Drugchecking: Wissen hilft

Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB, Sprecherin für Drogenpolitik und für Gesundheitsförderung, Obfrau im Gesundheitsausschuss, stellvertretendes Mitglied im Kulturausschuss der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

In der deutschen Partyszene ist der Konsum von Drogen weit verbreitet. Viele junge Erwachsene gehen zum Tanzen in Clubs und nehmen psychoaktive Substanzen zu sich. Es handelt sich überwiegend um gut gebildete und informierte Konsument*innen. Studien zeigen, dass neben Alkohol und Nikotin besonders häufig Cannabis, Ecstasy und Amphetamine (Speed) konsumiert werden. In den letzten Jahren ist der Wirkstoffgehalt unter anderem von den Ecstasy-Tabletten stark angestiegen. Für unerfahrene Konsument*innen kann das Überdosierungen und daraus resultierende medizinische Notfälle zur Folge haben. Zudem besteht für die Nutzer*innen keinerlei Klarheit über mögliche Streckmittel oder Verunreinigungen. Dabei ließe sich dieser Zustand leicht ändern.

Was in vielen europäischen Ländern bereits seit Jahrzehnten Realität ist, wird in Deutschland durch das Betäubungsmittelgesetz immer noch behindert: Drugchecking, eine Strategie zur Schadensminimierung im Bereich des illegalisierten Drogenkonsums. Berlin plant derzeit ein Drugchecking-Projekt, welches die Grünen-Bundestagsfraktion unterstützt. Eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes könnte ergänzend Rechtssicherheit auch für weitere Drugchecking-Projekte schaffen.

 

Vorbeugung von Risikodosierungen oder ungewollten Intoxikationen

Drugchecking ermöglicht die Analyse der stofflichen Zusammensetzung von psychoaktiven Substanzen, die auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden, sowie eine Rückmeldung der Ergebnisse an die (potentiellen) Konsument*innen. Durch das Angebot, Substanzen in Nachtclubs oder auf Festivals anonym testen zu lassen, kann Risikodosierungen oder ungewollten Intoxikationen vorgebeugt werden. Drugchecking kann Leben retten.

Die Programme beschränken sich nicht auf eine bloße Kontrolle der abgegebenen Substanzen, sondern finden im Rahmen von Information und Beratung statt. Die urteilsfreie und anonyme Beratung regt bei den Konsument*innen häufig eine Konsumreflexion an. Dabei bleibt der präventive Ansatz stets im Vordergrund, und es kann bei Bedarf auf fortführende fachkundige Beratungsangebote verwiesen werden. Auf diese Weise wird auf einen bewussteren Konsum und auf Risikoreduktion hingewirkt. Hervorzuheben ist der individuelle Ansatz, der nicht auf erzwungene Beratung setzt, sondern auf freiwilligen Dialog und Information. So können vor allem (potenzielle) Freizeitkonsument*innen erreicht werden, die von konventionellen Suchthilfeprogrammen nicht angesprochen werden. Drugchecking ist ein progressives und praxisorientiertes Konzept, um mit dem unausweichlichen Konsum von Drogen im Nachtleben umzugehen, risikominimierende Bedingungen für den Konsum zu schaffen und Aufklärungsarbeit zu leisten.

 

Einstieg in den Konsum kann verzögert werden

Für potenzielle, noch unentschlossene Personen kann Drugchecking den Einstieg in den Konsum verzögern oder ganz verhindern. Es gibt keine Hinweise für eine zu erwartende Steigerung der Prävalenzen. Wie gut die Erfahrungen in anderen Ländern sind, konnte auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, erleben, als sie ein Drugchecking-Projekt in Innsbruck besuchte und sich nach Medienberichten von diesem beeindruckt zeigte. Aktuell existieren für Konsument*innen in Deutschland lediglich im Internet selbst organisierte intransparente und zum Teil nicht vertrauenswürdige Quellen zur Einschätzung des Wirkstoffgehalts von Partydrogen. Zudem gibt es selfmade Projekte in der Clubszene oder auf Festivals. Öffentliche Bekanntmachungen von anerkannten und offiziellen Drugchecking-Programmen können hingegen verlässliche und glaubwürdige Informationen hinsichtlich des Wirkstoffgehalts der getesteten Substanzen liefern. Doch auch diese Informationen finden ihre Grenzen in der Übertragbarkeit auf Pillen einer anderen Charge, selbst wenn sich die Drogen optisch ähneln. Einen umfassenden Verbraucherschutz kann es nur auf einem kontrollierten Markt geben.

 

Bisher vergebliches Warten auf Initiativen der Bundesregierung

Es ist fortschrittlich, dass endlich auch die Drogenbeauftragte die Vorteile von Drugchecking anerkennt. Auf Initiativen der Bundesregierung warten wir bisher jedoch vergeblich. Der Drogenkonsum im Partykontext ist eine beständige Tatsache, denn der Konsum psychoaktiver und bewusstseinserweiternder Substanzen begleitet die Menschheit seit jeher. Es ist Zeit, dies auch von politischer Seite zu akzeptieren. Prohibitions- und Repressionspolitik des Drogenkonsums ist keine Lösung und begünstigt im Gegenteil negative Folgen für Konsument*innen.

Aus meiner 25jährigen Erfahrung als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie weiß ich, wie wichtig schadensminimierende Angebote sind. Die Kriminalisierung des Konsums illegalisierter Substanzen verstärkt die potentiellen Risiken des Substanzkonsums. Auf dem Schwarzmarkt gibt es keine Deklaration der Inhaltsstoffe, mit gesundheitsgefährdenden Folgen. Aufklärung und Transparenz fördern nicht den Konsum, sondern reduzieren die Risiken. Darum sind die Forderungen nach Angeboten des Drugcheckings und einer Neuausrichtung der Drogenpolitik bei den Expert*innen der Suchhilfe langjährig etabliert. Es liegt in der Verantwortung aller politischen Entscheidungsträger*innen, eine Umkehr einzuleiten, die einen sichereren Konsum von Drogen im Partykontext ermöglichen.

Andere europäische Länder wie Österreich, die Schweiz, das Vereinigte Königreich, Niederlande, Belgien, Spanien und Portugal können uns mit ihren Drugchecking-Programmen als Vorbilder dienen. Auch die EU-Kommission hat die Sinnhaftigkeit von Drugchecking erkannt und fördert es mit ihrem T.E.D.I- Programm (Trans-European Drug Information Project). Grund genug, auch in Deutschland die gesetzgeberischen Rahmenbedingungen zu schaffen, um risikoreduzierende Bedingungen im Partyleben herzustellen.


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