Hinreißende Digitalisierung ahead!

AOK Plus verkennt den Unterschied von GKV und PKV

Dr. Robert Paquet

Eigentlich ist es ein eher kleiner Anlass. Die von der AOK PLUS unterstützte Trendstudie 2bAHEAD sollte mit dieser Besprechung nicht aufgewertet werden. Es ist jedoch etwas Exemplarisches daran. Erstens zeigt sich, dass auch gesetzliche Krankenkassen vor Big Data-Trunkenheit nicht gefeit sind. Zweitens blenden solche Zukunftsphantasien oft die sozial Schwachen aus. Drittens hat die Sozialversicherung bei den Fortschrittsgläubigen keinen guten Stand. – Die „Zukunft der Krankenversicherungen“ wird hier als Abziehbild der PKV-Neugründung „ottonova AG“ beschrieben (vgl. den Management-Trendbeitrag vom 12.3.2018 hier im Observer Gesundheit). Ist der neue Star der privaten Krankenversicherung das Leitbild der AOK PLUS?

 

1. Die Trendstudie

Zu berichten ist über eine „Trendstudie“ des 2bAHEAD Think Tanks (Leipzig) zur „Zukunft der Krankenversicherungen – Wie Krankenkassen und Versicherer die Kundenbedürfnisse an individuelle und prädiktive Gesundheitsförderung erfüllen“ (veröffentlicht am 16.1.2018). Autoren sind Michael Carl und Kai Gondlach, beide aus der strategischen Unternehmensberatung und mit journalistischem Hintergrund. Der Think Tank versteht sich als Unternehmensberatung: „Zu unseren Erkenntnissen gelangen wir unter Anwendung unterschiedlicher wissenschaftlicher Methoden. Dazu gehören unter anderem die aus der Zukunftsforschung stammende Delphi-Methode und die Szenario-Technik, als auch unsere exklusive Trendcycle-Methode.“

Aufgrund unserer Kooperation mit der AOK PLUS ist diese Trendstudie für Sie kostenlos und darf frei verteilt und vervielfältigt werden.“ Sie kann heruntergeladen werden von https://www.zukunft.business/forschung/trendstudien/trendstudie/trendstudie-die-zukunft-der-krankenversicherungen/; dort muss man allerdings seine Adresse hinterlassen. Warum die Kooperation mit der AOK etwas irritiert und dass von „Krankenkassen“ eigentlich nicht die Rede ist, merkt man beim Lesen erst allmählich.

Was sind die Kernprognosen der Studie bis 2030:

  • Das traditionelle Verhältnis der Akteure in der Gesundheitswirtschaft wird durch eine immer individuellere Medizin und die Möglichkeiten der Digitalisierung auf eine neue Grundlage gestellt.
  • Versicherte und Patienten werden zu „Gesundheitskunden“. Sie erwarten jederzeit eine präzise und differenzierte Bestimmung ihres aktuellen und zukünftigen Gesundheitszustandes.
  • Gesundheit ist kein Zufall: Die Gesundheitskunden der Zukunft messen die Leistungsfähigkeit ihrer Gesundheitsanbieter an deren Prognosekompetenz.
  • Nicht der einzelne Mediziner, sondern intelligente Software und neuronale Netzwerke übersetzen die Körperdaten der Gesundheitskunden in konkrete Handlungsempfehlungen – für die Versicherten selbst, Mediziner, Apotheker, Nahrungsmittelhersteller.
  • Die Gesundheitsförderer (bzw. Krankenversicherungen) werden vermehrt Leistungs- und Körperoptimierung sowie Lebensverlängerung in ihr Leistungsportfolio aufnehmen.
  • Krankenversicherungen werden zu „prädiktiven Gesundheitsförderern“.

Der Wandel habe bereits begonnen: „Die Branche steht kurz vor einem grundlegenden Innovationsschub“, erklärte Kai Gondlach, einer der Autoren, bei der Vorstellung der Studie.

Die vorstehenden Erkenntnisse wurden mit einer „Trendcycle-Analyse“ gewonnen. Dabei handelt es sich (nach 2bAHEAD) um ein qualitatives Forschungsinstrument, mit dem die „trendprägenden Unternehmen und Akteure“ befragt werden, „die mit ihren heutigen Entscheidungen bereits jene Technologien und Trends treiben, die in Zukunft auf uns alle zukommen.“ (S. 7). ‚Cycle‘ bedeutet dabei, dass die 21 ausgewählten Experten in zwei Wellen befragt werden: „Während in der ersten Befragungswelle die Experten einzeln und individuell um ihre Einschätzung zu bestimmten Thesen entlang eines leitfadengestützten Experteninterviews gebeten werden, bekommen sie in der zweiten Befragungsrunde die aggregierten Ergebnisse der vorhergehenden Runde mitgeteilt.“ Den Experten ist dann freigestellt, ob sie ihre Einschätzungen verändern oder beibehalten. (S. 41).

