Indien: Altern unter anderen Umständen

Martina Merten

Immer stärker rücken die Engpässe bei der Pflege in den medialen Mittelpunkt Deutschlands.  Dass es weitaus gravierende Zustände in der Altenversorgung gibt, zeigt ein Blick auf die inzwischen fünftgrößte Wirtschaftsmacht und zweitbevölkerungsreichste Nation der Welt: Indien.

Eigentlich ist es etwas Schönes: Die Lebenserwartung der Menschen rund um den Globus steigt. Allein hierzulande haben 17 Millionen Menschen in Deutschland das Alter von 65plus erreicht. Das sind 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Alten prägen das Alltagsbild. Und sie werden es noch in der Zukunft tun – denn die Geburtenraten (trotz leichter Steigerung in den letzten fünf Jahren) reichen nicht aus, um diesen Trend zu stoppen. Und gleichzeitig leben wir einfach länger.

Während hierzulande beinahe durchgehend die desolaten Bedingungen in der Pflege kritisiert werden, regelmäßig der Notstand ausgerufen wird und man eigentlich das Gefühl hat, lieber für immer jung bleiben zu wollen, herrscht die eigentliche Misere ganz woanders. In Indien, der inzwischen fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt, stehen alte Menschen vor wahren Herausforderungen. Derzeit haben dem dortigen Bevölkerungszensus zufolge rund 120 Millionen Inder das Alter 60plus erreicht. Bis 2050 werden es 320 Millionen Inder sein, schätzt das All India Institute of Medical Science (AIIMS) mit Sitz in Delhi. Das entspräche 25 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Das Problematische an dieser Entwicklung ist nicht die reine Verschiebung der Altersstruktur auf dem Subkontinent. Herausfordernd sind die mangelhaften Versorgungsstrukturen für alte Menschen. Denn staatliche Pflege- oder Altersheime gibt es in dem 1,3 Milliarden Menschen starken Land kaum. Die 214.000 Menschen, die nach Angaben der Nichtregierungsorganisation HelpAgeIndia in Altersheimen untergebracht sind, befinden sich überwiegend in so genannten charity homes, also in Wohltätigkeitseinrichtungen. Wobei das Wort Wohltätigkeit bei dem Anblick dieser Heime nicht zu passen scheint. Rechnet man die wenigen staatlichen Einrichtungen für alte Menschen mit ein, befinden sich in den vorhandenen Alters- und Pflegeheimen nur 51.000 Betten. Die meisten dieser Einrichtungen wurden im Süden Indiens errichtet, insbesondere in Bundesstaat Kerala, denn dort wird dem Thema bildungsbedingt eine höhere Priorität eingeräumt. Private Alters- und Pflegeheime, die ein wenig an westliche Standards erinnern, nehmen zwar anzahlmäßig zu. Sie versorgen derzeit rund zwei Prozent der Bevölkerung. Auch hat die Zahl privater ambulanter Pflegedienste zugenommen. Um sich einen solchen Dienst leisten zu können, sind rund 200 Euro im Monat zu zahlen. Soviel Geld haben Zweidrittel der Inder nicht.

Egal ob staatlich oder privat, Indien ist noch mit einem weiteren – Deutschland sehr vertrauten Problem – konfrontiert: Die Arbeit als Pflegekraft oder Altenpfleger, ob in einem Heim oder für einen ambulanten Dienst, hat in Indien kulturbedingt keinen guten Ruf. Es mangelt massiv an Menschen, die diesen Beruf ausüben wollen. Schließlich geht es auch um die körperliche Fürsorge – und die ist eigentlich Familienmitgliedern vorbehalten. Eine fremde Person will sich nur ungern um eine andere fremde Person kümmern, diese waschen, an- und ausziehen und dabei auch noch halbwegs liebevoll behandeln. Um überhaupt Pflegekräfte zu finden, müssen Betreiber von Pflegediensten in Gegenden suchen, in denen die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist. Dort sind Frauen noch gewillt, sich der Pflege unbekannter Menschen zu widmen.

