Die ottonova Krankenversicherung AG – der neue Stern am PKV-Himmel

Dr. Robert Paquet

Die ottonova AG ist der erste Neuzugang bei den PKV-Unternehmen seit langem. Und sie ist (fast) ausschließlich digital. Allein damit wird sie diesen Markt gehörig aufmischen. Schon das wäre Grund genug, sich auch aus der Perspektive der GKV näher damit zu beschäftigen. Die ottonova zeigt jedoch darüber hinaus, was digitaler Service schon heute kann und bietet ihren Kunden eine digitale Patientenakte. Davon können sich auch gesetzliche Krankenkassen eine Scheibe abschneiden.

 

Eine neue Versicherung für junge Menschen …

Die ottonova Krankenversicherung AG sitzt in der Ottostraße 4 in 80333 München. Sie wurde Mitte 2017 gegründet und ist die erste (fast) ausschließlich digital agierende private Krankenversicherung im deutschen Markt (https://www.ottonova.de). Aufgrund der überwiegend digitalen Abwicklung vom Vertragsabschluss über die Rechnungsstellung bis zur Kostenerstattung sind vergleichsweise günstige Tarife möglich. Hier tritt ein neuer Unternehmenstypus auf, der der „alten PKV“ beim Neugeschäft zu schaffen machen wird.

Die deutsche Versicherungsbranche hinkt technisch weitgehend hinter der Zeit her. Die personal- und kostenintensiven Vertriebsformen machen sie teuer. Die übrigen Geschäftsprozesse sind zu wenig automatisiert, bürokratisch und langsam. Der Digitalisierungsschub steht der Branche insgesamt noch bevor. Hier kann ein Unternehmen, das von vornherein auf den heutigen Stand der Technik setzt, einen echten Vorteil gewinnen.

Die ottonova AG setzt somit konsequent auf das Internet. Ihre Kunden sind die Digital Natives, die längst mit dem Smartphone ihre Bankgeschäfte erledigen, Car-Sharing nutzen, Kinokarten online buchen etc. An sie wendet sich der Web-Auftritt. Auch ihre Krankenversicherung sollen sie jetzt zeitgemäß organisieren können. Konsequent werden alle Leser geduzt (und „du“ wird klein geschrieben). Die Gründer und das Team der neuen Versicherung werden vorgestellt wie die Kollegen eines freundlich-jovialen Start-ups.

Der Vertrieb läuft – so scheint es – weitgehend über das Netz und damit ‚von selbst‘. Es gibt nur zwei (im Ergebnis ziemlich günstige) „Premium“-Tarife: Business und First Class („Wir machen Schluss mit dem Tarifdschungel.“). Die Leistungsdarstellung ist übersichtlich. Alles soll erklärtermaßen „einfach“ zu verstehen sein. Beim Business-Tarif gibt es ein Hausarztmodell: Facharztbesuche sind nur mit der Überweisung eines Hausarztes erstattungsfähig. „Als Primärärzte gelten Hausärzte, Allgemeinmediziner, Frauenärzte, Augenärzte, Zahnärzte und Notärzte. Alternativ kannst du dir auch eine Empfehlung über den ottonova Concierge holen.“

(„Der Concierge Service ist die zentrale Anlaufstelle für Information, Hilfe und Unterstützung rund um deine Gesundheit und deine Versicherung. Einfach, praktisch und immer verfügbar. – Wenn du krank bist, brauchst du vor allem eines: schnelle Hilfe. Sprich per App oder Telefon mit einem Arzt. Lass dich direkt zum Facharzt überweisen…. . Ab jetzt erhältst du individuelle Erinnerungen an Vorsorgeuntersuchungen. Den Termin gibt es auf Wunsch inklusive.“)

Hier unterscheidet sich der (nur wenig teurere) First Class-Tarif. Dort ist der Direktzugang zu allen Fachärzten inklusive. (Außerdem gibt es bei diesem Tarif über die Chefarztbehandlung hinaus das 1-Bettzimmer im Krankenhaus.) In beiden Tarifen gibt es nur zwei Varianten der Selbstbeteiligung: Entweder 10% pro Rechnungsbetrag (max. 500 € Selbstbehalt pro Kalenderjahr) oder 25% pro Rechnungsbetrag (mit max. 1.250 € Selbstbehalt pro Jahr). In beiden Tarifen gibt es (ohne Differenzierung) maximal 300 Euro Krankentagegeld, das man aber gegen Gebühren aufstocken kann. Zahnbehandlungsleistungen sind inklusive ohne zusätzlichen Selbstbehalt. Professionelle Zahnreinigung wird zu 100% erstattet (2 x pro Versicherungsjahr mit max. 125 € pro Behandlung). Sogar Heilpraktiker werden zu 100% bezahlt (bis 1.000 € pro Versicherungsjahr). Die in der PKV oft heiklen Leistungen wie „Anschlussheilbehandlung“ und Psychotherapie sind ausdrücklich eingeschlossen.

