Digitalisierung in der Pflege: „wie“, nicht „ob“

„Chancen für die Pflege durch Digitalisierung“: TK-Forum beim Deutschen Pflegetag 2019

Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK)

„Pflege“ ist ein schillernder Begriff. Er kann nicht die Dimensionen abbilden, um die es bei der Pflege in ihrer ganzen Bandbreite geht – geschweige denn eine Idee davon geben, vor welchen Herausforderungen unser Land und unsere Gesellschaft stehen. Damit sind alle gemeint: Pflegebedürftige, ehrenamtlich sowie professionell Pflegende, Ärzte, Pflegeeinrichtungen und -dienste, Pflegekassen sowie viele andere, die mittelbar oder unmittelbar Unterstützung geben. Und wenn wir über die Digitalisierung sowie auch den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der Pflege sprechen, umfasst die Aufzählung seit einigen Jahren auch eine ganze Bandbreite von großen (IT-)Unternehmen bis zu Start-Ups.

Als Gastgeber des TK-Forums „Chancen für Pflege durch Digitalisierung“ beim diesjährigen Deutschen Pflegetag haben wir mit Wissenschaft und Praxis darüber gesprochen, welche Chancen Digitalisierung und KI bieten können, aber auch welche Hindernisse es zu überwinden gilt.

Die erfreuliche Botschaft vorweg: Es gab einen breiten Konsens, dass es nicht mehr darum gehen kann, „ob“ die Digitalisierung vermehrt Einzug in die Pflege hält, sondern „wie“ dies unter welchen Voraussetzungen in den ganz unterschiedlichen Bereichen des vielgestaltigen Begriffs Pflege gestaltet werden kann und sollte. Denn hier sind ganz unterschiedliche Situationen und damit einhergehend ganz verschiedene Pflegebedarfe zu adressieren: die ehrenamtliche Pflege in der Häuslichkeit ebenso, wie die Intensivpflege im Krankenhaus, die hauswirtschaftliche Unterstützung wie auch die professionelle Pflege im Seniorenheim. Die Liste ist selbstverständlich noch viel länger – und die Herausforderungen, vor denen wir alle in unseren jeweiligen Rollen stehen, werden ebenfalls größer und nicht kleiner.

 

Digitale Pflege-Hilfen der TK: CareSage als ein Beispiel

Die Pflegekasse der „Techniker“ bietet schon heute eine Reihe digitaler Hilfen für ihre pflegebedürftigen Versicherten und damit auch mittelbar für deren Angehörige an. Drei haben wir beim Deutschen Pflegetag besonders herausgegriffen, sie zielen darauf ab, Pflegebedürftige in ihrer Häuslichkeit zu unterstützen, damit auch ihr privates Umfeld zu entlasten und natürlich: den Verbleib in den eigenen vier Wänden so lange wie möglich zu unterstützen. Wie wichtig das ist, zeigt das Ergebnis des „TK-Meinungspuls Pflege“, einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2018: Mit über 83 Prozent der Befragten äußerte die übergroße Mehrheit den Wunsch, „im Fall des Falles“ im eigenen Zuhause gepflegt zu werden. Auf eine Senioren-WG entfielen 59 Prozent, die Pflege bei Angehörigen verzeichnete 48 Prozent, und das Pflegeheim kam auf 37 Prozent.

Stellvertretend sei hier CareSage genannt: der „Hausnotruf 2.0″, eine KI-Anwendung zur Sturzprävention und eine gemeinsame Studie der TK und Philips. Anders als der seit Jahren bekannte „Alarmknopf“ am Handgelenk soll „Sicher Zuhause“ Gesundheitsrisiken bei Pflegebedürftigen schon im Vorfeld erkennen, damit sich Stürze und daraus resultierende Krankenhauseinweisungen vermeiden lassen. Der um den Hals getragene Funksender erkennt mithilfe seiner Sensoren einen Sturz und löst einen automatischen Notruf aus; er registriert auch schon zuvor motorische Unsicherheiten. Zudem ermittelt die selbstlernende Technologie tagesaktuell einen Risikowert für die Studienteilnehmer. Stürzt der Patient, hört der alarmierte Mitarbeiter der Notrufzentrale nicht nur, dass jemand Hilfe benötigt, sondern verfügt auch über für diese Situation wichtige Informationen: Welche Vorerkrankungen liegen vor? Welche Medikamente sind zuvor verordnet worden? Pflegebedürftigkeit und ein möglichst selbstständiges Leben dürfen sich nicht ausschließen – die Umfrage-Ergebnisse sprechen da eine klare Sprache. Hier soll CareSage ansetzen, um die Eigenständigkeit im Alter so lange wie möglich zu unterstützen.