Ziel der Prognose ist das Jahr 2030. Beschrieben werden Veränderungen in drei Bereichen: Erstens, im Verständnis von Gesundheit und Medizin, zweitens bei den Rollenbildern von Gesundheitskunden, Ärzten und Versicherern sowie drittens im Verständnis des Versicherungsmarktes (von der Schadensbearbeitung bis zur Gesundheitsförderung).

 

2. Gesundheit und Medizin

Schon 2030 werde die Digitalisierung das Verständnis von Gesundheit und Medizin völlig umgekrempelt haben. Die individualisierte Medizin werde den „Fokus von Heilung zu Optimierung verschieben“. „Durchschnittlich wird ein in Deutschland lebender Mensch im Jahr 2030 mehr als 100 smarte Sensoren in seinem Alltag nutzen, selbstverständlich oft unbewusst.“ (S. 11). „Gesundheit findet nicht mehr exklusiv im Arztzimmer, der Klinik oder der Pflegeeinrichtung statt – sie ist allgegenwärtig und wird überall zum wahrnehmbaren Konsumgut.“ (S. 12). Die digitalen Assistenten der Gesundheitskunden messen täglich den „individuellen Gesundheitsindex“ und informieren sie exakt über ihr „Wohlsein“.

Gemessen werden durch die Sensoren Verhaltensdaten wie Bewegung, Ernährung, „Schlafeffizienz“ etc., die durch smarte Geräte „in Echtzeit“ (siehe Internet der Dinge) an die künftig „Gesundheitsförderer“ genannten Krankenversicherungen weitergeitet werden. Diese „überwachen kontinuierlich den aktuellen Gesundheitszustand und handeln vor dem Eintreten einer absehbaren Erkrankung.“ (S. 13). Für solche Präventionsleistungen ihrer Versicherungen werden die Kunden zunehmen bereit sein, mit ihren Gen-Informationen und Gesundheitsdaten zu „bezahlen“. „Je mehr über die Zusammenhänge menschlichen Verhaltens mit Krankheiten bekannt wird, desto mehr etabliert sich ein kollektives Gesundheitsverständnis von Krankheiten als Folge menschlichen Fehlverhaltens. Überspitzt ausgedrückt: Wer an einer gewöhnlichen Krankheit stirbt, ist Kunstopfer fehlgeleiteter Behandlung durch inkompetente Mediziner.“ (S. 15).

 

3. Neue Rollen

Die Versicherten werden zu Gesundheitsoptimierern, die von Ärzten und Versicherungen entsprechende Unterstützung verlangen. „Mediziner entwickeln sich in der digitalisierten Ära zu Coaches und Versicherungen werden zu Ermöglichern von Gesundheit.“ (S. 21). – Konzentrieren wir uns hier nur auf die Versicherungen: „Individualisierte Medizin und neue, digital starke Wettbewerber führen weg vom Massengeschäft hin zu adaptiven Versicherungsprodukten – zu Tarifen, die hochgradig individualisiert und zusätzlich situativ anpassbar sind.“ (S. 22).

Hier ist zu erklären, was „adaptive Versicherungsprodukte“ im Sinne der Autoren sein sollen: Man stelle sich z.B. einen KfZ-Versicherungstarif vor, der mit dem GPS des Fahrzeugs und einer Fahrer-bezogenen PIN gekoppelt ist. Der Tarif „adaptiert“ sich je nach dem, wie die Zahl der gefahrenen Kilometer und die Fahrweise gemessen (und bewertet) werden. Wenn wenig gefahren wird, bestimmte Geschwindigkeiten nicht überschritten werden, selten Mitfahrer dabei sind und nur in „guten“ Straßen geparkt wird, gibt das System einen automatischen Rabatt. Bei Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit gibt es dagegen teure Maluspunkte. Und so weiter.

