Die Lehren aus Corona in Bremen

Claudia Bernhard, Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz der Freien Hansestadt Bremen

Glücklicherweise war der Zeitplan hinsichtlich der Verkaufsplanungen noch nicht so weit fortgeschritten, dass das alte große Bettenhaus am kommunalen Klinikum Bremen-Mitte bereits anderweitig genutzt oder gar abgerissen gewesen wäre. So aber stand es noch da und konnte als Isolierstation für stationäre Covid-19-Patienten sofort eingesetzt werden. So ähnlich ist es auch anderen Kommunen gegangen. In einer österreichischen Krankenhaus- Umfrage zu Erfahrungen in der Corona-Krise wurde immer wieder genannt, dass stillgelegte Gebäude reaktiviert oder bereits aufgegebene Altbauten wiederbelebt wurden. Man war froh um jedes Gebäude, jeden Quadratmeter, jedes Bett, das noch vorhanden war.

Leider ging die Krankenhaus-Planung der letzten Jahre genau in die entgegengesetzte Richtung. Hohe Bettenauslastung, bauliche Konzentration, Abbau aller Reserven waren die Kriterien. Das ist die vielleicht wichtigste Lehre aus der Pandemie: Für den aktuellen Betrieb optimierte Krankenhaus-Strukturen können auf unerwartete Herausforderungen nicht reagieren. Gesundheitsversorgung braucht Flexibilität, Puffer, Kapazitäten über den Moment hinaus. Das gilt für bauliche Anlagen, Schutzausrüstung und Geräte ebenso wie für das Personal. Die kommunalen, die freigemeinnützigen und die privaten Krankenhaus-Träger im Land Bremen haben in der Pandemie eine Zusammenarbeit gezeigt, die wir so sonst nicht häufig sehen. Gemeinsam wurden zusätzliche Behandlungskapazitäten geschaffen.

 

Eigene Beschaffungsstelle für Schutzausrüstungen eingerichtet

Wie überall, bestand eine große Herausforderung in der Beschaffung von Material: Beatmungsgeräte und Schutzausrüstung. Die Abhängigkeit von importierten Schutzausrüstungsgütern aus China hat auch bei uns zu einer massiven Verknappung geführt. Wir haben eine eigene Beschaffungsstelle eingerichtet und weltweit nach persönlicher Schutzausrüstung gesucht, sie eingekauft, gelagert und an Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und Ärztinnen, Pflegeheime und Gesundheitseinrichtungen verteilt. Die Erfahrungen waren teilweise abenteuerlich: extreme Preissprünge, verschwundene Ware, Auslieferung von Schutzausrüstung unter Polizeischutz. Solche Situationen dürfen sich nicht wiederholen.

Besonders hervorzuheben ist in der Pandemiebewältigung die Arbeit des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Die Kolleginnen und Kollegen in den Gesundheitsämtern haben eine unglaubliche Arbeit geleistet und tun es immer noch. Die große Herausforderung dabei war, dass der öffentliche Gesundheitsdienst in den vergangenen Jahren unter massiven Kürzungen zu leiden hatte und auch deshalb personell viel zu knapp aufgestellt war.

Kernaufgaben der Gesundheitsämter mussten heruntergefahren oder eingestellt werden, um Personal umzuverteilen, es wurden Überstunden gemacht und wir konnten kurzfristig rund 100 Containment-Scouts einstellen, die bei der Kontaktpersonennachverfolgung unterstützen.

 

Tragfähige Pandemie-Planung wird gebraucht

Aus solchen Erfahrungen können und müssen wir lernen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir mit vergleichbaren Pandemien auch in Zukunft werden umgehen müssen. Dafür brauchen wir eine Pandemie-Planung, die tragfähig ist. Wir müssen Konzepte haben, wie wir innerhalb kürzester Zeit Behandlungskapazitäten schaffen können. Wir brauchen ein permanentes Beschaffungs- und Bevorratungsmanagement von Schutzausrüstung und medizinischen Geräten, dass flexibel reagieren kann und uns nicht wieder in Situationen der Knappheit bringt. Dazu gehört ein personell gut ausgestatteter öffentlicher Gesundheitsdienst inklusive einer modernen Infrastruktur.

Als Frauensenatorin liegt ein sehr wichtiger Schwerpunkt meiner Arbeit aber auch auf der Frage, was diese Pandemie für Frauen bedeutet. Während des Lockdowns, der richtig und nötig war, waren die Auswirkungen für Alleinerziehende, die in aller Regel Frauen sind, mit am stärksten. Zudem war damit zu rechnen, dass wir einen Anstieg an Fällen häuslicher Gewalt verzeichnen müssen, weshalb wir sehr schnell die Plätze in Frauenhäusern aufgestockt haben.

Gerade die Tätigkeiten und Berufe mit sehr hoher Frauenquote haben eine hohe Systemrelevanz. In der Pflege wurde der enorme Personalmangel noch deutlicher, im Einzelhandel waren und sind die Beschäftigten mit erhöhten Belastungen konfrontiert und die Beschäftigten in Kitas und Schulen standen und stehen ganz neuen Herausforderungen gegenüber. Hier müssen wir alle gemeinsam endlich entschlossen handeln und Verbesserungen erzielen, die sich in einer besseren Bezahlung und deutlich besseren Arbeitsbedingungen ausdrücken müssen.

 

Aktuelles Fallpauschalen-System nicht zukunftsfähig

Ein leistungsfähiges, flexibles, gut ausgestattetes Gesundheitssystem ist ein Schutzschild für die Menschen und für die Volkswirtschaft. Das aktuelle System der Fallpauschalen ist nicht zukunftsfähig. Ein Bonus ist unzureichend, auch wenn die Altenpflegerinnen und Altenpfleger diese Prämie mehr als verdient haben. Was wir brauchen, sind allgemeinverbindliche Tarifverträge auf einem Niveau, das mit Ingenieurberufen oder den Exportbranchen mithalten kann. Sonst wird es keinen Nachwuchs für die Gesundheitsberufe mehr geben.

Die Kompetenz von Wissenschaft und Beschäftigten im Gesundheitswesen hat uns in der Krise vor dem Schlimmsten bewahrt. Regierungen, Institutionen und vor allem die Bevölkerung müssen auch künftig in die Lage versetzt werden, Prävention umfassend zu verstehen und Verantwortung für Gesundheit zu übernehmen. Das geht nur, wenn alle gleichermaßen einbezogen und ernst genommen werden, und sich dies konkret in Ressourcen ausdrückt.


© Observer Gesundheit


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