Frauen wollen vom selben Arzt behandelt werden, Männer in erster Linie einen zeitnahen Behandlungstermin

US-amerikanische Studie mit mehr als 1.000 Befragten zur Terminplanung im ambulanten Sektor



Schnellere Termine beim niedergelassenen Arzt, kürzere Wartezeiten in der Praxis – Probleme, die in Deutschland ganz oben auf der gesundheitspolitischen Agenda stehen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu sind dürftig. Jetzt bringt eine US-amerikanische Studie[1] mehr Licht ins Dunkel. Ergebnis einer dezidierten Online-Befragung von 1.155 Personen: Frauen wollen eher von ihrem eigenen Arzt behandelt werden und zwar schnell. Männer sind auch mit einem alternativen Arzt zufrieden, pochen jedoch ebenso auf kurze Wartezeiten bis zum Termin. US-amerikanische Patienten sind zudem bereit, für einen schnelleren Termin zu zahlen. Für die Terminkoordination in Arztpraxen gibt es demnach keine Lösung von der Stange.

Die effiziente Terminplanung im ambulanten Sektor ist eine Herausforderung für jede Arztpraxis. Eine kürzlich erschienene US-amerikanische Studie liefert Erkenntnisse zu den Präferenzen zwischen verschiedenen Alternativen und dem Entscheidungsverhalten von Patienten. Ziel der Studie ist, Erkenntnisse zur Optimierung der Terminplanung für ambulante Gesundheitseinrichtungen zu liefern. Die Wissenschaftler haben dazu zuerst verschiedene Faktoren identifiziert, die das Verhalten der Patienten beim Besuch des niedergelassenen Arztes beeinflussen. Demnach favorisieren Patienten kürzere Zeitspannen bis zum Termin, als auch kürzere Wartezeiten in der Praxis selbst, mehr Flexibilität bei den Terminzeiten, Ärzte, die sie besser kennen, sowie niedrigere, selbst zu leistende Zuzahlungen.

Während diese Erkenntnisse trivial erscheinen und wenig überraschen, liefert die Studie darüber hinaus detaillierte Einblicke, wie genau Patienten diese verschiedenen Attribute gegeneinander abwiegen. Dabei stellen sie fest, dass das Geschlecht eine wesentliche Rolle spielt, wie Patienten längere Wartezeiten und die präferierte Arztwahl bewerten.

Im Rahmen der Studie haben insgesamt 1.155 Personen an sogenannten Discrete-Choice-Experimenten teilgenommen. Dabei handelt es sich um eine ökonometrische Methode. Die Teilnehmer müssen jeweils zwischen zwei verschiedenen hypothetischen Szenarien wählen. Sie unterscheiden sich in Bezug auf die relevanten Eigenschaften und werden systematisch variiert. Die Analyse einer Vielzahl von Wahlentscheidungen ermöglicht es, die relative Stärke der Präferenz für die jeweilige Eigenschaftsausprägung zu ermitteln. Gleichzeitig kann die Bereitschaft, für die jeweilige Termineigenschaft zu zahlen, bestimmt werden.

In dem Fall der Studie wurde dabei über vier separate Experimente[2] die relativen Einflüsse von den folgenden fünf Termineigenschaften bestimmt: Terminverzögerung, Flexibilität der Terminzeiten, behandelnder Arzt, Wartezeiten in der Praxis und selbst zu tragende Zuzahlungen. Tabelle 1 stellt die in der Studie differenzierten verschiedenen Eigenschaftsausprägungen dar. Alle – bis auf das erste Experiment, das in einem Gesundheitszentrum durchgeführt worden ist – haben online stattgefunden.

 

Tabelle 1: Termineigenschaften und Ausprägungslevel[3]

 

 

Dabei ist festgestellt worden, dass sowohl das Geschlecht als auch die Risikoeinstellung einen signifikanten Einfluss auf die Entscheidung hat. Frauen lehnen es zum einen eher ab, nicht von ihrem eigenen Arzt behandelt zu werden als Männer. Zum anderen empfinden Frauen einen höheren Versorgungsverlust, wenn sich der Zeitraum bis zum Behandlungstermin als längerfristig erweist. Diese Zusammenhänge erklären die Wissenschaftler damit, dass Frauen im Allgemeinen eher risikoscheu sind. Für sie erweist sich demnach die Dauer bis zum Arzttermin vergleichsweise wichtiger, weil für sie eine zeitliche Verzögerung ein erhöhtes Gesundheitsrisiko bedeuten könnte. Zudem haben nach Aussage der Wissenschaftler Frauen gegenüber Männern eine größere Abneigung, nicht den „Arzt ihres Vertrauens“ zu sehen. Das könnte ein erhöhtes Risiko in Bezug auf die Behandlungsqualität des „Vertretungsarztes“ darstellen, schlussfolgern die Wissenschaftler.

