termin- und Leistungsdruck an erster Stelle. Beim Multitasking rangieren sie knapp hinter Ingenieuren, Chemikern, Physikern, Mathematikern und Erziehungsberufen.[3]

Mitarbeiter in Gesundheitsberufen berichten außerdem über das größte Maß an quantitativer Überforderung. In der Folge liegen in diesen Berufen auch alle Werte zu Beanspruchungs- und Stressfolgen über dem Schnitt. Besonders auffallend sind dabei die hohen Prozentsätze für körperliche und emotionale Erschöpfung.[3] Eine aktuelle Studie des BKK Dachverbandes (n=2.000) untermauert diese Zahlen. Mehr als ein Drittel der Beschäftigten in Heimen bewerten ihre Arbeitsfähigkeit als mäßig bzw. schlecht – darunter in besonderem Maße Teilzeitkräfte. Keine andere Branche weist schlechtere Werte auf.[4] Der unbefriedigende Gesundheitszustand resultiert in häufige Krankmeldungen. Beschäftigte im Gesundheitswesen liegen knapp hinter denen in Verkehr, Lagerei und Kurierdiensten (Basis: DAK-Versicherte; n=2,6 Mio.).[5]

Mit über 25 Fehltagen liegen dabei weibliche Beschäftigte in Altenheimen an der Spitze, und sie befinden sich um 13 Tage über dem Schnitt aller Versicherten. Mit 20 Tagen folgen Beschäftigte in der Gesundheits- und Krankenpflege, Geburtshilfe und im Rettungsdienst. Gründe für die Arbeitsunfähigkeit sind überwiegend Muskel- und Skeletterkrankungen sowie psychische Störungen (Basis: BKK-Versicherte; n=4,4 Mio.).[4] Nach Bewertung von Krankenkassen sind diese Probleme recht gut mit Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung anzugehen.

 

Wird BGF auch umgesetzt?

Wie eine Umfrage des BKK Dachverbandes zeigt, wird BGF von vielen Berufsgruppen als sehr wichtig erachtet. Nahezu zwei Drittel der Beschäftigten in der Gesundheits- und Krankenpflege geben an, dass in ihren Betrieben BGF angeboten wird. Sechs von zehn Beschäftigten nutzen diese Angebote auch. Anders jedoch in der Altenpflege. Dort wird bei nicht einmal der Hälfte der Unternehmen überhaupt BGF angeboten. Sofern es BGF gibt, nehmen jedoch 80 Prozent der Beschäftigten daran teil. Der Bedarf ist demnach hoch.[4]

 

Welche Maßnahmen können in Organisationen des Gesundheitswesens eingesetzt werden?

Das Bundesgesundheitsministerium hat hierzu eine sehr überschaubare Liste mit möglichen Maßnahmen zusammengestellt.[6] Aus der Praxis schildern Krankenkassen und Landesministerien jedoch diverse Beispiele, die Betrieben Anregungen geben und zur Implementierung von BGF animieren sollen.  Offen bleibt bei den Berichten die Frage, wie groß die Effekte der Projekte tatsächlich waren. „Durch das bedarfsgerechte Vorgehen konnte eine durchgängig positive Resonanz der Mitarbeiter erreicht werden. Die Hälfte der 400 Mitarbeiter wurde durch das vielfältige und flexibel nutzbare Angebot öfters gesundheitlich aktiv. Gestiegene Sensibilität für das Thema auf Entscheiderebene.“ Aussagen wie diese helfen bei Investitionsentscheidungen nur bedingt weiter.

Es existieren jedoch durchaus Evaluationen von BGF-Maßnahmen – häufig sogar randomisiert, allerdings meist aus internationalen Settings. Die Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) gab hierzu eine umfassende systematische Literaturrecherche in Auftrag. Diese identifizierte für den Untersuchungszeitraum 2006 bis 2012 insgesamt 74 Reviews und Metaanalysen, welche die Ergebnisse von beinahe 2000 Einzelstudien auswerteten. Evidenz und positive Ergebnisse gab es beispielsweise für Mehrkomponentenprogramme zur Gewichtsreduktion oder Raucherentwöhnung. Für Alkoholprävention, Gesundheitszirkel oder partizipative Maßnahme war die Datenlage jedoch beschränkt.