Ansonsten wird – zutreffend – darauf aufmerksam gemacht, dass auch die Wahl von Versicherungsunternehmen und einzelner ihrer Produkte dazu dienen können, „Identität auszudrücken“, d.h. bestimmte Distinktionsgewinne zu erleben. „Für eine hohe Passgenauigkeit des Produkts sind die Kunden bereit, ihr Verhalten zu tracken und den elektronischen Risikoassistenten des Anbieters in ihren digitalen Assistenten zu integrieren.“ (S. 25). Die „Digital Natives“ erwarten angeblich solche „digitalen Geschäftsmodelle“. „Einkommensschwache, analog Geprägte bleiben bei der klassischen Kasse.“ (S. 26). Die Gesundheitskunden „erwarten Unterstützung nicht nur im Krankheitsfall, sondern in allen Phasen der Lebensführung“. (S. 27). Die „Aufgabe der Versicherer“ sei es künftig, „der Ermöglicher des Gesundheitskunden bei der Verbesserung seines Wohlbefindens zu sein. Dabei übernimmt der Versicherer vor allem das Management der Gesundheitsdaten“. (S. 28) Und empfiehlt ggf. den „am besten qualifizierten Facharzt“ etc.

Spätestens an dieser Stelle wird man gewahr, dass es hier nur um die private Krankenversicherung gehen kann. Die ganzen Überlegungen gehen von der Segmentierung der Versicherten aus und zielen auf eine Optimierung der Risikoäquivalenz. Mit Sozialversicherung und Solidarität hat das nichts zu tun. Außerdem muss man (leider) für die GKV in Deutschland feststellen, dass der Stand des Datenschutzes und die Verrechtlichung der Leistungsansprüche derzeit weder eine wirklich individuelle Beratung der Versicherten durch ihre Kassen (oder gar die Empfehlung ganz bestimmter Leistungsanbieter) zulassen, noch eine individuell abgestimmte Leistungsgewährung.

Gleichzeitig hat die hier gepriesene vollständige und alleinige Verfügung der Versicherten über ihre Gesundheitsdaten (Gesundheitsakte) auch eine problematische Seite: Die unterstellte Reichweite des Datenzugriffs durch die Versicherungen macht bereits Bauchschmerzen. Schon bei Sozialversicherungen würde dafür heute wohl das Vertrauen der Bevölkerung nicht ausreichen. Bei privaten Versicherungsunternehmen müsste das erst recht gelten. Man fragt sich unwillkürlich, ob man die Versicherten nicht vor sich selber schützen muss.

Zweifellos ist der gegenwärtige Stand, dass ein Versicherter (demnächst) nur unter Aufsicht seines Arztes (Zwei-Schlüssel-Prinzip) seine GKV-Behandlungsdaten einsehen kann, eine unhaltbare patriarchalische Konstruktion. Die in der Studie aber unterstellte vollständige Freiheit führt dazu, dass niemand die Versicherten daran hindern kann, diese Daten – ggf. zu ihrem Schaden – auch Dritten zur Verfügung zu stellen. Das könnten Arbeitgeber sein, auch wenn man gesetzlich verbieten würde, dass sie danach fragen dürfen. Wenn Versicherte diese Informationen freiwillig anbieten, hat der Staat keinen Einfluss mehr. Es könnten aber auch etwa Gesundheits-Coaching-Firmen sein (hinter denen z.B. die Pharmaindustrie oder Nahrungsmittelkonzerne stehen) oder Versicherungsunternehmen, die „adaptive“ Zusatzversicherungen verkaufen wollen.

Reicht die „Souveränität“ der Versicherten (und ihre Kompetenz) die Chancen und Risiken dieser vollständigen Datenherrschaft abzuwägen? Dass die Unternehmen die „Daten nur zum Nutzen des Kunden nutzen“ und „keine unerwünschte, kommerzielle Nutzung“ stattfindet, so wie es von 2bAHEAD als „New Privacy by Design“ versprochen wird, kann im Moment niemand garantieren.

 

4. Daten als Treibstoff für einen veränderten Versicherungsmarkt

Wenn sich die Schadensversicherung zur prädiktiven Gesundheitsförderung wandelt, sind die Daten des Kunden „der wertvollste Rohstoff für die Gesundheitsförderung. In Zukunft werden Kunden ihre Daten aus eigenem Interesse bereitwillig teilen – insbesondere ältere Menschen profitieren von dieser Datenfreigabe.“ (S. 29). „Krankenversicherer wissen durch Wearables und vernetzte Wohn- und Mobilitätswelten, wie häufig ein Gesundheitskunde Sport treibt, was er isst, wo er sich aufhält. Dieser größere Fundus bildet nicht nur die Grundlage für ein umfassendes Bild über den Gesundheitszustand des Kunden, sondern auch für eine prädiktive Gesundheitsversicherung. Zentrales Merkmal der Krankenversicherung von morgen ist ein aktives Management dieser Daten und die proaktive Generierung von Mehrwert für Gesundheitskunden. Sie spricht Empfehlungen zur Verbesserung des Wohlbefindens eines Gesundheitskunden aus, bevor dieser von der Notwendigkeit erfährt. Sie interpretiert die Vitalwerte und Diagnosen der Mediziner verständlich und berät in jeglichen Lebensphasen. Und sie treibt den Einsatz personalisierter Therapien.“ (S. 30).