Wie Patienten letztendlich kurzes oder langes Warten bis zum Termin und die Qualität in Form des präferierten Arztes gegeneinander abwägen, hängt somit von ihrer eigenen Risikoeinstellung und dem Handeln des ambulanten Gesundheitsdienstleisters ab. Die Autoren schlussfolgern: Der Erfolg einer Maßnahme hängt davon ab, welche Patienten vor allem in die Arztpraxis kommen und wie ihre Präferenzprofile im Spezifischen aussehen. Zudem spielt es eine Rolle, wie lange die aktuelle zeitliche Verzögerung bis zu nächstmöglichen Behandlungstermin in der Praxis aussieht. Um die richtige Verbesserungsstrategie für eine Arztpraxis zu identifizieren, haben die Wissenschaftler auf Basis ihrer Erkenntnisse eine Entscheidungsmatrix entworfen (Abbildung 1).

 

Abbildung 1: Entscheidungsmatrix für operative Verbesserungen in der ambulanten Versorgung

 

 

Wenn eine Arztpraxis bspw. vorwiegend risikofreudige Personen behandelt, vor allem Männer, und die aktuelle Wartezeit hoch ausfällt, sollte die Praxis den Zugang zu der ärztlichen Versorgung verbessern. Ein Vorschlag ist, dafür zu sorgen, dass die Mehrheit der Patienten einen zeitnahen Termin erhalten, unabhängig davon, von welchem Arzt sie behandelt werden. Die Mehrheit von Risikoliebhabern, also Männern, wird durch den Arztwechsel keinen großen Nutzenverlust erleben, dafür allerdings einen Zugewinn durch kürzere Behandlungsverzögerung erfahren. Im Gegensatz dazu sollte eine Arztpraxis mit vorwiegend risikoscheuen Individuen, die vor allem weiblichen Geschlechts sind, die Kontinuität der Versorgung, d.h. die Behandlung beim eigenen Arzt, sicherstellen. Wenn die aktuelle Wartezeit zudem lang ist, sollte sowohl der Zugang als auch die Kontinuität der Versorgung verändert werden.

In der Studie ist auch untersucht worden, ob und in welcher Höhe Patienten bereit sind, für schnellere Termine zu zahlen. Im Vergleich fallen die Schätzwerte über die verschiedenen Stichproben relativ einheitlich aus. Allgemein sind Patienten dazu bereit, ca. 14 Dollar zusätzlich zu zahlen, wenn sie eine Woche kürzer auf den Termin warten müssen. Bei zwei Wochen weniger Wartezeit steigt die Zahlungsbereitschaft auf etwa 32 Dollar an. In Bezug auf kürzere Wartezeiten in der Arztpraxis würden die Patienten vier bis fünf Dollar für eine Zeitersparnis von 30 Minuten und 12 bis 13 Dollar für eine Zeitersparnis von 45 Minuten ausgeben. Im Durchschnitt liegt die Zahlungsbereitschaft für eine Behandlung vom eigenen Arzt bei zusätzlichen 14 bis 18 Dollar. Für flexiblere Terminwahlmöglichkeiten sind die Befragten nur bereit, drei bis fünf Dollar mehr zu zahlen.

Auf den Punkt gebracht, betont die Studie die Relevanz der Patientengruppe sowie des aktuellen Praxisgeschäftes bei der Ausgestellung von strategischen Verbesserungsmaßnahmen in der Terminkoordination. Eine Universallösung gibt es hier nicht, und mögliche Strategien können sich gegebenenfalls nicht nur als wirkungslos, sondern sogar kontraproduktiv entpuppen.

 

[1] Liu, Nan, Finkelstein, Stacey R., Koch, Margaret E. und David Rosenthal (2018): “When Waiting to See a Doctor Is Less Irritating: Understanding Patient Preferences and Choice Behavior in Appointment Scheduling”, Management Science.

[2] Insgesamt haben 132 Probanden an der Studie 1 im Gesundheitszentrum und jeweils 271, 367 und 385 Probanden an denen über die Online-Plattform Amazon MTurk durchgeführten Studie 2, 3, und 4 teilgenommen.

[3] Aus Gründen der Veranschaulichung werden hier nur die Eigenschaftsausprägungen für die online-durchgeführten Studien abgebildet. Die Ausprägung für die Studie im Gesundheitszentrum unterscheidet sich nur minimal. Eine Ausnahme stellt das Attribut „Selbst zu leistende Zuzahlung“ dar, da dieses in der Studie im Gesundheitszentrum nicht miteingeschlossen wird.

 

Redaktion / Mona Groß


© Observer Gesundheit


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