In den meisten Studien waren auch Gesundheitsberufe vertreten. Fünf der Reviews fokussierten ausschließlich auf Beschäftigte im Gesundheitswesen. Drei Arbeiten fassten Studien zu Stress, Burn-Out und Depressionen zusammen, zwei weitere betrachteten Studien zu Muskel-Skelett-Beschwerden. Zu den psychischen Beeinträchtigungen lag begrenzte Evidenz vor. Für die physischen Symptome wurde die Evidenz als nicht ausreichend bewertet.[7]

Ein weiterer systematischer Review untersuchte im Auftrag des Deutschen Institutes für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), welche BGF-Maßnahmen die Arbeitsfähigkeit des Pflegepersonals aufrechterhalten können. In elf Studien und zwei Übersichtsarbeiten wurden diverse Maßnahmen zur Verbesserung der psychischen und physischen Gesundheit untersucht, wie Koordinations-, Kraft- und Dehnübungen, Aerobic, Schulungen zu Körpermotorik und Umgang mit Stress oder Förderung von Erfahrungsaustausch zwischen Mitarbeitern. Die Effekte wurden als weitgehend günstig beschrieben. Es kam zu einer Verbesserung von Kraft und Beweglichkeit, einer verbesserten Kommunikationsfähigkeit, einer positiveren Einstellung gegenüber Krebserkrankungen, Patienten, Kollegen und sich selbst, oder der Konsum von Analgetika sank.

Die Autoren wiesen jedoch darauf hin, dass die überwiegend kleinen bis sehr kleinen Populationen, das hohe Verzerrungspotenzial und eine schlechte Berichtsqualität die Aussagekraft der Studienergebnisse stark einschränken. Ein Vergleich der Resultate war aufgrund der sehr unterschiedlichen Interventionen, Studiendauern und Studienpopulationen nicht möglich. Auch wurden Partizipation und Empowerment von Pflegenden in den Studien praktisch gar nicht untersucht.[8]

 

Fazit: Der Bedarf an BGF, neuen Ansätzen sowie hochwertigen Evaluationen ist hoch

Beschäftigte in Gesundheitsberufen fühlen sich mehr belastet als andere Berufsgruppen und sind häufiger krank. In den meisten Krankenhäusern und Pflegeheimen werden BGF-Maßnahmen bereits angeboten und auch genutzt. Altenheime haben hier noch Nachholbedarf.

Evaluationen zu den Effekten der Maßnahmen sind häufig von geringer Qualität oder gar nicht bzw. nur für einzelne Frühindikatoren verfügbar. Dies erschwert die Abschätzung des Nutzens der Maßnahmen. Außerdem sind Empowerment und andere vieldiskutierte Maßnahmen noch unzureichend untersucht, was auf eine geringe systematische Implementierung hindeuten kann. Für den akademischen Nachwuchs in der Pflege findet sich damit ein wichtiges wissenschaftliches Betätigungsfeld.

An Betriebe, insbesondere Altenheime, muss der Appell gehen, vermehrt BGF-Maßnahmen zu implementieren, und an Krankenkassen, Träger der Institutionen sowie duale und andere Hochschulen die Aufforderung, diese mit den gängigen Standards der evidenzbasierten Medizin zu evaluieren und die Ergebnisse auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

[1] Lorentzon, B. VD Pacta Guideline. 2017.

[2] Techniker Krankenkasse. Entspann dich, Deutschland – TK-Stressstudie 2016. 2016.

[3] Lohmann-Haislah, A. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Stressreport Deutschland 2012. Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden. 2012.

[4] Kliner, K. et al. BKK Gesundheitsatlas 2017. Gesundheit und Arbeit – Blickpunkt Gesundheitswesen. 2017.

[5] Marschall, J. et al. DAK Gesundheitsreport 2017 – Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. 2017.

[6] BMG. Gesundheitsförderung für Pflegekräfte: Wer pflegt die Pflege? Lösungsansatz: Betriebliche Gesundheitsförderung für Pflegekräfte. Praxisseiten Pflege 06/2017.

[7] Pieper, C. et al. Iga Report 28. Wirksamkeit und Nutzen betrieblicher Gesundheitsförderung und Prävention – Zusammenstellung der wissenschaftlichen Evidenz 2006 bis 2012. 2015.

[8] Buchberger B. et al. HTA-Bericht 114. Effektivität von Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit von Pflegepersonal. 2011.

 

Prof. Dr. Eva Susanne Dietrich

Institut für evidenzbasierte Positionierung im Gesundheitswesen, Bonn

 


© Observer Gesundheit


Alle Beiträge Management/Trends ansehen