Elektronisches Rezept: Der Weg zum Erfolg führt über die Patienten

Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK)

Über die Chancen der digitalen Rezeptvariante wurde viel geschrieben und diskutiert. Sie erhöht Flexibilität und Sicherheit, vereinfacht Prozesse und könnte Versicherten in Verbindung mit anderen Angeboten im Sinne einer Plattformlösung einen großen Mehrwert beim „Managen ihrer Arzneimittel“ bieten. Das elektronische Rezept (eRezept) ist ein wichtiger Schritt zu einem digitalisierten Gesundheitswesen; seine Einführung ist längst überfällig.

Die Techniker Krankenkasse hat sich schon frühzeitig auf den Weg gemacht, das eRezept zu erproben – und das erfolgreich. Aus einem regionalen Projekt in Hamburg ist das bundesweite Projekt „eRezept Deutschland“ entstanden, an dem mittlerweile sieben Krankenkassen mit insgesamt fast 50 Prozent Marktanteil beteiligt sind. Die Einlösung und Abrechnung der bislang rund 1.600 ausgestellten digitalen Rezepte lief reibungslos.

 

Verschiebung der verpflichtenden Einführung des eRezeptes richtig

Im Dezember wurde die verpflichtende Einführung des elektronischen Rezepts verschoben, auf den letzten Drücker, zwölf Tage vor dem lang angekündigten Start am 1. Januar 2022. Den Start zu verschieben, war nicht nur aus Sicht der Techniker Krankenkasse die einzig richtige Entscheidung. In der Testphase wurden nicht einmal 50 eRezepte ausgestellt, und selbst diese wenigen Rezepte konnten teilweise nicht mit den Krankenkassen abgerechnet werden. Dabei werden täglich in Deutschland über eine Million Rezepte ausgestellt. Für eine flächendeckende Einführung muss es deutlich umfangreichere Tests geben. Ob das jüngst von der Gesellschafterversammlung der gematik beschlossene Kriterium von mindestens 30.000 eRezepten für die Testphase ausreicht, bleibt abzuwarten. Bei über 140.000 Arzt- und Zahnarztpraxen, fast 19.000 Apotheken und knapp 100 Krankenkassen mit mehr als 70 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland erscheint diese Hürde doch recht niedrig.

Doch die reine technische Umsetzung der Rezeptausstellung und -verarbeitung ist nicht der einzige Punkt, der das Großprojekt eRezept ins Stocken bringt. Die digitale Rezeptvariante kann nur ein Erfolg werden, wenn sie so gestaltet ist, dass sie von den Versicherten gern und auch in großer Zahl genutzt wird. Klar ist dabei: Digitalisierung nur um der Digitalisierung willen kann nicht erfolgreich sein. Um hier eine alte Marketing-Weisheit zu bemühen: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Doch dem Wurm – um noch im Bild zu bleiben – mangelt es bisher an Fokussierung auf die Nutzerinnen und Nutzer.

Sie wollen eine möglichst einfache und komfortable eRezept-Lösung. Schließlich hat die Digitalisierung im Alltag bereits für viele leicht zu nutzende Lösungen gesorgt. Sei es das Buchen einer Reise, der Einkauf per App im Internet oder die Nutzung von Carsharing-Angeboten. Das muss auch beim eRezept gelingen, um Akzeptanz zu schaffen. Einfach und angenehm wäre es, wenn das eRezept künftig auch ein Service der Krankenkassen-Apps ist, so wie zahlreiche andere digitale Versorgungsanwendungen auch – nach Auffassung der gematik jedoch mit einer einzigen Ausnahme: dem elektronischen Rezept. Dass dies aber möglich ist und attraktiv gestaltet sein kann, stellt das Projekt „eRezept Deutschland“ bereits unter Beweis.

Stattdessen soll eine Parallelstruktur entstehen, die dem Nutzergedanken „alles aus einer Hand“, in diesem Fall „Gesundheit aus einer Hand“, völlig widerspricht. Wer künftig ein eRezept digital nutzen möchte, braucht nach aktuellem Stand die gematik-App, dazu ein NFC-fähiges Handy, eine NFC-fähige Gesundheitskarte und eine besondere PIN. Zwar statten die Kassen ihre Versicherten nach und nach mit neuen Karten und zugehörigen PINs aus. Dieses Verfahren ist aber zeitaufwändig und teuer, der Anmeldeprozess für die Versicherten außerdem kompliziert, unnötig und er widerspricht dem Grundgedanken der Digitalisierung: Prozesse im Sinne aller Beteiligten einfach zu gestalten.

 

Ausdrucken des eRezeptes nicht erstrebenswert

Bereits jetzt haben sich schon viele Millionen Versicherte in sicheren Verfahren für die Apps ihrer Krankenkassen registriert und authentifiziert. Eine Verknüpfung würde für das eRezept die Basis bereiten, um von möglichst vielen Patientinnen und Patienten auch genutzt zu werden. Die App der gematik hat dabei ihre Berechtigung, zum Beispiel für Nutzerinnen und Nutzer, deren Krankenkasse kein entsprechendes Angebot vorhält oder die dieses Angebot aus persönlichen Gründen nicht nutzen wollen. Wer generell keine App nutzen kann oder möchte, erhält einen Papierausdruck. Dieser wäre aber bei der vorgesehenen Ausgestaltung des eRezepts eher die Regel als die Ausnahme. Und dass in Zukunft in deutschen Arztpraxen massenhaft eRezepte mit QR-Code ausgedruckt werden, ist nun wirklich kein erstrebenswertes Ziel.

Außerdem erwarten Versicherte zu Recht, dass mit der Digitalisierung von Medikamentenverordnungen noch mehr Vorteile verbunden sind als die digitale Weiterleitung in die Apotheke. Initiativen, die zur Patientensicherheit beitragen, wie der Abgleich mit der Priscus- oder Embryotox-Liste oder der Check zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, funktionieren jedoch nur, wenn die neue Verordnung mit Daten aus der elektronischen Patientenakte (ePA) verglichen werden kann. Aber genau das ist bisher nicht vorgesehen: eRezept bei der gematik, ePA bei den Kassen. Deshalb plädieren wir für eine Übermittlung der vollständigen Rezeptdaten an die Kassen-App der Patientinnen und Patienten – und zwar vor Abgabe des Medikaments.

 

Kassen tragen Teil der Verantwortung

Wie kann es jetzt weitergehen? Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat mit seiner Entscheidung, die Testphase des eRezepts zu verlängern, allen Beteiligten eine Atempause verschafft. Die sieben am Projekt „eRezept Deutschland“ beteiligten Krankenkassen – neben der TK auch BARMER, DAK-Gesundheit, AOK Bayern, IKK classic, BIG direkt gesund und HEK – haben dem BMG vorgeschlagen, die Zeit bis zur verpflichtenden Umsetzung des eRezepts für umfangreiche Tests zu nutzen und Maßnahmen zu ergreifen, die die breite Akzeptanz des eRezepts sicherstellen – in Praxen, Apotheken, vor allem aber bei den Patientinnen und Patienten. Eine Antwort aus dem BMG gibt es bisher nicht. Wir sind weiter bereit, unseren Teil der Verantwortung zu übernehmen und sowohl bei der gemeinsamen Entwicklung als auch beim Testen eine konstruktive Rolle einzunehmen.


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