Als würden diese Herausforderungen nicht schon reichen, steht der Subkontinent aber noch vor einem weiteren, gravierenden Problem, das Deutschland eher fremd ist: Es fehlen Geriater. Jedes Jahr können an den vier Medizinischen Hochschulen, die einen Lehrstuhl für Geriatrie haben, nur acht Personen zum Facharzt für Geriatrie ausgebildet werden. Über den Subkontinent verteilt gibt es lediglich sechs Professuren für Geriatrie. Es mangelt den Lehrstühlen zudem an Lehrkräften, die zum Geriater ausbilden können – es gibt also keine Trainer für die Trainer. Die Ärztekammer Indiens wünscht, dass jede Medizinische Fachhochschule in Indien über eine Abteilung für Geriatrie verfügt – doch dafür wären 1.500 zusätzliche Lehrkräfte notwendig. Diese gibt es nicht. Neben dem klassischen universitären Weg existiert noch die Möglichkeit, an privaten Instituten ein einjähriges Training zum Geriater zu absolvieren. Acht Institute bieten dies an. 100 Absolventen schreiben sich jedes Jahr dafür ein. Über das Niveau dieses einjährigen Ausbildungsganges darf aber nur spekuliert werden. Die wenigen echten Geriater in Indien halten es für fragwürdig.

Besonders schwierig wird es dann, wenn alte Menschen an Erkrankungen leiden, für die es wirklich Expertenwissen bedarf, so Demenz. Derzeit leiden der Alzheimer and Related Disorder Society India (ARDSI) zufolge drei bis vier Prozent der Alten an Demenz. Täglich kämen um die 2.000 neue Fälle landesweit hinzu. Wer ausreichend Geld hat, kann seine Angehörigen in eine der elf privaten Demenz-Einrichtungen des ARDSI geben. Dort arbeiten Pflegekräfte, die für den Umgang mit Demenzerkrankungen geschult worden sind. Darüber hinaus bietet die NGO eine Hotline an, damit überforderte Angehörige von Demenzpatienten erste Anweisungen für den Umgang erhalten können. Doch was sind diese wenigen Einrichtungen gemessen an der Gesamtzahl dementer Patienten?

Zu dem Mangel an Ärzten und Pflegekräften gesellt sich ein grundsätzliches Problem für Senioren, das in Deutschland jenseits jeglicher Vorstellungen ist: Die allermeisten Senioren verfügen über keinerlei soziale Absicherung im Alter, sei es eine Art Rente oder eine Kranken- oder gar Pflegeversicherung. Nach Angaben von HelpAgeIndia sind nur rund zehn Prozent aller Inder im Besitz einer Rente (Old Age Pension Scheme). Eine spezielle Rente für jene, die unterhalb der Armutsgrenze leben müssen, wurde 2011 als Indira Gandhi National Old Age Pension Scheme eingeführt. Wer für die Rente eingeschrieben ist, erhält pro Monat 2,50 Euro. Die fehlende Absicherung im Alter führt dazu, dass viele alte Menschen in Indien weiterhin arbeiten müssen, soweit sie dies noch können. Auf dem Land sind dies beinahe 70 Prozent der Männer jenseits der 65plus, und knapp 30 Prozent der Frauen. In den Städten sind es immerhin noch rund 50 Prozent der Männer und elf Prozent der Frauen. Ein Ausruhen zum Lebensabend gibt es für sie nicht. Wer alt ist, sollte besser funktionieren. Wenn es ihm nicht möglich ist, kann es problematisch werden. Einer Studie von HelpAge India zufolge wird jeder zweite alte Mensch in Indien auf die ein oder andere Weise missbraucht – sei es durch Worte, durch Schläge oder durch Essensentzug. Rund jeder zehnte Senior leidet unter Depressionen. Frauen, die verwitwet sind, sind noch häufiger davon betroffen.

Das Thema Altern und Altersversorgung ist auf der politischen Agenda der indischen Regierung durchaus angekommen. So gab es beispielsweise bereits 2007 ein Gesetz, nachdem in jedem indischen Bezirk ein Altersheim sein soll, das Kapazitäten für mindestens 150 Personen hat. Darüber hinaus fokussierte sich ein weiterer Gesetzesentwurf aus dem Jahre 2011 auf ein so genanntes age friendly environment. Darunter zusammengefasst waren Bereiche wie Sicherung des Einkommens alter Menschen, Krankenversicherung,  Sozialhilfe und Behausung. Ein Großteil der Inhalte dieser Gesetze wurde bislang nicht umgesetzt. In einem Land so groß wie Indien dauert alles lange. Hierzulande unvorstellbar.

 

Martina Merten

Fachjournalistin für Gesundheitspolitik, Berlin
www.martina-merten.com


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