Braucht Deutschland eine nationale Diabetesstrategie?

Dietrich Monstadt MdB, Berichterstatter u.a. für Diabetes und Adipositas der CDU/CSU-Fraktion

In unserer heutigen Gesellschaft gilt Diabetes mellitus als eine der bedeutendsten Volkskrankheiten Deutschlands. Mit derzeit rund 12 Millionen Betroffenen[1], inklusive einer Dunkelziffer von zehn bis 20 Prozent und bei einer relativen Zunahme der Typ-2-Diabetesfälle um 54 bis 77 Prozent (+3,8 Mio. + 5,4 Mio. Fälle) bis 2040, können wir von ca. 16 Millionen Diabetiker innerhalb der nächsten 20 Jahre ausgehen[2]. Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenversagen sind nur einige der Folgeerkrankungen, die auftreten können und einen schwerwiegenden Krankheitsverlauf mit sich bringen. Dies stellt sich zusehends als eine starke Belastung für das Gesundheitswesen dar.

Die WHO geht von ca. 1,6 Millionen Toten pro Jahr aus, die an den Folgen eines Diabetes mellitus versterben. In Deutschland wird nach Berechnungen des Deutschen Diabetes-­Zentrums in Düsseldorf jeder zehnte Euro für direkte medizinische Kosten des Typ-2-Diabetes aufgewendet. Dies entspricht rund 16 Milliarden Euro pro Jahr.

Als betroffener Diabetiker und Berichterstatter für Diabetes und Adipositas der CDU/CSU Fraktion im Deutschen Bundestag, arbeite ich seit Jahren an einer nationalen Diabetesstrategie. Daher war es mir auch besonders wichtig, dass im Koalitionsvertrag, den ich mitverhandelt habe, festgehalten wurde, dass wir Volkskrankheiten gezielt bekämpfen und eine nationale Diabetesstrategie implementieren wollen.

 

Ziel einer nationalen Diabetesstrategie 

Eine Diabetesstrategie muss sich auf alle Bereiche konzentrieren, die hier eine wichtige Rolle spielen. Dazu zählen Versorgung, Forschung und nicht zuletzt Prävention. Nur so kann der, in der diabetologischen Versorgung auf uns zukommende „Tsunami“, aufgehalten werden.

Im Bereich der Versorgung wollen wir eine qualitativ hochwertige, flächendeckende und bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung sicherstellen. Wer bereits an Diabetes erkrankt ist, benötigt eine kontinuierliche, wohnortnahe, ambulante Langzeitbetreuung. Wichtig ist, dass die sektorenübergreifende Versorgung (Hausarzt, Schwerpunktpraxis, Klinik) weiter ausgebaut wird. Dazu erforderliche Daten könnten über die Disease- Management-Programme (DMP) erfasst werden. Aktuellen Zahlen zufolge ist knapp die Hälfte aller Diabetikerinnen und Diabetiker im DMP Programm eingeschrieben. Im Referentenentwurf zum Faire-Kassenwahl-Gesetz sollten die DMP zuerst gestrichen werden. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass es nicht dazu gekommen ist. Gerade bei einer chronischen Krankheit wie Diabetes, die dieses Maß an Disziplin fordert und gleichzeitig in ihrer Ausprägung so individuell ist, sind strukturierte Behandlungsprogramme dringend notwendig.

 

Teilnahmebereitschaft für DMP erhöhen

In der Diabetesstrategie, die wir derzeit im Deutschen Bundestag diskutieren, fordern wir darum auch von den zuständigen Partnern der Selbstverwaltung, die Teilnahmebereitschaft der Patientinnen und Patienten für die DMP zu erhöhen, um zu erreichen, dass sich noch mehr Erkrankte einschreiben. Die Programme können nach Auswertung dieser Datensätze passgenauer weiterentwickelt werden, damit z.B. Folgeerkrankungen verhindert werden.

Ich begrüße außerdem, dass nun die Telemedizin vorangetrieben wird. Die telemedizinische Versorgung ist ein wichtiger Faktor in der nationalen Diabetesstrategie und wird Patientinnen und Patienten eine bessere Versorgung ermöglichen. So wie die Einführung der Video-Sprechstunde, die vorzugsweise im ländlichen Raum für die Patientinnen und Patienten eine enorme Entlastung bedeutet. Auch Apps auf Rezept und die Elektronische Patientenakte halte ich für einen großen Gewinn in der Versorgungslandschaft der Zukunft.

Besonders hilfreich ist die Einführung digitaler Diabetes-Tagebücher. Sie helfen nicht nur den Ärztinnen und Ärzten dabei, genauere Auswertungen vorzunehmen. Langfristig bieten sie auch einen Datenschatz, der für die Diabetes-Forschung erforderlich ist.

Im Haushalt des Bundesministeriums für Gesundheit sind bereits Mittel zu verschiedenen Maßnahmen bereitgestellt worden, die sich Projekten und Workshops zur Aufklärung und Prävention von Diabetes mellitus widmen. Dabei steht die Entwicklung von personalisierter Diabetes-Medizin im Vordergrund, welche sich auf Basis der Daten eines Registers, eines digitalen Tagebuchs oder der der DMP erforschen und ausbauen lässt. Insbesondere die Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Bewegung oder auch Arzneimitteleinnahme ist dabei von großem Interesse.

Die große Herausforderung bei Präventionsmaßnahmen ist nicht nur, Verhaltens- und Verhältnisprävention zu verankern, sondern auf Grund der ressortübergreifenden Zuständigkeiten, alle Beteiligten für die gleichen Wege zum Ziel zu gewinnen.

Nach langer Arbeit und vielen Verhandlungen mit dem Koalitionspartner und den Ernährungs- und Landwirtschaftspolitikern, bin ich nach wie vor zuversichtlich, dass wir uns einigen können und nun schnellstmöglich die nationale Diabetesstrategie auf den Weg bringen werden.

 

[1] https://www.dzd-ev.de/diabetes/index.html

[2] Vgl. Medical Tribune


© Observer Gesundheit


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