G7-Gipfel: Internationale Kooperation ist der beste Pandemieschutz

Andreas Gerber, Vorsitzender der Geschäftsführung von Janssen Deutschland

„Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele.” Dieses Zitat von Friedrich Wilhelm Raiffeisen passt gut zum bevorstehenden G7-Gipfel. Auf der Agenda stehen zahlreiche Themen, die eines gemeinsam haben: Sie erfordern grenzübergreifende Zusammenarbeit.

Covid-19 hat gezeigt, wie schnell ein Virus sprichwörtlich global viral gehen kann. Pandemien kennen keine Landesgrenzen. Sie können daher nur auf globaler Ebene bekämpft werden, nationale Alleingänge sind wenig zielführend. Dass der Schutz der globalen Gesundheit, insbesondere die Vorbereitung auf eine nächste (globale) Gesundheitskrise, auf der Gipfel-Agenda ganz weit oben steht, ist daher nur folgerichtig. Die G7-Präsidentschaft bietet Deutschland die Chance, entscheidende Weichen für eine global abgestimmte Pandemievorsorge zu stellen.

Schon heute sehen wir auf internationaler Ebene Ansätze für eine künftige Pandemieprävention. Etwa die „Finanz-Gesundheits-Task-Force“ zur gemeinsamen Bearbeitung finanz- und gesundheitspolitischer Fragestellungen, die Anfang 2022 unter italienischem G20-Vorsitz aufgesetzt wurde. Einen spürbaren Impact hat auch die im April 2020 gegründete Initiative „COVAX“. Sie soll weltweit den gleichberechtigten Zugang zu COVID-19-Impfstoffen sicherstellen und hat bereits 1,48 Milliarden Dosen an 145 einkommensschwache Länder geliefert. Wären diese Initiativen ohne globale Kooperation denkbar? Wohl kaum. Auch hier gilt: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele.”

Der transparente Austausch von Daten und Erkenntnissen innerhalb der globalen wissenschaftlichen Community war erfolgskritisch für die schnelle Entschlüsselung des Covid-Genoms und die Impfstoffentwicklung. Wissenschaftliche Netzwerke und Kooperationen sind Booster für medizinische Durchbrüche und unverzichtbar, wenn es um die Bekämpfung von Pandemien geht. Wir sind gut beraten, sie zu fördern und bestmöglich zu stärken, damit sie ihr Potenzial entfalten können. Gleiches gilt für digitale Technologien und Daten. Sie ermöglichen uns, Medikamente und Impfstoffe gezielt zu entwickeln beziehungsweise anzupassen sowie datenbasierte Entscheidungen zu treffen – seien es Therapieentscheidungen oder Entscheidungen im Hinblick auf Schutzmaßnahmen wie die Schließung von Schulen, Gastronomie oder Einzelhandel. Neben einer gesunden Balance aus Datenschutz und erlaubter Datennutzung braucht es dafür eine strukturierte Erfassung von Versorgungsdaten in guter Qualität, den gleichberechtigten Zugang sämtlicher Akteure dazu und nicht zuletzt eine IT-Infrastruktur, die die Interoperabilität von Daten und Systemen gewährleistet. Nicht zu vergessen: Es braucht verbindliche Regeln auf internationaler Ebene. Den von der EU geplanten Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) sehe ich hier als einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung.

 

Patentschutz als Basis für Innovationen

Für die Entwicklung innovativer Medikamente, Impfstoffe und Unterstützungsangebote für Patientinnen und Patienten auf der ganzen Welt ist ein verlässlicher Patentschutz ist unverzichtbar. Das enorme Tempo der Impfstoffentwicklung war nur möglich, weil die forschenden Unternehmen jahrzehntelang massiv in die entsprechenden Technologien und Plattformen investiert haben. Dabei sind sie ein enormes Investitionsrisiko eingegangen, denn: Von rund 5.000 möglichen Wirkstoffen schafft es durchschnittlich ein einziger bis zur Zulassung. Bis es soweit ist, vergehen in Deutschland bis zu 14 Jahre. Ein verlässlicher Patentschutz und eine faire Erstattung der heute zugelassenen Medikamente bieten Unternehmen die kalkulatorische Sicherheit, um das mit F&E einhergehende Investitionsrisiko zu schultern. Gezielte staatliche Investitionen in pharmazeutische Forschungsprogramme können diese wie ein Katalysator beschleunigen. Das gilt insbesondere für besonders risikobehaftete Bereiche wie die Pandemieprävention oder die Entwicklung von Reserveantibiotika.