 

Qualität- und Effizienzsteigerung in der stationären Pflege: ein Plädoyer von Dr. Irmgard Landgraf

Die „Stimme der Praxis“ beim TK-Forum war Dr. Irmgard Landgraf, Fachärztin für Innere Medizin und Hausärztin sowie zugleich Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin, Mitglied der Arbeitsgruppe „Digitalisierung“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sowie Vorstandsmitglied im Hausärzteverband Berlin und Brandenburg – eine interessante Kombination aus Praxis und Systemebene. Vor 18 Jahren – als junge Ärztin mit eigener Praxis und junge Mutter – übernahm sie zusätzlich die Versorgung eines Pflegeheims mit 100 Patientinnen und Patienten. „Das geht nur, wenn ich das in der Vor- und Nachbereitung zeit- und ortsunabhängig organisieren kann“, war ihre Devise damals. Und die gilt noch heute. Sehr konkret erläuterte sie die Besonderheiten der ärztlichen Pflegeheimversorgung und zeigte anhand von Beispielen digital vernetzter Zusammenarbeit die Vorteile für den Versorgungsalltag. So steigt durch den Rückgang des administrativen Aufwands die Zeit für Therapie und persönlichen Kontakt.

Ohne im Pflegeheim zu sein, kann sie schon in der Praxis sehen, ob zum Beispiel ein Patient zu wenig Flüssigkeit zu sich genommen hat und sie die Medikation anpassen muss, ob sie Blutuntersuchungen anordnet oder online eine Therapieänderung vornimmt. Die digitale Vernetzung ermöglicht ihr ebenfalls die Entscheidung, ob der Hausbesuch sofort erforderlich ist oder etwas später erfolgen kann. Auch die Stationsvisiten lassen sich auf diese Weise besser vorbereiten. Erfolgskritische Voraussetzungen sind aus Landgrafs Sicht technischer und personeller Natur: Heim und Praxis brauchen die entsprechende PC-Ausstattung und zudem eine netzwerkfähige Software. In personeller Hinsicht muss eine zuverlässige Nutzung gewährleistet sein – auch an Sonn- und Feiertagen. Das Personal muss kompetent und geschult sein. Und gerade an Letzteres schließt sich ein: Es bedarf regelmäßiger gemeinsamer Schulungen.

„Ressourcenschonend“ war daher auch einer der Begriffe in ihrem Fazit. Und: „Niemand von uns möchte mehr auf die digital vernetzte Zusammenarbeit verzichten.“

 

Spielen Menschen mit Demenz eine Sonderrolle in Sachen Pflege? Dr. Winfried Teschauer über spezielle Bedürfnisse und Potenzial der Digitalisierung

Der „TK-Meinungspuls Pflege“ zeigt: 66 % der Menschen in Deutschland haben keinen Kontakt zu dementen Menschen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Jeder Dritte ist auf die eine oder andere Art und Weise damit konfrontiert, hat mit Menschen zu tun, die demenziell erkrankt sind. Und genau diejenigen sind pflegeskeptischer und haben mehr Sorge, selbst zu erkranken. Schon heute leben laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland mit Demenz, die Schätzung beläuft sich bis zum Jahr 2050 auf etwa drei Millionen. Das entspricht einer Zunahme von 100 Menschen pro Tag. Grund genug, sich auch hier des Themas Digitalisierung anzunehmen.

