Corona-Pandemie bringt mehr Defizite ans Licht, als manchem lieb ist

Dr. Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK)

Angst vor einer schweren Infektion, finanzielle Nöte, kaum Kontakte oder Austausch – die notwendigen Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie können auf die Dauer psychisch krank machen. Hinzu kommt ein politisches Krisenmanagement, das viele Fragen unbeantwortet lässt: Warum kamen Maskenpflicht und eine differenzierte Teststrategie nicht viel früher? Warum gab es nicht spätestens seit dem Sommer 2020 Hygienekonzepte für Kitas und Schulen? Warum nicht für Pflegeheime? Warum hinkt Deutschland beim Impfen so hinterher? Von der Hochleistungsmedizin abgesehen, kommen wir gar nicht gut durch die Pandemie. Jens Spahn ahnte das schon im Frühjahr 2020: „Wir werden viel verzeihen müssen.“ Inzwischen ist vor allem klar: Wir werden ihm viel verzeihen müssen.

Die Corona-Pandemie hat jedoch auch Defizite im deutschen Gesundheitssystem deutlich gemacht, die nicht verziehen, sondern behoben werden sollten. Die Pandemie hat vielfach sichtbar gemacht, was grundsätzlich falsch läuft.

 

Beispiel: Pflegende und Pflegebedürftige

In Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern sind Pflegende auch ohne Pandemie überdurchschnittlichen Belastungen ausgesetzt. Dies führt dazu, dass sie öfter und länger krankgeschrieben sind als Menschen in anderen Berufen. Im Jahr 2018 waren bei der Techniker Krankenkasse versicherte Pflegende rund acht Tage länger krankgeschrieben als Berufstätige insgesamt. Innerhalb der Pflegekräfte zeigte sich, dass Altenpfleger*innen sogar noch drei Tage länger krankgeschrieben waren als Personen in der Krankenpflege.

Die häufigsten Gründe für Arbeitsunfähigkeit waren psychische Diagnosen. Altenpfleger*innen waren doppelt so häufig aufgrund psychischer Probleme krankgeschrieben wie Berufstätige insgesamt, insbesondere aufgrund von Depressionen und Belastungsstörungen. Dann kam die Pandemie. Die Überlastung der Überlasteten wuchs weiter. So blieb keine Zeit für Hygienekonzepte, keine Zeit für verängstigte Menschen, die nicht verstehen konnten, was mit ihnen geschah. Viel zu häufig blieb Isolation das einzige Mittel.

Nicht erst seit der Pandemie ist klar, dass es bei Patient*innen mit psychischen Erkrankungen in Pflegeeinrichtungen gravierende Versorgungsdefizite gibt. Im Durchschnitt leiden rund 70 Prozent der Heimbewohner*innen unter einer demenziellen Erkrankung und zwischen 20 und 50 Prozent unter affektiven Störungen, am häufigsten unipolaren Depressionen. Psychopharmaka in Pflegeeinrichtungen sind für Patient*innen mit und ohne demenzielle Erkrankung Alltag: 43 Prozent der Patienten mit einer Demenz erhalten Neuroleptika als Dauermedikation, gefolgt von Antidepressiva (30 %) sowie Anxiolyta und Sedativa (jeweils 6 %). Zudem erhalten 33 Prozent der stationär Pflegebedürftigen ohne Demenz Antidepressiva als Dauerverordnung, gefolgt von Neuroleptika (20 %) sowie Sedativa (12 %) und Anxiolytika (8 %).

Dabei werden diese Medikamente – insbesondere Neuroleptika – in Kenntnis der damit verbundenen Risiken verordnet, obwohl wirksame nicht-medikamentöse Therapien existieren. Insbesondere für die psychotherapeutische Behandlung depressiver Erkrankungen in Alten- und Pflegeheimen unter Einbezug der Pflegenden und Angehörigen liegen Wirksamkeitsbelege vor. Aber auch zur Prävention und Behandlung von psychischen und Verhaltensstörungen bei Demenzerkrankten kann durch Schulungen von Angehörigen und Pflegenden sowie durch kognitive Stimulation die Gabe von Antipsychotika verringert werden. Aber diese nicht-medikamentösen Therapien erfordern Personal: qualifizierte Pflegende und Psychotherapeut*innen. Um zu erkennen, wie viel in der Pflege im Argen liegt, brauchte es wirklich keine Pandemie!

Die Konzertierte Aktion Pflege (KAP) soll Abhilfe schaffen, vielleicht kommen sogar verbindliche Personalvorgaben. Nur wer wählt diesen Beruf jetzt noch? Aktuell läuft die Entwicklung jedenfalls in eine andere Richtung. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet, dass die Zahl der Beschäftigten in der Pflege von Anfang April bis Ende Juli um 9.000 oder 0,5 Prozent zurückging. Wie sehen junge Menschen ihre langfristigen Perspektiven in der Pflege? Abhängig vom Mindestlohn? Ein flächendeckender Tarifvertrag für die Altenpflege ist jedenfalls gescheitert. Wird die Gesundheitspolitik wirklich umdenken? Oder setzen die politisch Verantwortlichen in der nächsten Legislaturperiode auf Kostendämpfung, damit weder Beiträge noch der Bundeszuschuss erhöht werden müssen?