Bei gescannter Einreichung von Rechnungen wird die Erstattung innerhalb eines Tages versprochen. (Man kann jedoch auch Rechnungen per Post einschicken.) So sollen viele, nur zu gewöhnliche Ärgernisse mit der PKV vermieden werden.

Dass es mit der PKV Probleme gibt, wird nicht verschwiegen. Man erklärt, dass man keine unseriösen Einsteiger- oder Billigtarife anbiete. Appelliert wird vor allem an die staatliche Prüfung: „Du musst uns nicht blind vertrauen. Schon gar nicht bei einem so wichtigen Thema. Aber es kann schwierig für dich sein, alles, was wir hier geschrieben haben, ausreichend zu prüfen. Weil es allen Menschen so geht, gibt es zu diesem Zweck eine staatliche Institution: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz BaFin. Diese hat uns vor der Zulassung auf Herz und Nieren getestet: … Du kannst dir also sicher sein, dass das Unternehmen ottonova und unsere Produkte auf dem neuesten Stand sind und wie beschrieben funktionieren.“

Darüber hinaus wird mit einer individuellen elektronischen Patientenakte geworben, die einerseits Vorteile durch erhöhte Schnittstellennutzung und andererseits hohe zeitliche und monetäre Effizienz bietet.

Das ganze Angebot ist von der Sache her und im Auftritt perfekt auf die junge, Internet-affine Klientel zugeschnitten. Mit Understatement, aber doch ein bisschen elitär. Das Unternehmen sieht nicht nach „Entsolidarisierung“ aus und kommt den Bedürfnissen junger Selbständiger und qualifizierter Angestellter entgegen. Selbst für Familien zeigt es sich geeignet. Interessant ist darüber hinaus, dass das deutsche Fernbehandlungsverbot unterlaufen wird (durch den Service eines Schweizer Assistence-Dienstleisters/Ärzteteams „eedoctors“) und dass online-Krankschreibungen (ohne persönlichen Arztbesuch) versprochen werden.

Dass damit die rechtlichen Standards in Deutschland umgangen werden, hat in der kurzen Zeit des Bestehens der ottonova noch nicht zu Problemen geführt. „Seit dem Start des Digitalen Arztbesuches im Oktober letzten Jahres sind uns keine Beanstandungen von Seiten unserer Kunden bezüglich der Anerkennung von AU-Bescheinigungen berichtet worden“, wird auf Anfrage erklärt. Heikel könnte allerdings der Übergang von der Lohnfortzahlung zum Krankengeldbezug werden. Da die Krankengeld-Versicherung aber ebenfalls von der ottonova durchgeführt wird, wird sie ihre „eigenen“ online-Krankschreibungen wohl anerkennen. Außerdem ist es bei der jungen (und noch kleinen) Klientel des Unternehmens bisher wohl nur zu wenigen Krankengeldfällen gekommen.

Der Geschäftsbetrieb von ottonova wurde im Juni 2017 aufgenommen. Dem Magazin „Gründerszene“ zufolge hatte sich in einer ersten Finanzierungsrunde (in Höhe von fünf Millionen Euro) unter anderem Holtzbrinck Ventures an ottonova beteiligt, weitere 15 Millionen erhielt das Startup im März 2017 von mehreren Geldgebern, darunter Vorwerk Ventures und Tengelmann Ventures. In der neuen Finanzierungsrunde, in der auch die Koblenzer debeka mit 10 Millionen Euro eingestiegen ist, dürfte ottonova mit rund 100 Millionen Euro bewertet worden sein.

Vorbild von ottonova ist das mit mehreren Milliarden US-Dollar bewertete Insurtech-Startup Oscar aus New York, das eine digitale Krankenkasse für die ‚Generation Y‘ anbietet.

