Drogen- und Suchtpolitik grundsätzlich neu ausrichten

Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer

Ein Leben ohne Drogen sollte für jede Einzelne* möglich und wünschenswert sein. Von keiner Gesundheitspolitik ist jedoch zu verhindern, dass Drogen ausprobiert und gebraucht werden. Das entscheidende Ziel der Drogenpolitik sollte deshalb sein: Jugendliche wie Erwachsene sollten lernen, Drogen generell so zu nutzen, dass sie ihre Gesundheit nicht gefährden und das Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit gering bleibt.

Die deutsche Drogenpolitik ist jedoch sehr unausgewogen: Cannabis, eine vergleichsweise moderat schädliche Droge, ist verboten, ihre Nutzer*innen werden kriminalisiert. Alkohol, eine deutlich gefährlichere Droge, ist dagegen fast überall verfügbar und ausgesprochen preiswert. In Deutschland sterben jedes Jahr 14.000 Personen an Alkoholerkrankungen und Leberschäden. Alkohol fördert aggressives und gewalttätiges Verhalten. Jede vierte Gewalttat erfolgt unter Alkoholeinfluss.

 

Cannabis-Verbotspolitik ist gescheitert

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hält es deshalb für notwendig, die Drogen- und Suchtpolitik grundsätzlich neu auszurichten. Sie fordert, Cannabis zu legalisieren, Alkohol deutlich stärker zu besteuern und beide ausschließlich über staatlich lizenzierte Geschäfte abzugeben. Die Cannabis-Verbotspolitik der vergangenen 50 Jahre ist gescheitert. Schon geringe Mengen wie der Besitz von mehr als sechs Gramm Cannabis führen dazu, dass die berufliche Zukunft von jungen Menschen gefährdet ist. Die Kriminalisierung von Cannabis führt aber auch dazu, dass bei psychischen Beschwerden erst viel zu spät professionelle Beratung und Behandlung gesucht wird.

Cannabis ist nicht harmlos: Es kann, anders als früher angenommen, auch körperlich abhängig machen und birgt insbesondere das Risiko, an einer Psychose zu erkranken. Mit Blick auf die Risiken anderer legaler Drogen wie Alkohol oder Tabak und die Wirkungslosigkeit der bisherigen Verbotspolitik, ist es allerdings sachlich nicht zu begründen, warum Cannabis immer noch kriminalisiert wird. Der Drogengebrauch wandelt sich: Cannabis ist die meistgebrauchte illegale Droge. Mehr als jede vierte Deutsche* hat schon mindestens einmal im Leben Cannabis als Rauschmittel genutzt. Jede zweite junge Erwachsene* (46,4 %) und jede zehnte Jugendliche* (10,4 %) hat dieses Rauschmittel schon einmal ausprobiert. Der Gebrauch von Cannabis nimmt seit Jahrzehnten zu – trotz Verbots und Strafen. Die deutsche Prohibitionspolitik konnte den steigenden Cannabis-Gebrauch nicht verhindern. Wir denken, dass die gesundheitlichen Gefahren durch eine Cannabis-Regulierung erheblich besser zu minimieren sind. Denn das zentrale Ziel bleibt auch bei einer Cannabis-Legalisierung das gleiche wie das der bisherigen Drogenpolitik: Drogenmissbrauch und -abhängigkeit zu vermeiden.