Es handelt sich um eine besonders vulnerable und schutzbedürftige Personengruppe, der kommunikative Zugang zu ihr sei überwiegend via Emotion möglich, so Dr. Teschauer, Beisitzer im Vorstand der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Und er machte zugleich das Dilemma mit Blick auf diese Patienten deutlich: Einerseits besteht aufgrund der Erkrankung gerade kognitiver Unterstützungsbedarf – und andererseits erschwert genau dieser kognitive Unterstützungsbedarf aufgrund der Spezifität der Erkrankung die praktische Nutzung. „Ersetzen digitale Assistenten die menschliche Zuneigung?“ war ebenfalls eine seiner Fragen bei den ethischen Erwägungen, was genau Digitalisierung in der Pflege für dementiell Erkrankte bedeutet. Ein großes Thema dabei natürlich: sozioemotionale Roboter. Auch wenn die Überschrift einer zitierten Zeitung lautete „Roboter als Krankenschwester der Zukunft“ – Dr. Teschauer vertrat ebenfalls die Meinung: Es geht nicht ums Ersetzen, sondern ums intelligente Unterstützen von Pflegebedürftigen und Pflegenden.

 

Smarte Pflege durch Digitalisierung: das Thema des Gesundheitsinformatikers Professor Dr. Bernhard Breil

Kompetenz, soziale Eingebundenheit und Autonomie waren drei wesentliche Stichworte von Professor Dr. Breil, der seit 2013 an der Hochschule Niederrhein forscht und lehrt. Seine Forschungsfrage ist: „Wie kann Digitalisierung dazu beitragen, dass pflegebedürftige Menschen weiterhin sozial eingebunden und weiterhin autonom sind? Auch in dieser Frage spiegelt sich der Konsens des Forums: Es geht nicht um das „Ob“, sondern um das „Wie“. Sprachassistenten können die Kommunikation mit Familie und Freunden verbessern, manchmal sogar erst ermöglichen, und so Einsamkeit lindern (die Vorstellung, einsam zu sein, beschäftigt laut TK-Meinungspuls Pflege ein gutes Drittel der Befragten). Ebenso können diese Systeme an die Medikamenteneinnahme erinnern, und vermögen auch auf diesem Weg einen wichtigen Beitrag zu einem möglichst langen Verbleib in der Häuslichkeit zu leisten. Gleiches gilt für intelligente Haussysteme – bekannt unter „Ambient Assisted Living“. Ganz oben steht auch hier die Sturzprophylaxe – ein wichtiger Aspekt, denn einer Studie zufolge stürzt fast jeder zehnte Pflegebedürftige innerhalb eines beobachteten Zeitraums von zwei Wochen, und Stürze und ihre Folgen können gravierende Folgen für die weitere gesundheitliche Entwicklungen und Autonomie der Patienten haben. Auch Professor Breil konstatiert, dass IT und Roboter Menschen nicht ersetzen können – „aber in vielen Bereichen unterstützen und so zu mehr Eingebundenheit und Autonomie beitragen“. Es gibt aber, so Breils weitere Schlussfolgerung, derzeit noch eine mangelnde Akzeptanz und schlechte Usability. Diese lassen sich, so der Krefelder Professor, durch interprofessionellen Austausch verbessern, bei dem auch Pflegebedürftige einbezogen werden müssen.

 

Fazit

Mein Fazit: Das TK-Forum beim 6. Deutschen Pflegetag gibt uns einen hilfreichen Blick in die – zumindest naheliegende – Zukunft.

  • Digitale Pflege bedroht nicht – sie hilft. Sie soll auch keine Angst machen, sondern unterstützen. Sie bedeutet keine Entmenschlichung, sondern das Gegenteil: eine Chance, Zeit für menschliche Zuwendung und bedarfsorientierte Pflege zu gewinnen – einer der Gründe, weshalb sich professionell wie auch informell Pflegende für ihren Beruf und ihre Aufgabe entschieden haben. Daher sind Digitalisierung und Zuwendung kein Widerspruch.
  • Digitale Unterstützung kann massiv auf den Wunsch von 80 Prozent der Menschen einzahlen – nämlich so lange wie möglich in ihrem eigenen häuslichen Umfeld zu bleiben.
  • Und auch die Pflegekassen sind gefordert, aktiver zu werden und die Chancen der Digitalisierung in der Pflege voranzutreiben. Die Angebote der „Techniker“ sind gute Beispiele dafür; und dieses Engagement werden wir ausbauen. Im kommenden Jahr hat die soziale Pflegeversicherung ihr „Silberjubiläum“. Die Digitalisierung geht schon heute nicht an ihr vorbei. Nun kommt es darauf an, das Miteinander von Pflege und Digitalisierung zu gestalten: im Interesse der Pflegebedürftigen und Pflegenden von heute und von morgen.

© Observer Gesundheit


Alle Kommentare ansehen