 

Beispiel: Kinder und Jugendliche

Das Risiko für Kinder und Jugendliche psychisch krank zu werden, ist schon ganz ohne Pandemie auch Ausdruck sozialer Ungleichheit. Kinder und Jugendliche erkranken häufiger an psychischen Störungen, wenn ihre Eltern einen niedrigen oder mittleren Bildungsabschluss oder ein geringes Einkommen haben. In Familien mit wenigen sozioökonomischen Ressourcen sind Kinder zweieinhalb Mal so oft psychisch auffällig wie in Familien mit hohen sozioökonomischen Ressourcen. Bei Kindern aus Familien mit mittlerem Bildungsniveau (zum Beispiel anerkannte Berufsausbildung) ist das Risiko, an einer Angststörung oder einer Depression zu erkranken, 20 bis 30 Prozent höher als bei Kindern aus Familien mit hohem Bildungshintergrund. Das geringste Risiko haben Kinder aus Akademikerhaushalten.

Familien mit geringeren sozioökonomischen Ressourcen haben deutlich höhere psychosoziale Belastungen. Aufgrund niedriger Einkommen kommt es häufiger zu engen Wohnsituationen und Konflikten in den Familien. Insbesondere Familienkonflikte erhöhen das Risiko für psychische Auffälligkeiten der Kinder. Aufgrund der geringeren Ressourcen erfahren Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringen sozioökonomischen Ressourcen weniger emotionalen Rückhalt.

So war die Ausgangslage. Es verwundert deshalb nicht, dass es auch vom Einkommen und der Bildung der Eltern abhängt, wie gut die Familien mit der Corona-Pandemie zurechtkommen. Zwei Drittel der Familien mit hohem sozio-ökonomischen Status gaben an, „ganz gut“ durch die Krise gekommen zu sein. Dies traf jedoch nur auf die Hälfte der Familien mit geringerem Bildungsniveau und Einkommen zu. Weit über 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden unter dem erneuten Lockdown während der zweiten Coronawelle. Fast jedes dritte Kind ist momentan psychisch auffällig, vor der Pandemie traf dies nur auf jedes fünfte Kind zu. Zugenommen haben vor allem Ängste und psychosomatische Beschwerden. Kinder sind niedergeschlagen, gereizt, haben Kopf- oder Bauchschmerzen oder können nicht einschlafen – so die Ergebnisse der COPSY Studie.

Durch die Corona-Pandemie wurden Kinder aus sozial benachteiligten Familien noch einmal stärker abgehängt. Ihre Eltern waren weniger in der Lage, das Homeschooling zu übernehmen, beengte Wohnverhältnisse und mangelnde Rückzugsmöglichkeiten verschärften familiäre Spannungen und Konflikte nochmals. Aber brauchten wir wirklich eine Pandemie, um festzustellen: Familien in schwierigen Lebenslagen brauchen mehr Unterstützung, damit ihre Kinder gesund aufwachsen können. Aber brauchten wir wirklich eine Pandemie, um die soziale Schieflage unseres Bildungssystems als das zu sehen, was es ist: ein Skandal. War eine Pandemie notwendig, um sich einzugestehen, dass Familien, die mit schwierigen soziökonomischen Bedingungen zurechtkommen müssen, deutlich mehr Unterstützung brauchen.

Die Pandemie wirft ein Schlaglicht auf „die im Dunklen“. Wie wenig Zuwendung, Respekt, gute Pflege und angemessene Behandlung unsere Gesellschaft Pflegedürftigen zugesteht. Wie wenig Familien, Kinder und Jugendliche, insbesondere, wenn sie mit schwierigen Bedingungen zurechtkommen müssen, gesehen werden. Es wäre unverzeihlich, nach der Pandemie das Licht einfach wieder auszuknipsen.

 

Literatur

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). S3-Leitlinie Demenzen 2016. (https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/038-013l_S3-Demenzen-2016-07.pdf, Zugriff am 05.07.2018).

Glaeske G, Schicktanz C. BARMER GEK Arzneimittelreport 2011 (https://www.barmer.de/blob/36436/1cead1cd0eff75123de78c0286fafad0/data/pdf-arzneimittelreport-2011.pdf, Zugriff am 05.07.2018).

Gutzmann H, Schäufele M, Kessler EM, Rapp MA. Psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung von Pflegebedürftigen. In: K Jacobs, A Kuhlmey, S Greß, J Klauber und A Schwinger (Hrsg.). Pflege-Report 2017 – Die Versorgung der Pflegebedürftigen. Schattauer Verlag (2017).

Thürmann PA. Einsatz von Psychopharmaka bei Pflegebedürftigen. In: K Jacobs, A Kuhlmey, S Greß, J Klauber und A Schwinger (Hrsg.). Pflege-Report 2017 – Die Versorgung der Pflegebedürftigen. Schattauer Verlag (2017).

BPtK-Hintergrund: Corona Pandemie und psychische Erkrankungen 2020 (www.bptk.de )

Schlack, R., Göbel, K. & Baumgarten, F. Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in einer bevölkerungsbezogenen, epidemiologischen Erhebung: Ergebnisse der KiGGS-Langzeitstudie. in Kinder- und Jugendreport 2019: Gesundheitsversorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland Schwerpunkt: Ängste und Depressionen bei Schulkindern 157–177.

Klasen, F., Meyrose, A. K., Otto, C., Reiss, F. & Ravens-Sieberer, U. Psychische Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland: Ergebnisse der BELLA-Studie. Monatsschr. Kinderheilkd. 165, 402–407 (2017)

Ravens-Sieberer, UlrikeKaman, AnneOtto, ChristianeAdedeji, AdekunleDevine, JanineErhart, MichaelNapp, Ann-KathrinBecker, MarciaBlanck-Stellmacher, UlrikeLöffler, ConstanzeSchlack, RobertHurrelmann, Klaus Psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen während der COVID-19-Pandemie – Ergebnisse der COPSY-Studie Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 828-9; DOI: 10.3238/arztebl.2020.0828


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