 

… und ihre elektronische Patientenakte

Da ist sie wieder. Auch bei ottonova. Das Stichwort „elektronische Patientenakte“ löst fast immer positive Reaktionen aus. Dabei geht die von ottonova präsentierte Lösung kaum über die Sammlung von Papierbelegen und Dokumenten hinaus, die viele Patienten in ihren Aktenordnern bei sich zu Hause pflegen. So wird etwa in dem „Timeline“ genannten Kalendarium für „Allgemeinarzt“, „Apothekeneinkauf“, „Krankenhaus“ und „Internist“ etc. die Terminvereinbarung gespeichert: „Schluss mit losen Zetteln und Arztbriefen in der Schublade. Deine persönliche Timeline sammelt für dich alle wichtigen Ereignisse und dazugehörigen Dokumente. So verlierst du nie den Überblick und hast immer alles griffbereit.“ Dann gibt es noch die Rubrik „Rechnungen & Dokumente“: „Scanne deine Rechnungen mit der ottonova App und erhalte innerhalb kurzer Zeit dein Geld zurück. Auch andere wichtige Dokumente und Notizen lädst du hier hoch, um sie den Ereignissen in deiner Timeline zuzuordnen oder mit ottonova zu teilen.

Die elektronische Speicherung und die damit gegebene Portabilität der Dokumente ist sicher ein Vorteil. Auch die Sortierung/Zuordnung der Informationen zum Hausarzt bzw. den konsultierten Fachärzten etc. markiert einen potentiellen Fortschritt gegenüber der Papierakte. Die eigentlich jedoch von der elektronischen Patientenakte erwarteten therapie-förderlichen Fortschritte sind auf diese Weise nicht zu erreichen. Der weitergehende Nutzen der Patientenakte ist nämlich nur so groß, wie die Intelligenz im Aufbau und in der Verknüpfung der gespeicherten Informationen. Die Akte muss so sortiert sein, dass sie Wichtiges und Unwichtiges unterscheidet. Ob das durch Formulare, Baumstrukturen, Filter etc. geleistet wird, mit denen neue Informationen in die Akte einfließen, oder ob künstliche Intelligenz auch ungeordnet bzw. automatisch eingepflegte Dokumente nach den entscheidenden Kriterien sortieren kann, ist dabei gleichgültig.

Nur wenn die Akte tatsächlich so sortiert ist, oder selbst das Wesentliche herausfiltern bzw. analysieren kann, kann ein (neuer) Arzt (bei einer neuen Krankheit oder Verordnung) mit geringem Aufwand sehen, z.B. welche Medikamenten-Interaktionen zu berücksichtigen sind oder wie bestimmte Diagnosen und Symptome möglicherweise zusammenhängen. Nur mit einem auf die medizinische Versorgung (und nicht auf die Abrechnung mit der Kasse) ausgerichteten modularen Aufbau kann die Patientenakte ihre positive Wirkung entfalten.

Die „Akte“ von ottonova bleibt hinter diesen Anforderungen weit zurück. Zwar bringen die jungen Mitglieder der neuen Versicherung zunächst nicht viel „Morbidität“ mit und dürften in der ersten Zeit nur selten komplexere Gesundheitsprobleme haben. Daher dürfte sich das Problem der Übersichtlichkeit in den Anfangsjahren in engen Grenzen halten bzw. erst allmählich einstellen. Eine intelligente Akte wäre aber gerade für Menschen mit vielen Erkrankungen bzw. Multimorbidität und entsprechend komplexen Behandlungspfaden nützlich. Der Arzt sollte sich (erst recht im Notfall) schnell in der Akte zurechtfinden und bei seinen Behandlungsentscheidungen unterstützt werden. Für diese Fälle wirkt das Angebot der ottonova aber noch so ähnlich wie die Belege-Sammlung im Schuhkarton, die man dem Steuerberater auf den Tisch stellt. Der hat jedoch für die Einkommensteuererklärung Zeit. Der niedergelassene Arzt kann aber keine Stunden mit dem Lesen und Suchen zubringen, egal ob ihm Papiere oder elektronische Dokumente vorliegen. Die elektronische Patientenakte der ottonova ist daher ein guter Anfang. Aber erst ein allererster.

 


© Observer Gesundheit


Alle Beiträge Management/Trends ansehen