Der Schutz des geistigen Eigentums kann aber noch mehr: Er ermöglicht forschenden Unternehmen, Informationen über ihre Erfindungen frühzeitig und transparent zu teilen, damit andere auf dieser Basis kostengünstigere Generika oder Biosimilars entwickeln können, ohne die kostenintensiven klinischen Studien wiederholen zu müssen. Ergo: Der Schutz des geistigen Eigentums sichert den Kreislauf von Innovation und Produktverbesserung. Diesen sollten wir – im Sinne von Patientinnen und Patienten weltweit – nicht unnötig unterbrechen.

Wenn wir sicherstellen wollen, dass ausreichend wirksame und sichere Impfstoffe zur Verfügung stehen, um das WHO-Ziel für die globale Impfkampagne gegen Covid-19 zu erreichen, müssen wir Kooperationen und Produktionsnetzwerke auf nationaler und internationaler Ebene aufbauen. Dass Deutschland sich im Rahmen des G7-Vorsitzes für die Unterstützung aller Säulen des ACT-Accelerators, einschließlich der lokalen Impfstoffproduktion in Entwicklungsländern, einsetzt, begrüße ich deshalb sehr.

 

Versorgungssicherheit gewährleisten

Die aktuelle Lage zwischen der Pandemie und dem furchtbaren Krieg in der Ukraine zeigt, wie wichtig zuverlässige Lieferketten und Notfallkapazitäten sind. Auf nationaler und EU-Ebene brauchen wir Kapazitäten, um die medizinische Versorgung der Menschen im Ernstfall sicherstellen zu können. Auf globaler Ebene müssen wir uns auf stabile Lieferketten verlassen können: In unserer vernetzten Welt hängt unsere medizinische Versorgung vom störungsfreien Transport medizinischer Produkte und Hilfsmittel ab. Einfuhr- bzw. Ausfuhrbeschränkungen und Zölle können zu Verzögerungen führen und den Zugang zu lebensrettenden Arzneimitteln gefährden. Je reibungsloser die internationalen Beziehungen funktionieren, desto besser können Patientinnen und Patienten weltweit versorgt werden.

Pandemic Preparedness bedeutet auch, dafür zu sorgen, dass Medikamente oder Impfstoffe so schnell wie möglich in die Versorgung und zu den Patientinnen und Patienten gelangen. Dass viele regulatorische Prozesse durchaus effizienter gestaltet werden können, haben wir in der Pandemie gesehen. Bestes Beispiel: das von der europäischen Arzneimittelbehörde EMA eingeführte „Rolling Review“-Zulassungsverfahren für Covid-19-Impfstoffe. Die klinischen Daten wurden noch während des laufenden Studienprogramms sukzessive analysiert. Dadurch konnten die Impfstoffe schneller zugelassen werden, ohne Abstriche bei der Qualität oder Sicherheit. Daraus sollten wir für andere lebenswichtige Medikamente lernen. Schnellere Zulassungsverfahren können Leben retten!

 

Globale Gesundheit gemeinsam schützen

Als forschendes Pharmaunternehmen und Teil des globalen Gesundheitsunternehmens Johnson & Johnson haben wir den Anspruch, Patientinnen und Patienten weltweit jederzeit bestmöglich medizinisch zu versorgen. Dabei sind wir auf internationale Zusammenarbeit angewiesen, sei es bei Daten aus klinischen Studien oder Komponenten für die Herstellung lebensrettender Medikamente. Deshalb begrüße ich sehr, dass die G7 den Multilateralismus und die internationale Kooperation in den Mittelpunkt ihres Austauschs stellen. Denn was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele.


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