 

Flächendeckender Ausbau drogenbezogener Aufklärung und Hilfsangebote erforderlich

Die BPtK hat ein umfangreiches Paket an detaillierten Regelungen vorgeschlagen, die die Cannabis-Legalisierung ergänzen sollen. Diese können im Einzelnen in unserem BPtK-Standpunkt nachgelesen werden. Uns ist es besonders wichtig, noch ausführlicher zu erklären, warum wir eine präventive statt einer prohibitiven Drogen- und Suchtpolitik benötigen und warum wir diese für erfolgversprechender halten. Dafür ist ein flächendeckender Ausbau der drogenbezogenen Aufklärung und Hilfsangebote notwendig. Der Fokus muss dabei insbesondere auf Kindern und Jugendlichen liegen. Jugendliche beginnen in Deutschland durchschnittlich mit 15 Jahren, Drogen auszuprobieren und zu gebrauchen. Deshalb sollten ab der sechsten Jahrgangsstufe Aufklärungsprogramme zu Drogen an Schulen verpflichtend eingeführt werden. In dieser Zeit sollten handlungsleitende Einstellungen und Kompetenzen im Drogengebrauch vermittelt und erworben werden.

Dieser sollte weder verharmlost noch verteufelt werden. Jugendliche sollten lernen, Drogen so zu nutzen, dass sie ihre Gesundheit nicht gefährden, und das Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit gering bleibt. Die bisherige Informationspolitik setzt bei Cannabis fast ausschließlich darauf, den Gebrauch von Drogen zu verhindern. Ein solcher Ansatz erreicht die Jugendlichen aber nicht. Er wird als erzieherisch, lebensfern oder normativ erlebt. Dadurch wird der weit verbreitete Cannabis-Gebrauch tabuisiert und stigmatisiert. Jugendliche erlernen so, Drogen heimlich zu gebrauchen und Strafen zu vermeiden. In ihrem Drogengebrauch orientieren sie sich so vorrangig an ihrem Freundeskreis. Jugendliche lassen sich besser vor einem riskanten Drogengebrauch schützen, wenn sie einen aufgeklärten und eigenverantwortlichen Umgang mit Drogen erlernen.

 

Cannabisabgabe nur über staatlich lizenzierte Geschäfte

Und noch ein Punkt zum Jugendschutz: Oft wird argumentiert, eine Legalisierung von Cannabis gefährde gerade Jugendliche, und Cannabis werde dann von mehr Jugendlichen in gefährlichen Mengen gebraucht. Wir haben dazu die Studien aus den Ländern durchgesehen, in denen Cannabis legalisiert oder entkriminalisiert wurde. In all diesen Ländern hat eine liberale Cannabis-Politik nicht dazu geführt, dass mehr Jugendliche Cannabis gebrauchen als zuvor. In den USA und Kanada zeichnet sich bislang nur ein leichter Anstieg des Gebrauchs unter Erwachsenen ab. In Portugal und den Niederlanden, wo Cannabis seit mehreren Jahrzehnten entkriminalisiert ist, gebrauchen nicht mehr Menschen Cannabis als in anderen EU-Ländern.

Cannabis sollte auch nicht so leicht verfügbar wie Alkohol werden. Regelungen, durch die in anderen Ländern der Gebrauch verringert oder besser kontrolliert werden konnte, sollten auch in Deutschland umgesetzt werden. Cannabis sollte ausschließlich über staatlich lizenzierte Geschäfte abgegeben werden, nach seiner stärksten psychoaktiven Substanz, dem THC-Gehalt, besteuert und dieser auf höchstens 15 Prozent beschränkt werden. Genauso wichtig ist uns allerdings die Forderung, auch die Abgabe von Alkohol über staatlich lizenzierte Geschäfte zu regulieren und Alkohol erheblich zu verteuern. Alkohol ist in Deutschland viel zu billig. Die Alkoholsteuer sollte mindestens auf den europäischen Durchschnitt erhöht und ein Mindestpreis für Alkohol festgelegt werden. Auch die legale Droge Alkohol bedarf einer strengeren Regulierung. Bei Alkohol hat die Drogenpolitik bisher die gravierenden Schäden und Kosten nicht annähernd ausreichend berücksichtigt. Der Alkohol-Gebrauch ist das größte Suchtproblem in Deutschland. Auch das sollte sich ändern.

 

Das Konzept der BPtK zur Drogen- und Suchtpolitik finden Sie hier.


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