So stellen sich die Autoren und Experten von 2bAHEAD die Zukunft von 2030 vor. Daran ist sicher richtig, dass in der privaten Versicherungswirtschaft ein Automatisierungs- und Technisierungsprozess bevorsteht (siehe S. 35), der die Arbeitsbedingungen völlig umwälzen und die erforderlichen Arbeitsplätze massiv reduzieren wird. (Ein Prozess, den die GKV zum großen Teil bereits hinter sich hat.) Dass sich aber ausgerechnet die PKV zur probaten Gesundheits- und Lebensberatungsagentur für ihre Versicherten entwickeln wird, ist eine überaus optimistische Annahme.

 

5. PKV versus Sozialversicherung

Übergehen wir die „Strategieempfehlungen“ der Studie, die vor allem auf die Selbstanpreisung der Beratungskompetenz von 2bAHEAD hinauslaufen. Betrachten wir stattdessen die 21 „Experten“, die das Unternehmen an der Spitze des Fortschritts sieht und deshalb interviewt hat. Dabei sind vier Vertreter der privaten Krankenversicherung, darunter einer aus der Schweiz und gleich zwei von der im Jahr 2017 neugegründeten PKV „ottonova AG“ mit Sitz in München. Diese vier sind besonders beliebt bei den Autoren, wie an der Häufigkeit ihrer Zitate zu sehen ist. Die gesetzliche Krankenversicherung ist dagegen überhaupt nicht gefragt worden. Weiter kommen spezialisierte Mediziner, Software-Spezialisten und Entwickler von avancierten technischen Lösungen für das Gesundheitswesen vor (Sensomotorik, Smart Home, künstliche Organe aus dem 3-D-Drucker etc.). Die Schlagseite zur PKV und das völlige Ausblenden der Sozialversicherung in der Studie sind damit zu erklären.

Warum sich allerdings die AOK PLUS gerade diese Studie zu Eigen macht, erklärt auch das „Schlusswort“ ihres Vorstandsmitglieds Dr. Stefan Knupfer nicht. Dass die „digitale Transformation“ auch vor dem Gesundheitswesen „nicht haltmacht“, ist eine Binsenweisheit. Dass die AOK PLUS die Chancen von „Big Data“ nutzen will und Prävention fördert, ist gut und schön. Dass aber der „Solidargedanke“ hier beschworen wird, wo die Studie das genaue Gegenteil propagiert, ist fast zynisch oder mindestens verblendet. Vielleicht gibt es aber doch eine Brücke: „Unterstützt durch eine App können unsere Versicherten bereits heute von der Bonifizierung unterschiedlichster gesundheitsförderlicher Maßnahmen profitieren und ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen. Neben klassischen Präventionsmaßnahmen bildet die körperliche Ertüchtigung dabei eine zentrale Säule unseres digitalen Bonusprogrammes.“ (S. 39).

Gleichwohl beschäftigt sich die „Trendstudie“ im Kern nur mit der Zukunft von PKV-Unternehmen. Die Agentur 2bAHEAD will deren Risikoselektion und das Äquivalenzprinzip perfektionieren, verbunden mit der Totalüberwachung ihrer Versicherten: Danach ist jeder seines Glückes (und seiner Gesundheit) Schmied.

Gefahren dieser Entwicklung, wie sie immerhin der Ethikrat in seiner Stellungnahme zu Big Data gerade im Hinblick auf die Privatversicherungen sieht, kommen hier überhaupt nicht vor. Das „Recht auf Nicht-Wissen“ (z.B. über genetisch prädisponierte Krankheiten) kommt den Autoren und ihren Experten z.B. gar nicht in den Sinn. Hier wird nur spärlich verkleidet einer Erziehungsdiktatur das Wort geredet. Wer sich der Big-Brother-Vision der Autoren nicht unterwerfen will, gehört dann eben zu den „Einkommensarmen und analog Geprägten“. Die Armen und die Doofen müssen in den teureren Tarifen bleiben (S. 26). – Als Dystopie der Digitalisierung ist der Text tatsächlich lesenswert.

 


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